> > > Strawinsky, Dimitri: Oedipus Rex - Les Noces
Montag, 6. Dezember 2021

Strawinsky, Dimitri - Oedipus Rex - Les Noces

Eingefrorene Musik


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Besonders bei ‘Oedipus Rex’ zeigt sich seine faszinierende Experimentierfreude mit der Sprache, und die unterschiedliche Behandlung von Latein und Englisch

Der Dirigent, Musikkritiker und Schriftsteller Robert Craft, über Jahre hinweg ein enger Freund und musikalischer Weggefährte Strawinskys, macht es sich in der nach ihm benannten Reihe des Labels Naxos zur Aufgabe, dessen Gesamtwerk einzuspielen, und die vorliegende Aufnahme legt ein eindrucksvolles Zeugnis von diesem ambitionierten und umfassenden Projekt ab. Die Auswahl der Werke auf der CD beweist zudem die kaum fassbare kompositorische Mannigfaltigkeit Strawinskys, der im Laufe seines Lebens die unterschiedlichsten Stilphasen durchlief, so dass der Vergleich mit Picasso in der Malerei nahe liegt. Nur gut zehn Jahre liegen zwischen dem Gesangszyklus ‘Les Noces’ (1914) und dem vom Komponisten selbst mit der Gattungsbezeichnung ‘opéra-oratorio’ versehenen ‘Oedipus Rex’ (1926/27), und doch scheint Strawinsky in diesem Zeitraum bereits unzählige stilistische Metamorphosen durchlaufen zu haben. Schon die Sprachen, die in den beiden Werken erklingen – das strenge Latein der gesungenen Passagen in Verbindung mit dem Englisch des Sprechers im ‘Oedipus’ und das Russisch in ‘Les Noces’ – sowie deren kontrastreiche Vertonung lassen Strawinskys Stilreichtum offenbar werden.

Majestätische Strenge

Besonders bei ‘Oedipus Rex’ zeigt sich seine faszinierende Experimentierfreude mit der Sprache, und die unterschiedliche Behandlung von Latein und Englisch (bzw. in der Originalkomposition französisch) ist in diesem Werk Programm. Der Sprecher dieser Aufnahme, Edward Fox, der mit herrlich britischem Akzent die Handlungsumrisse des legendären Oedipus-Dramas skizziert, schafft genau die von Strawinsky intendierte Distanzhaltung des Zuhörers zu dem gesamten Spektakel – so wünschte der Komponist laut eigenen Aussagen, das Drama ‘in Musik einzufrieren’. Dieser Methode des künstlichen Antikisierens und In-die-Ferne-Rückens dient auch die Wahl des toten Lateins als Sprache der gesungenen Passagen, die einen wesentlichen Teil der aufregenden Klangwirkung ausmacht.

Das grandiose Werk erfährt eine höchst gelungene Einspielung von Robert Craft, dem Simon Joly Chorale und dem Philharmonia Orchestra, wenn es auch den Interpreten nicht durchweg gelingt, die doch vorhandenen Längen des Stückes mit Spannung zu füllen; auch überzeugen nicht alle Sänger in gleicher Weise. Etwas blass und wenig durchsetzungsfähig erscheint beispielsweise Martyn Hill als Oedipus, dessen Tenor als (zu Beginn noch) erfolgreicher, beliebter junger König eigentlich alle selbstbewusst überstrahlen sollte. Eine Entdeckung dagegen ist die Mezzosopranistin Jennifer Lane als Jocasta. Ihre Arie, die sehr stark Händelsche Züge trägt, stellenweise aber auch eine Parodie auf Verdi zu sein scheint, stellt ohnehin einen der Höhepunkte des Werkes dar, doch wird sie durch Lanes majestätisch schöne, zugleich herbe und weiche Stimme, die sowohl in den Höhen brilliert als auch die Tiefen voluminös auszufüllen vermag, zu einem absoluten Erlebnis. Dort offenbart sich auch die Virtuosität des Orchesters, besonders der Holzbläser (Klarinetten!), die Jocastas Arie meisterhaft begleiten.

Hörenswert ist auch der erschütternde Schluss des Werkes, nachdem sich die Wahrheit über die Herkunft des Oedipus offenbart hat, der sich daraufhin selbst die Augen aussticht. Die grotesk-beschwingte, fast schon heitere Musik zu den vom Chor geschilderten Abscheulichkeiten hat etwas unbeschreiblich Makabres, doch könnte diese geniale kompositorische Idee im Chor sowie auch im Orchester noch heftiger, aber auch präziser realisiert sein. Dagegen ist der anschließende Aufschrei des Chores beim Anblick des geblendeten Oedipus und der resignierte Abschiedsgesang von radikaler, bewegender Urgewalt. Insgesamt überzeugt der Simon Joly Chorale in beiden Werken durch dramatische, exakte und durchdringende Präsenz.

Musikalisch modernisierte Rituale

Auch dem Zyklus ‘Les Noces’, der musikalischen Darstellung einer dörflichen russischen Hochzeit und ihren traditionellen Riten, ist mit seiner eigenartigen Mischung zwischen folkloristischen Einflüssen und hochexperimentellen musikalischen Formen eine strenge und zunächst undurchdringlich scheinende Schönheit eigen, die sich erst offenbart, nachdem man die Fremdheit des ersten Hörens überwunden hat. Die Sopranstimme von Alison Wells, die Braut in ‘Les Noces’, klingt etwas belegt und nicht so strahlend, wie man sich wünschen würde; andererseits aber passt aber ihr ungewöhnliches, wenig opernhaftes Timbres zu dem rituellen, volkstümlichen Charakter des Werkes. Herausragende Passagen sind vor allem der wunderbar geheimnisvolle, flimmernd-oszillierende Chor der Mütter, die um den Verlust ihrer Kinder klagen, sowie der sanfte, zärtliche Liebesgesang an die Braut, mit dem der Bass-Bariton Alan Ewing das Werk beschließt.

Eine Meisterleistung vollbringt das Tristan Fry Percussion Ensembe, das in ‘Les Noces’ ständig gefordert wird und mit seinem berauschenden Feuerwerk an Klangeffekten wesentlich zum Reiz dieser Einspielung beiträgt. Auch die beeindruckende Zahl von vier Klavieren (brillant: das International Piano Quartet) verstärkt den rhythmischen, perkussiven Charakter und die pulsierende Spannung des Werkes. Schließlich soll auch das tadellos gesungene und authentisch wirkende Russisch der englischsprachigen Gesangssolisten lobend hervorgehoben werden. Im Booklet findet man (zum Teil auch in deutscher Sprache) ausführliche Informationen über Kompositionen und Mitwirkende sowie den gesamten Text der beiden Werke in Original und englischer Übersetzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Verena Scharstein,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Dimitri: Oedipus Rex - Les Noces

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
22.11.2004
Medium:
EAN:

CD
0747313249923


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Strawinsky, Igor


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Dirigent(en):Craft, Robert
Orchester/Ensemble:Philharmonia Orchestra
Interpret(en):Bickley, Susan
Fox, Edward
Ewing, Alan
Greenan, Andrew
Wilson-Johnson, David
Wells, Alison
Hill, Martyn
Lane, Jennifer
Cornwell, Joseph


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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