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Dienstag, 12. Dezember 2017

Bruckner, Anton - Sinfonie VII

Mittendrin statt nur dabei


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Für Klangästheten besteht hier aber eine hervorragende Möglichkeit, sich vollkommen in Bruckners Tonwelt zu verlieren. So hat man das Gefühl, mittendrin zu sitzen.

Sollte man Anton Bruckners Musik mit einem einzigen Wort beschreiben, wäre ‚monumental’ mit Sicherheit unter den Favoriten der genannten Begriffe. Dabei hatte sich der Linzer Organist, dessen ungeschicktes Auftreten in der Öffentlichkeit oft als bäuerlich und tölpelhaft beschrieben wurde, erst sehr spät auf das Komponieren von Sinfonien verlegt. Erst mit der siebten Sinfonie erlangte er den lang erkämpften Durchbruch beim Publikum.
Das Werk wurde in Deutschland 25 Mal gespielt, was viel ist, bedenkt man, dass von seinen früheren Werken nur die vierte Sinfonie eine einzige Aufführung in Deutschland erlebte. Eine weitere Besonderheit mit diesem Werk erlaubte sich Bruckner bei der Wahl des Ortes zur Uraufführung. Statt in Wien, wo ihn das konservative Publikum immer wieder ablehnte (während der Aufführung seiner dritten Sinfonie sollen zahllose Zuhörer das Auditorium verlassen haben, so empört waren die über die Musik), ertönten die sanften Anfangsklänge der Siebten zum ersten Mal am 30. Dezember 1884 im Neuen Theater in Leipzig unter der Leitung von Arthur Nikisch. Bruckner war sogar so sehr vom Wiener Publikum enttäuscht, dass er nach den Erfolgen in Deutschland seine Aufführungspartitur zurückzog. Die Wiener warteten also, bis sein Werk im Druck erschien, um sie spielen zu können. Und auch das war keine Selbstverständlichkeit, denn es war erst sein viertes Werk, das den Weg vom Schreibtisch in die Druckerpresse schaffte.

Interpretation

Der erste Satz bietet mit seinem Brucknertypischen Spektrum in Dynamik und Tempo viel Gelegenheit, unterschiedliche Schwerpunkte zu legen. Es entsteht bei dieser Aufnahme der Eindruck, die Teilung in forte und piano stellt für Bosch zugleich eine Trennung von zügig und verhalten dar. Vor allem bei den fulminanten Abschnitten der Blechbläser fällt es scheinbar schwer, das Orchester zeitig zu einem Ritardando zu bewegen. Auf diese Weise gerät mache Stelle ein wenig ins Stampfen. In den leiseren Passagen dagegen gewinnt das Orchester die Ruhe, die andererseits wieder Spannung herausnimmt.
Der zweite Satz, das Adagio, ist zugleich der längste der Symphonie. Hier läßt sich Bosch die Zeit, die es benötigt, eine Spannung über einen größeren Bogen aufzubauen. Als Bruckner im Frühjahr 1883 diesen Satz schrieb erreichte ihn die Meldung vom Tode Richard Wagners, was für ihn als Wagnerianer ein schwerer Verlust war. Berührt von der Nachricht schrieb er die Satz-Coda, die er selbst als „Trauer-Musik um den hochsel. Meister“ bezeichnete. Für den Zuhörer läßt sich die anfängliche Spannung, die gefolgt wird vom getragenen Ende des Satzes, bis zum letzten Takt leicht nachvollziehen.

In der Gegenüberstellung lauter Tutti-Passagen und verhaltener sanfterer Klänge kehrt Bosch in den letzten beiden Sätzen wieder zur Polarisierung des ersten Satzes zurück, was sich durch die klare Trennung der Themen in diesem Satz aber hervorragend anbietet. In diesem Fall wird er damit dem Werk gerecht. Vor allem die drängenden Motive des ersten Themas bieten die Möglichkeit eines fulminanten Aufbaus, indem die Bläser sich immer weiter an die Grenzen der Dynamik herantasten. Die Fanfaren zu Beginn des Satzes können einem schon mal eine Gänsehaut bescheren. Mit dem ausgearbeiteten Kontrast zu den leiseren Passagen zeigt das Orchester dann, was es bedeutet, das riesige dynamische Spektrum eines Sinfonie-Orchesters abzudecken. Die sanften Klänge sind durchweg fein ausgearbeitet und klar präsent.
Im vierten Satz gelingt Bosch die Vermittlung der Pole. Besonders in der ersten Hälfte dominieren die Streicher mit zum Teil leichten Motiven und dann wieder harmonischen Klangteppichen. Erst mit dem zweiten Thema kommen die Bläser zu einem kurzen fortissimo zusammen, das sofort wieder den sanften Streichern weicht. Insgesamt wird diese Einspielung der Charakterisierung ‚monumentaler’ Musik gerecht, wobei es Bosch gelingt, nicht das Gefühl des Erdrückens zu erwecken. Mit seiner Interpretation stehen die Fronten der klanglichen Pole zunächst deutlich da, um sich im letzten Satz zu vereinen.

Die Kontraste in der Interpretation werden durch die Aufnahme sehr transparent wiedergegeben. Es ist leicht, die einzelnen Stimmen auszumachen. Der Transparenz einerseits steht die Balance andererseits gegenüber. Die Blechbläser treten klar und brillant hervor, ohne dass dadurch das Gefühl der Staffelung entsteht – Streicher verlieren nicht ihre Präsenz. Durch diese saubere Aufnahme kann man sich selbst zu Hause in die Partitur hineinhören und entdeckt sogar Nuancen, die einem auf anderen Einspeilungen durch ein möglicherweise verwascheneres Klangbild verloren gegangen sein mögen. Nur vereinzelt hört man heraus, dass das Orchester in einem Kirchengewölbe spielt, das mit seinem Hall zur Fülle des Klanges beiträgt.
Anders verhält es sich mit der beigefügten DVD, die mit dts (digital theater systems) ausgestattet wurde. Bei der richtigen Ausstattung im Wohnzimmer (dts-Receiver mit 5.1 Lautsprecher) erhält der Hörer den Klangeindruck, der sich tatsächlich aus der Akustik des Gotteshauses ergibt. Dabei geht es vor allem um die leichten Echos, die aus den Gewölben hinter den Zuhörern stammen. Bedingung sind allerdings die technische Ausrüstung sowie die Bereitschaft, ein wenig von der Brillanz der Stereoaufnahme zu verzichten, denn die Konzentration auf den eigentlichen Inhalt, die Musik, geht bei solchen Aufnahmen eher mal verloren. Für Klangästheten besteht hier aber eine hervorragende Möglichkeit, sich vollkommen in Bruckners Tonwelt zu verlieren. So hat man das Gefühl, mittendrin zu sitzen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie VII

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
2
01.02.2005
EAN:

4039956304050


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Bruckner, Anton


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Dirigent(en):Bosch, Marcus R.
Orchester/Ensemble:Sinfonieorchester Aachen


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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