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Donnerstag, 19. September 2019

Lindberg, Christian - A composer's portrait

Auf Kollisionskurs mit der Avantgarde


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zusammen mit den unterhaltsamen Werkeinführungen Lindbergs hat BIS eine nicht nur unterhaltsame, sondern auch in sich runde und als überaus gelungen zu bezeichnende Produktion vorgelegt.

In erster Linie ist der Schwede Christian Lindberg (geb. 1958) Posaunist, ohne dass er sich damit allein jedoch zufrieden gäbe. So definiert er nicht nur die Grenzen des Posaunenspiels neu, sondern ist darüber hinaus auch vermehrt als Komponist und Dirigent in Erscheinung getreten. Das schwedische Label BIS hat einige Aufnahmen von Werken Lindbergs zusammengestellt und, mit einem Einführungstext des Komponisten versehen, als ‚Komponisten-Portrait’ herausgebracht.

Lindberg als Komponist und Interpret

Präsentiert werden Werke unterschiedlicher Gattungen, die von verschiedenen Orchestern und Ensembles in den Jahren 2003-2004 eingespielt wurden. Abgesehen von der Autorschaft der Stücke ist Lindberg auch im Bereich der Interpretation der rote Faden, der sich durch die gesamte CD zieht, da er als einzige Person an jeder Interpretation beteiligt gewesen ist. Mit ‚Helikon Wasp’ für Orchester und dirigierenden Posaunisten wird das Programm gleich durch das ungewöhnlichste Stück eröffnet. Neben alternativen Klangerzeugungen wie Mundstücksummen wird die Rezitation bzw. das Singen eines Gelegenheitstext aus der Feder des Komponisten verlangt, der dem Stück nicht nur den Titel verleiht, sondern auch Lindbergs generelle Einstellung gegen einen übersteigert intellektualisierten Kulturbetrieb, bei dem die Emotionen auf der Strecke bleiben, thematisiert. Autoren unverständlicher Texte, die meinen, die Leserschaft durch das Jonglieren mit Fremdworten blenden zu müssen, bekommen ihr Fett im Rahmen des Einführungstextes zum letzten Stück der CD, ‚Behac Munroh’ für Trompete, Posaune und Orchester weg. Einen ganzen Abschnitt lang fabelt Lindberg von Obertonreihen, architektonischen Bausteinen und Brahmaputra-Texten, um all das kurz darauf als kompletten Unsinn zu enttarnen, versehen mit dem Hinweis, die Musik doch einfach so zu nehmen, wie sie ist.

Die mittleren drei Werke

Die beiden bereits genannten Werke umrahmen drei weitere Stücke: Das Flötenkonzert ‚The World of Montuagreta’, ‚Condor Canyon’ für Posaune und Blechbläserquintett sowie ‚... ty solen är uppe!’, eine Strindberg-Vertonung für Posaune und Männerchor. Die Inspiration zum Flötenkonzert bekam Lindberg durch einen Dokumentarfilm. Das Konzert gibt sich als eine Folge auskomponierter gedanklicher Bilder – die Kenntnis dieser durch bloße Titel ohnehin nur unzureichend vermittelten Bilder ist zum Hören des Stückes jedoch nicht erforderlich. ‚Condor Canyon’ dann ist trotz des bildhaften Titels durch und durch absolute Musik. Im Strindberg-Stück schließlich hat Lindberg von sich wieder einmal die über sein eigentliches Aufgabenfeld als Posaunist hinausgehende Verwendung der Stimme verlangt. Lindbergs Kompositionsstil ist durchaus eingängig und weitestgehend unproblematisch. Durch den unbefangenen Rückgriff auf gewisse Stile oder Typen erreicht jedes Werk eine bestimmte charakteristische Färbung. So hat ‚Behac Munroh’ etwas Spanisches an sich, während die Klänge des Flötenkonzerts bisweilen orientalisch anmuten. Als Ganzes betrachtet zeigt sich demnach ein vielfältiger Stil, wobei jede Komposition in sich jedoch durch Selbstbeschränkung einheitlich gestaltet ist.

Erstklassige Interpretationen

Die Aufnahmen aller fünf Stücke überzeugen rundum und können nicht zuletzt wegen der Beteiligung des Komponisten als mustergültig angesehen werden. Die Flötistin Sharon Bezaly spielt ihr Solo einfühlsam und virtuos zugleich, erstklassig begleitet durch das vom Komponisten dirigierte Swedish Chamber Orchestra. Allergrößte Sicherheit und Virtuosität ist auch dem Trompeter Ole Edward Antonsen zu bescheinigen, der in ‚Behac Munroh’ den idealen Partner für den hier konzertant auftretenden Lindberg gibt; es begleitet in diesem Fall das Basque National Orchestra, geleitet von Cristian Mandeal. Ebenso gut präsentiert sich das São Paulo Symphony Orchestra, dem Lindberg als dirigierender Posaunist in ‚Helikon Wasp’ vorstand. Die Orphei Drängar, dirigiert von Robert Sund, schaffen mit klaren Stimmen und guter Intonation den geheimnisvoll-mystischen Untergrund in der Strindberg-Vertonung, über den sich dann Lindbergs Rezitation bzw. sein Posaunenspiel erheben kann. Überaus harmonisch ist auch das Zusammenspiel Christian Lindbergs und des Stockholm Chamber Brass für ‚Condor Canyon’, die hier als eine Einheit auftreten. Lindberg gelang es offenbar, in allen Fällen seine Begeisterung auf die Musikerkollegen zu übertragen, denn jedes Stück wird engagiert und mit spürbarem Genuss dargeboten.
Auch die Aufnahmequalität ist in allen fünf Fällen außergewöhnlich gut. Das Klangbild ist hervorragend, der Ton natürlich und frei von Störungen. Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Stücken, seien sie interpretatorischer oder technischer Art, sind im Prinzip nicht vorhanden, so dass die gesamte Produktion trotz der disparaten Anlage wie aus einem Guss erscheint.

Zusammen mit den unterhaltsamen Werkeinführungen Lindbergs hat BIS eine nicht nur unterhaltsame, sondern auch in sich runde und als überaus gelungen zu bezeichnende Produktion vorgelegt. Gerade die Stücke, die sich Lindberg selber auf den Leib geschrieben hat, liegen, durch seine Mitwirkung bedingt, in mustergültiger Interpretation vor. Ob es große Kunst von bleibendem Wert ist, die Lindberg geschaffen hat, mag mancher bezweifeln wollen – entschieden wird diese Frage aber ohnehin von der Zukunft. Wer jedoch hier und heute ähnlich denkt wie der Komponist und sich über Engstirnigkeit und festgefahrene Riten in der Neue-Musik-Szene aufregt, könnte an diesem ‚Befreiungsschlag’ seine helle Freude haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Christian: A composer's portrait

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BIS Records
1
31.03.2005
76:29
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
7318590014288
bis501428


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Lindberg, Christian
 - Helikon Wasp - für dirigierenden Posaunisten und Orchester
 - The World of Montuagretta - für Flöte und Kammerorchester
 - Condor Canyon - für Posaune und Blechbläserquintett
 - ...ty solen är uppe! - für Posaune und Männerchor
 - Behac Munroh - für Trompete, Posaune und Orchester


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Dirigent(en):Lindberg, Christian
Mandeal, Cristian
Sund, Robert
Orchester/Ensemble:Sao Paulo Symphony Orchestra
Swedish Chamber Orchestra
Basque National Orchestra
Interpret(en):Lindberg, Christian
Bezaly, Sharon
Antonsen, Ole Edvard


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"Lindberg verkörpert den selten gewordenen Typus des Instrumentalisten, der nicht nur (vorwiegend für sein eigenes Instrument) auch komponiert, sondern auch dirigiert. Mit dieser Aufnahme ist das Portrait Lindbergs komplett, der seit 20 Jahren nun bei BIS veröffentlicht. Auf BIS 501248 war er wie auf unzähligen BIS-Scheiben vorher als Posaunist zu hören, und BIS 501268 stellte ihn als Dirigenten vor."


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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