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Donnerstag, 20. Juni 2019

Wagner, Richard - Parsifal

Leipzig 1975: Das Jahr begann mit 'Parsifal'


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Am Ende eine beiendruckende Aufführung deren Größe und Schönheit vor allem aus Leichtigkeit und Transparenz kommen, aus beständiger Klangkorrespondenz des 19. und des 20.Jahrhunderts.

Wer dabei war, wird es nicht vergessen, das Konzert am 11. Januar 1975 in der Leipziger Kongresshalle am Zoo. Das Neue Gewandhaus stand noch nicht, die drei Leipziger Orchester konzertierten in dem Interimssaal mit den entsetzlich knarrenden Dielen. Hier führte Vaclav Neumann die Mitglieder des Gewandhausorchesters zu Höchstleistungen, das Große Rundfunkorchester präsentierte in seiner Reihe ‘Zauber der Musik’ auch populäre Solisten des nichtsozialistischen Auslands und das junge Publikum stand Schlange nach Karten für die Konzerte, die Herbert Kegel mit dem Rundfunksinfonieorchester gab, denn Kegel (1920 bis 1990) setzte sich für Komponisten wie Schenker und Goldmann aus der DDR ein, führte Dessau und Wagner-Régeny auf, machte uns mit Orff bekannt, mit Schönberg, Strawinsky, Martinu, Britten und später dann mit Nono und Penderecki.

Unter seiner Leitung, von 1949 bis 1978, wurde der Rundfunkchor Leipzig zu einem international gefragten Spitzenchor, nach vier Jahren Leitung des Großen Rundfunkorchesters arbeitete Kegel von 1953 bis 1978 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig und formte es zu einem bedeutenden Klangkörper. Die letzten 18 Jahre war er Chefdirigent, und von 1977 bis 1985 arbeitete er in gleicher Position mit der Dresdner Philharmonie.

In Berlin, Leipzig und Dresden hat er auch Opern dirigiert, aber vor allem waren es seine konzertanten Aufführungen wie Bergs ‘Wozzeck’ (1973 als Schallplatte), Schönbergs ‘Moses und Aron’ (1978 als Schallplatte) oder eben, am 11. Januar 1975, Wagners ‘Parsifal’ mit seinem Leipziger Chor und Orchester, hier verstärkt durch den Rundfunkchor aus Berlin und den Leipziger Thomanerchor.

Das Besondere dieses Abends war die Tatsache, dass es Wagners Bühnenweihfestspiel bis dato auf den Opernbühnen der DDR nicht oft gab; dieses Maß an Religiosität passte nicht zum Dresdner Barrikadenkämpfer. Zum anderen hatte Herbert Kegel bislang nicht gerade als Wagnerdirigent auf sich aufmerksam gemacht. Die Überraschung bis heute: Kegel und sein damaliges Ensemble, ohne entsprechende Traditionen und Weihen, konnten ausgezeichnet mit dem Werk umgehen.

Der Mitschnitt des Konzertes erschien beim DDR-Label Eterna 1978 und liegt jetzt als "Reference"-Aufnahme in knapper, aber anspruchsvoller und angemessener, Aufmachung bei Berlin Classics vor. Es ist eine ungemein lebendige Aufführung gewesen, ihre Frische ist in der Aufnahme erhalten geblieben. Die knisternde Spannung der forsch dirigierten Oper blieb erhalten und die gesamte Plastizität des Klanges ist immer wieder umwerfend. Man ist dabei. Herbert Kegel wusste wohl wie mit den klangschön zu gestaltenden Passagen religiöser Ekstasen umzugehen ist, ohne in rauschhafte Zustände abzudriften. Er bevorzugte insgesamt ein durchsichtiges Klangbild, auch immer wieder Skepsis und Zurückhaltung. Die Spannung lässt nie nach. Die Chöre klingen einfach grandios, kein Opernmulm, die Stringenz aus den Traditionen des Umgangs mit Chorsinfonik unterschiedlicher Stile und Epochen mag nicht unbedingt jedem Opernchor sonst eigen sein können.

Das Ensemble der Solistinnen und Solisten ist eine Zusammenführung von Sängerinnen und Sängern, die in Berlin, Dresden, Leipzig, Halle und Potsdam erste Positionen besetzten. Gäste im eigentlichen Sinne waren René Kollo in der Titelpartie und Reid Bunger als Klingsor. Ulrik Cold, der kernige und spannungsgeladene Sänger des Gurnemanz, gehörte derzeit zum Ensemble der Komischen Oper in Berlin. Kollo war jung, klare und helle Töne bestimmten das Klangbild, weder Druck noch aufgeblasene Deklamatorik sind zu vernehmen, ein Glücksfall für den jungen Toren, dem es auch nicht an nötigem Variationsreichtum fehlt, um die Entwicklung Parsifals zu gestalten. Eine Sängerin, die der Kundry solche Präsenz und Vielfarbigkeit zu geben vermag wie Gisela Schröter, kann man bis auf den heutigen Tag suchen! Ein Beckmesser wird diesen oder jenen kleinen Patzer hören, der Gesamteindruck bleibt unanfechtbar, hier gibt es Musikdramatik pur, ohne Netz und doppelten Boden.

Ulrik Cold macht die mitunter endlosen Berichte und Betrachtungen des Alleswissers und Allessagers Gurnemanz zum spannenden Erzähltheater, Reid Bunger ist ein Klingsor mit beherrschendem Bass, Fred Teschlers todgeweihter Titurel klingt sehr lebendig. Theo Adam, gerade 80 Jahre alt geworden, gehörte damals zu den angesagten Wagnersängern in Ost und West. Sein Schmerzensmann Amfortas in dieser Aufführung gehört sicher zu den besonderen Leistungen des Baritons. Die beiden Gralsritter waren mit Horst Gebhardt und Hermann Christian Polster nobel besetzt, ebenso die Knappen mit Elisabeth Breul, Gisela Pohl, Hans-Jürgen Wachsmut und noch einmal Gebhardt. Zaubermädchen, deren Gesang auch Zauber verbreitet, waren wiederum Breul und Pohl, dazu Regina Werner, Hermi Ambros, Helga Termer und Ilse Ludwig-Jahns. Ingeborg Springer singt mit schlankem Alt die Stimme aus der Höhe.


Am Ende eine beiendruckende Aufführung deren Größe und Schönheit vor allem aus Leichtigkeit und Transparenz kommen, aus beständiger Klangkorrespondenz des 19. und des 20.Jahrhunderts.

 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Parsifal

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
3
21.02.2005
Medium:
EAN:

CD
0782124134822


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Wagner, Richard


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Dirigent(en):Kegel, Herbert
Orchester/Ensemble:Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig
Interpret(en):Werner, Regina
Breul, Elisabeth
Polster, Hermann Christian
Gebhardt, Horst
Schröter, Gisela
Bunger, Reid
Kollo, René
Cold, Ulrik
Teschler, Fred
Adam, Theo


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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