> > > Britten, Benjamin: Simple Symphony
Dienstag, 26. Mai 2020

Britten, Benjamin - Simple Symphony

Mustergültiges vom chronischen Wunderkind


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Naxos-Zweitauflage der Aufnahmen von Steuart Bedford und der Northern Sinfonia mit den zeitlich einen großen Bogen spannenden Werken von Benjamin Britten – von der Simple Symphony bis zu der Suite on English Folk Tunes – bringt es erneut an den Tag: sie ist eine der besten der zahlreichen Aufnahmen, die in den 90er Jahren für Collins Classics entstanden.

Atmosphärisch dicht

Man hat manchmal den Eindruck, als sei Britten bereits in voller Reife auf die Welt gekommen. In einer Zeit, in der die meisten den Sprung aus dem Sandkasten in den Gefühlspool der Pubertät wagen, schrieb Britten schon Musik, die eines Teenagers erstaunlich ‚unwürdig’ ist. Britten, das chronische Wunderkind, reifte womöglich weniger am eigentlichen Leben als vielmehr am künstlerischen Werk selbst. Die ‚Simple Symphony’ von 1934 ist eines dieser formvollendeten Werke eines 21jährigen, der darin Melodien verarbeitet, die in der Tat noch aus Kindertagen stammten. Da blinken die verschiedenen Stilepochen auf wie die Warnampeln an einer Baustelle, dort ein gelehriges Fugato, da ein wenig Mahler – alles aber technisch so brillant für Streichorchester gesetzt, als habe das Streichmusikrepertoire lange darauf gewartet. Brittens eigene Aufnahme dieses Werks aus dem 60er Jahren glänzt gegenüber der Aufnahme von Bedford durch größere dynamische Prägnanz, Bedford fordert von der Northern Sinfonia stattdessen die Betonung der Binnenstrukturen der polyphonen Satzanlage und verleiht der ‚Sentimental Sarabande’ den großen Bogen Mahlerscher Tragik. Es ist gerade dieser Kontrast zu der Verspieltheit des Werkes an sich, der dem Werk tiefere Stringenz gibt. Überhaupt atmen die Aufnahmen die Atmosphäre der Tragik, die Britten in seiner letzten Oper ‚Death in Venice’ heraufbeschworen hat. Bedford hatte die Uraufführung geleitet und auch die erste Plattenaufnahme geleitet. Ernst und atmosphärisch dicht, aber auch mit Bedacht auf die Detailbearbeitung der Formkonzepte der Werke führt Bedford auch durch die Partituren der anderen eingespielten Werke.

Die ‚Temporal Variations’ und ‚A Charm of Lullabies’ erlebten in der Orchestrierung durch Colin Matthews einst bei Collins Classics ihre Plattenpremiere. Was Britten 1936 für Oboe und Klavier komponierte und es nach harscher Kritik zurücknahm, orchestrierte Matthews 1993 für Oboe und Streicher. 1994 wurde diese Fassung der ‚Temporal Variations’ von Nicholas Daniel an der Oboe und Steuart Bedford uraufgeführt. Daniel ist auch der Solist dieser Aufnahme. Delikat transparent, technisch brillant ausgedeutet ist diese Einspielung ausgefallen. ‚A Charm of Lullabies’, 1947 für die Mezzo-Sopranistin Nancy Evans komponiert, wird hier ebenfalls in einem Arrangement von Colin Matthews präsentiert. Catherine Wyn-Rogers kann ihre stimmlichen Qualitäten mit denen von Nancy Evans durchaus messen, singt mit profilierter Tongebung und exakter Ausdeutung des Textes. Organisch in die Textur des orchestralen Gewands eingebunden, erweist sich die Northern Sinfonia auch in kleinerer Besetzung als ideales Klangensemble von höchster Transparenz. Die überzeugendeste Leistung dieser Aufnahmen liefern Bedford, die Northern Sinfonia und Bratschist Philip Dukes in Brittens ‚Lachrymae’. 1950 hatte er diese ‚Reflektionen über ein Lied von John Dowland’ (If my complaints could passions move) für William Primrose geschrieben, in einer Fassung für Viola und Klavier. Bis zum Februar 1976 musste das Werk darauf warten, ein Arrangement für Viola und Streichorchester zu bekommen. Britten gab dem Werk damit dichtere, atmosphärischere Textur. Den technisch hochkomplexen Part füllt Philip Dukes in einer Weise aus, der Referenzcharakter besitzt: stets tonsauber die klangspezifischen Forderungen Brittens bis ins Äußerste nachvollziehend, gewinnt sein Viola-Spiel einen Grad an Plastizität, wie man ihn vom Bratschenspiel sonst kaum erwarten darf. Die Sequenz von kontrastierenden Variationen, die mehr in die Substanz des Dowland-Liedes einzudringen trachten als diese traditionell variationstypisch auszuloten, mündet in einer Rückführung des Materials von Britten zum Originaltonsatz von John Dowlands Lied. Dies an sich ist schon einer der bewegendsten Momente in der Musik Brittens. Bedford unterstreicht diesen Moment dadurch, dass er mit Einsatz des Tonsatzes von Dowland das Orchester und den Solisten ohne Vibrato spielen lässt, was eine fullminante Schlusswirkung erzielt und man den Eindruck hat, dass beide Komponisten sich über die Jahrhunderte hinweg hier die Hand reichen.

Mit der wehmutsvollen ‚Suite on English Folk Tunes’ aus dem Jahr 1974, Brittens letztem Orchesterwerk, klingt die CD aus. Wieder macht sich der klanglich dichte, tragische Tonfall bemerkbar. Doch der große Bogen ist auch hier gerechtfertigt und Bedfords Dirigat strahlt vielmehr Ruhe und Kontemplation aus als Simon Rattles Stabführung, der dieses Werk ebenfalls vor einigen Jahren für EMI eingespielt hat und in seiner Aufnahme eine völlig unpassende nervöse Unruhe verbreitet. Bei Bedford schwingt immer auch der Gedanke an einen Komponisten mit, der mit der Welt wie sie ist, nicht zurecht kam. Dies gibt diesen Aufnahmen unumstößliche Stringenz und höchste Empfehlung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Britten, Benjamin: Simple Symphony

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
03.01.2005
Medium:
EAN:

CD
0747313220526


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Britten, Benjamin
Matthews, Colin


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Dirigent(en):Bedford, Steuart
Orchester/Ensemble:Northern Sinfonia of England
Interpret(en):Daniel, Nicholas
Wyn-Rogers, Catherine
Dukes, Philip


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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