> > > Jacques Loussier Trio: play Bach ... and more
Freitag, 23. August 2019

Jacques Loussier Trio - play Bach ... and more

Der Altmeister und ‘sein’ Bach


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn nun ein Künstler ein gutes viertel Jahrtausend nach Bachs Tod dessen Werke als Ausgangspunkt für moderne Improvisationen und Bearbeitungen nimmt, wäre das sicher ganz in Bachs Sinne.

Wer Jacques Loussier als einen schrägen Vogel bezeichnen will, hat damit sicher Recht. Und wird darin auch durch diese DVD bestätigt. Aber längst schon ist bekannt, dass seine Mischung aus Jazz und Bach funktioniert.

Für diejenigen, die noch nichts von Loussier gehört haben: Er verjazzt Bach. Oder verbacht Jazz? Gleichwie: Er nimmt Themen aus Werken Bachs, gestaltet sie etwas freier und verstrickt sie mit Jazzimprovisationen zu neuen Stücken, die aus beiden Welten etwas haben. Für den eingefleischten Bach-Fan mag das wie ein Sakrileg klingen, aber meiner Meinung nach gewinnt die Musik dadurch (und ich bin selber auch großer Bach-Fan!). Der gesetzte, ältere Bach-Liebhaber (bitte verzeihen sie mir, falls sie sich angesprochen fühlen) könnte vielleicht vor der scheinbaren Anarchie des Jazz zurückschrecken. Loussiers Jazz ist anders. Der Jazz führt unter seinen Fingern kein abgehobenes Eigenleben, sondern bleibt - dem Original gerecht - stets von Struktur und Formstrenge durchzogen.

Fragen wir uns deshalb, was das Besondere an Loussiers Versionen ist. Musik allgemein entwickelt sich in aller Regel in drei Dimensionen: Melodik, Harmonik und Rhythmik (abgesehen von Neuer Musik, bei der auch noch Klangfarbe und Raumklang hinzukommen können). Bachs Melodik und vor allem sein virtuoser Gang durch alle möglichen Modulationen in entfernteste Tonarten machen ihn zum Meister der ersten beiden Dimensionen. Dagegen könnte die etwas einfachere Rhythmik gelegentlich etwas starr wirken. Und grade der Rhythmus ist es, der dem Jazz seine Farbe verleiht. Man nehme also die reichhaltigen melodischen und harmonischen Ideen von Bach und mische sie mit etwas jazziger Rhythmik und die Grundstruktur für ‘Play Bach’ ist fertig. Dann fehlen nur noch Improvisationen über die Themen, was aber auch den gelegentlichen improvisatorischen Freiheiten barocker Aufführungspraxis entspricht.

Erste Begegnung mit Loussier

Auf dieser EuroArts-DVD habe ich zum ersten mal Loussier live spielen sehen. Ich muss gestehen, dass es etwas irritiert, wie lethargisch und abwesend dieser Pianist spielt. Fast schon teilnahmslos, als ob er zu Hause im stillen Kämmerlein Etüden üben würde. Aber nur auf den ersten Blick. Die Strenge und Konzentration, mit der er Bach verarbeitet, ist wirklich sehenswert. Würden wir einen extrovertierten, einen tanzenden und hüpfenden Pianisten sehen, keiner würde ihn ernst nehmen. Zu viel Show. Es ist wohl doch eher große Weisheit, die Loussier so lethargisch werden lässt, wie ein genaueres Hinhören offenbart. ‘Spiel uns deinen Bach, Jaques’ möchte man ihm zurufen, wie es auch schon seine Studienkommilitonen getan haben, bevor er 1959 sein erstes ‘Play Bach’-Album aufnahm. Seine Hingabe an Bach, seine komplexen Bearbeitungen und sein musikalischer Ausdruck zeigen sich nicht in optischen Plattitüden, sondern in der Musik selber.
Und diese DVD zeigt das alles: wie seriös Jazz auch für eingefleischte ‘E-Musik’-Liebhaber sein kann; wie modern Bach sein kann; wie wunderbar die Harmonie zwischen drei hervorragenden Musikern wirkt, wie gebannt das Publikum lauscht etc...

Hätte Bach selber etwas dagegen gehabt? Sicher nicht. Sein Gesamtwerk ist voll von Bearbeitungen eigener und fremder Stücke, ganze Kantaten bestehen aus Zitaten großer Oratorien. Wenn nun ein Künstler ein gutes viertel Jahrtausend nach Bachs Tod (genau gesagt am 254. Todestag) dessen Werke als Ausgangspunkt für moderne Improvisationen und Bearbeitungen nimmt, wäre das sicher ganz in Bachs Sinne. Und richtig: Der Ort des Geschehens ist kein geringerer als die Leipziger Thomaskirche, in der Bach selbst lange Jahre gewirkt hat.
Loussiers Konzertprogramm dürfte weitgehend bekannt sein, die Air, das fünfte Brandenburgische etc... sind bereits auf seinen CDs schon erschienen. Dass Loussier bei diesem Konzert auch Debussy, Satie und Ravel gespielt hat, stört nicht weiter. Es ist zwar etwas neues, was man so von Loussier noch nicht gehört hat, aber das Konzept funktioniert auch hier (besonders hörenswerter Anspieltipp: der Bolero).

Die DVD ist, wie andere EuroArts-Veröffentlichungen auch, etwas knapp ausgestattet, aber sie überzeugt dafür durch die hohe Qualität der Aufnahmen. Immerhin gibt es hier ein sehr informatives vierzehnminütiges Interview mit Loussier.

Prädikat wertvoll!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Jacques Loussier Trio: play Bach ... and more

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
29.03.2005
Medium:
EAN:

DVD
0880242540683


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian
Debussy, Claude
Ravel, Maurice
Satie, Erik


Cover vergössern

EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... Komponisten-Feuerwerk: Das Silvesterkonzert 2017 ist nicht nur gute Werbung für die Berliner Philharmoniker, sondern auch ein schönes Zeugnis von der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Mutti und Sohn: Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Skalpell und Silberstift: Niveau und Klasse – bei Bělohlávek gewinnen solche Floskeln Sinn. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Schmidt-Rhaesa:

  • Zur Kritik... Erfrischend!: Niemand sollte es bereuen, diese CD in seiner Sammlung zu haben, auch wenn nicht jede einzelne Nummer davon Gold wert ist. Weiter...
    (Benjamin Schmidt-Rhaesa, )
  • Zur Kritik... Bachianas Brutalas: Ist schon die Auswahl der Stücke fragwürdig, so ist es die Qualität der Musik um so mehr. Weiter...
    (Benjamin Schmidt-Rhaesa, )
  • Zur Kritik... 250 Jahre und kein bisschen alt: Diese DVD sei damit also auch jenen Puristen empfohlen, die Bach sonst nur in den originalen Besetzungen und Arrangements hören möchten. Weiter...
    (Benjamin Schmidt-Rhaesa, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Schmidt-Rhaesa...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nordischer Impressionismus: Oramo kann Lemminkäinen: Sibelius-Fans dürfen aufhorchen. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Erkundenswertes Süditalien: Nicola Logoscino bereichert die Musikgeschichte Neapels und Sizilens. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Strahlende Vielfalt: So muss man Telemann spielen: gewitzt und wendig, intensiv in den Affekten, flexibel in der Deutung des formalen Rahmens, kundig in der stilistischen Vielfalt. Michael Schneider und La Stagione Frankfurt mit einem beeindruckenden Finale der Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich