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Samstag, 26. September 2020

Strauss, Richard - Salome

Ein Vermächtnis setzt Massstäbe


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Meilenstein der Strauss-Interpretationen und unbedingt empfehlenswert.

Als Clemens Krauss im März 1954 den Taktstock hob, um mit den Wiener Philharmonikern im damals noch von den Alliierten besetzten Wien die Gesamtaufnahme von Richard Strauss’ ‚Salome’ für Decca einzuspielen, konnte keiner ahnen, dass dies Krauss’ tondokumentiertes Vermächtnis werden würde. Zwei Monate später war der Dirigent tot. Es ist aber nicht allein die Aura des Ultimativen, die diese Aufnahme zu einer Legende gemacht hat, sondern diese 51 Jahre alte Einspielung ist schon deswegen eine Jahrhundertaufnahme, weil neben der Brillanz der Darbietung die tiefe Verwurzelung in der Musik Richard Strauss’und das Wissen um die adäquate Ausführung hier einen Grad erreicht hat, der auch ein halbes Jahrhundert später zutiefst beeindruckt.

In der Tradition des Fin de Siècle

Kaum ein anderer Dirigent der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war mit der Musik Richard Strauss’ so vertraut wie Clemens Krauss. Selbst noch in der dirigentischen Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts ausgebildet und mit der Orchesterkultur der Zeit aufgewachsen, dürfen seine Interpretationen der Opern von Richard Strauss mit Fug und Recht als authentisch bezeichnet werden. Krauss war ein enger Freund des Komponisten und dirigierte die Uraufführungen von ‚Arabella’, ‚Friedenstag’, ‚Capriccio’ und ‚Die Liebe der Danae’. Linienführung und Orchesterbehandlung werden auch in dieser Salome-Einspielung von 1954 von Clemens Krauss in einer Klarheit behandelt, wie man sie insbesondere im Falle dieser Oper kaum ein zweites Mal zu hören bekommt. Die Uraufführung der ‚Salome’ in Dresden lag seinerzeit gerade mal 49 Jahre zurück und Krauss’ Dirigat in Tradition und Reminiszenz des Fin de Siècle ist zur maßstabsetzenden Legende geworden.

Bildhafte Darstellungsqualitäten

Legendär auch ist die Sängerschar, die Krauss für die Aufnahme im Wiener Musikvereinssaal versammelte. Julius Patzak, gefeierter Florestan und Palestrina, versierter Interpret von Lied und Oratorium gleichermaßen, in der Rolle des neurasthenischen Herodes hält die unnachahmliche Balance zwischen Lüsternheit und Dekadenz und dem Weichei-Dasein des Königs von Judäa in überaus dramatisch ausgestaltetem Maße und die Gradwanderung zwischen Schauspiel und Gesang gelingt ihm in bestechender Weise. Patzak singt, ohne zuviel zu singen und spricht seine Rolle, ohne zu viel zu sprechen, was ihn zu einem der besten Interpreten des Herodes macht. Die Herodias von Margareta Kenney ist hier weniger keifendes Weib, sondern wahrlich die Mutter ihrer Tochter: eine alternde Hure, stolz auf das, was sie erreicht hat und angewidert von der alltäglichen Dekadenz. Kenney verleiht ihrer Herodias noch Rudimente vergangener Laszivität, zugleich aber auch macht sie durch ausreichend dramatisches Potential ihren Ekel vor der Schwach- und Geilheit ihres Mannes deutlich. Die vielleicht undankbarste Partie der Oper weiß Kenney durch klare Artikulation und stimmliche Präsenz aufzuwerten. Hans Braun gibt einen jugendlich-schlanken Jochanaan ab. Ein starker Prophet sitzt hier im Kerker, dessen volumenreiche Stimme auch dann nicht eng wird, wenn er sich zum hohen ‚fis’ hinaufschwingen muss und auch in der Höhe dynamisch spannungsgeladen aussingt. Der warme, runde Ton von Anton Dermota als Narraboth, die hervorragend ausphrasierte Linie und die stringente dynamische Balance seiner Interpretation sind fast zu schade, als dass der gute Narraboth bereits nach Beginn der Oper Selbstmord begeht. Denn seine Augen und andere sinnenfreudige Körperteile sind einzig auf die Tochter des Herodes, Salome, gerichtet. Und was für eine Salome! Christel Goltz bringt in ihre Rolle genau jene Mischung aus Jugend und erotischem Kalkül ein, die das Ideal der Salome darstellt. Es sind die bildhaften Darstellungsqualitäten, die auf der Ebene des Gesangs – und nicht nur dort – diese Einspielung zu einem Erlebnis werden lassen. Eine Sängerin großen Stils hat sich Strauss für die Rolle der Salome gewünscht – Christel Goltz dürfte der Vorgabe des Komponisten durchaus entsprechen. Die horrend schwierige Partie füllt sie mit Kraft aus, die sich nie zur Verbissenheit und sängerischer Künstlichkeit steigert. Immer ist ihr Gesang natürlich und an der Linie orientiert, mit starkem, aber klaren Vibrato. Und sie interpretiert ihre Salome in einer Textdeutlichkeit und Textverständlichkeit, die andere Interpretinnen meist vermissen lassen. Vor allem in der Schluss-Szene kostet Goltz die für Salome letztlich tödliche Mischung aus Neugierde und Begierde in einem dramaturgisch hochspannenden Fokus aus, der womöglich in der Geschichte der Salome-Einspielungen einzigartig geblieben ist.

Stark durchformt

Clemens Krauss dirigiert die Wiener Philharmoniker in einer Sternstunde der Strauss-Interpretationen. Die gewaltige Partitur, in der alles stark durchformt ist, in der es keine Hierarchie der Instrumente gibt, geht Krauss mit äußerster Orchesterplastizität an. Keine Sekunde, in der die Textur nicht genügend Klarheit ausstrahlt. Keine Phrase, deren Balance aus dem Gleichgewicht gerät. Salomes Tanz, zum Beispiel, ist wohl kaum profilierter und mit so viel Konturenschärfe aufgenommen worden. Es ist ein sensibilisiertes Dirigieren und die Wiener Philharmoniker reagieren darauf mit emotionalem Ausspielen der Linien, aber mit transparenter Diktion der Strauss’schen Harmonik. Nie wird das musikalische Material breiig breitgetreten oder das lasziv-schwüle Ambiente, das Salome schafft, vom Orchester übernommen. Vokale und instrumentale Schichten sind immer aufs Beste ausbalanciert, die Sängerinnen und Sänger sind nie dazu gezwungen, sich angestrengt Gehör zu verschaffen. Ein Musterbeispiel für musikalische Balance.

Die Tontechnik des Jahres 1954 bei Decca war ebenfalls phänomenal, brachte sie doch das Wunderwerk fertig, eben jene angesprochene Balance für die Schallplatte so einzufangen, dass der Hörer keine Einbußen hinnehmen musste. Natürlich wurde hier noch mono aufgenommen und natürlich lässt die Aufnahme ein wenig profunde Bässe vermissen. Das Ohr jedoch gewöhnt sich und filtert automatisch all die klanglichen Unzulänglichkeiten der fünf Jahrzehnte alten Einspielung aus. Nach wenigen Minuten hat man sich bestens eingehört.

Bonusmaterial

Einige Schmankerl hat sich Naxos als Appendices aufgehoben: vier legendäre Salomes – Emmy Destinn, Göta Ljungberg, Marjorie Lawrence und Ljuba Welitsch – geben sich hier ein Stelldichein mit Ausschnitten aus Aufnahmen der Jahre 1907, 1929, 1934 und 1949. Dazu gesellt sich eine Aufnahme von Salomes Tanz mit dem Boston Symphony Orchestra unter Fritz Reiner aus dem Jahr 1945. Funkelnde Perlen an diesem ohnehin funkelnden Schmuckstück der Schallplattengeschichte. Ein Meilenstein der Strauss-Interpretationen und unbedingt empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Salome

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
31.01.2005
Medium:
EAN:

CD
0747313301423


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Strauss, Richard


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Dirigent(en):Krauss, Clemens
Orchester/Ensemble:Wiener Philharmoniker
Interpret(en):Goltz, Christel
Patzak, Julius
Kenney, Margareta
Braun, Hans
Dermota, Anton


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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