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Samstag, 24. August 2019

Lully, Jean-Baptiste - Persée

Lully und Perseus in Kanada


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jean Baptiste Lullys Tragedie lyrique ‚Persée’, 1682 für den Hof Ludwig XIV. geschrieben, ist eine jener mit Allegorien spielenden Opern des französischen Hofkomponisten, die deutlichen Bezug zu Frankreichs politischer Situation haben und in den klassizistischen Texten Philippe Quinaults die Verherrlichung des Sonnenkönigs betreiben. Die auf Ovids ‚Metamorphosen’ zurückgehende Fabel um den Jupitersohn Perseus, seine Liebe zu Andromeda und seinen Sieg gegen die schlangenhäuptige Medusa gehör(t)en zum mythologischen Bildungskanon. Lully und Quinault haben daraus eine klassische, allegorisch überhöhte ‚tragédie en musique’ geschaffen, mit dramatischen Szenen, Balletteinlagen und Chören, ganz im Sinne des Auftraggebers Ludwig XIV., der das Sujet selbst ausgewählt hatte.

Für die Produktion der Opera Atelier in Toronto, deren Produktion in einer Aufführung vom April 2004 auf der vorliegenden DVD festgehalten wurde, haben Regisseur Marshall Pynkoski, seine Ausstatter (Kostüme: Dora Rust-D’Eye; Bühne: Gerard Gauci) und die Choreographin Jeanette Zingg ganz auf die Atmosphäre der Entstehungszeit gesetzt. In vornehmlich dunklen, bräunlich-roten Farben, schaffen sie eine Mischung aus französischem Hof und barockem Theater. Das Konzept spielt mit Zeremoniellem und Theatergestik, freilich nicht immer historisch korrekt. Etwas unschlüssig erscheint der Stilmix der Bewegungsabläufe, die von klassischem Ballett, über traditionelle Operngesten bis hin zu Bewegungschoreographien reichen, die eher an ein peinliches Musical-Tuntenballett erinnern (Medusa-Szene im 3. Akt). Anderes, wie die Klage Andromedas im 4. Akt, ist hingegen mit Mut zur einfachen Dramatik inszeniert. Insgesamt wird mehr für die Augen, als für den Kopf geboten. Die Chance die allegorische Oper mit ihrem mythologischen Stoff – entweder historisch oder aktuell - zu deuten, nimmt die Inszenierung nicht wahr.

Unschlüssig bleibt, warum die Aufführung auf den etwa 25-minütigen Prolog verzichtet, der um so sinnvoller wäre, da ja mit dem Bühnenbild, mit aufwendigen Kostümen und in der szenischen Umsetzung bewusst der Anklang an den französischen Hof von Versailles gesucht wird; so bleibt neben hörenswerter Musik auch eine entscheidende Deutungsebene des Stückes unaufgeführt.

Das eigentliche Problem der Aufführung unter Hervé Niquet mit dem Tafelmusik Baroque Orchestra ist jedoch, dass Christophe Rousset bereits gut zwei Jahre zuvor eine Produktion des Werkes vorgelegt hat. Diese ist nicht nur um fast 40 Minuten länger, weil ausführlicher, sondern sie ist mit ihrem sinnlicheren Klangbild, ihren pointierten Text-Musik-Bezügen und nicht zuletzt mit ihren besseren Gesangssolisten der kanadischen Produktion überlegen. Im direkten Vergleich wird deutlich, um wieviel subtiler Rousset die Partitur ausleuchtet. Niquets dynamische Auffassung ist monotoner, erreicht nicht die feinen, dramatisch motivierten Abstufungen Roussets. Auch die Tempi Niquets sind straffer, um nicht zu sagen spannungsarmer, was der Musik oft die Möglichkeit zur sinnlichen Entfaltung nimmt; hier ist Rousset durch stark akzentuierte Tempokontraste nicht nur effektreicher, sondern auch schlüssiger.

Die Sänger der kanadischen Aufführung sind nicht schlecht, vor allem Olivier Laquerre, als Céphée und Medusa, der sich nach anfänglichen kleinen Unsicherheiten enorm steigert, Marie Lenormand als Andromède mit ausdrucksstarkem Mezzosopran und der fragile Countertenor von Cyril Auvity in der Titelrolle seinen hier genannt. Gegen die exzeptionellen Leistungen vokaler, stilistischer aber auch interpretatorischer Art ihrer Kollegen auf der Rousset-Aufnahme kommen sie freilich nicht an.

Die bei EuroArts erschienene DVD, die klanglich im oberen Bereich anzusiedeln ist und die nur mit der nötigsten Ausstattung daherkommt, hinterlässt keinen bleiben Eindruck. Die aufs Ästhetische ausgerichtete Inszenierung, die nicht viel zu sagen hat, lässt zu viele Fragen offen. Die stimmlich soliden Interpreten haben Spielraum nach oben, was Gesangstechnik und Interpretation angeht, das Ballett ist nett anzusehen, mehr nicht. Das Originalklangorchester unter Niquet klingt zu wenig differenziert und kann qualitativ an vergleichbares von William Christie, Mark Minkowski oder Christophe Rousset nur bedingt anschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lully, Jean-Baptiste: Persée

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
29.03.2005
Medium:
EAN:

DVD
0880242541789


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Lully, Jean Baptiste


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Dirigent(en):Niquet, Hervé
Orchester/Ensemble:Tafelmusik Baroque Orchestra
Interpret(en):Coulombe, Alain
Laquerre, Olivier
Whicher, Monica
Novacek, Stephanie
Lenormand, Marie
Auvity, Cyril
Ainsworth, Colin


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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