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Montag, 16. September 2019

Bizet, Georges - Carmen Suite

Legende


Label/Verlag: VAI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Maya Plissetskaya war die vielleicht aufregendste russische Tänzerin seit der legendären Anna Pavlova. Ihre aufwühlende Energie und der spielerische Umgang mit der konventionellen Balletttechnik brachten ihr legendären Ruhm ein. 1943 wurde sie Mitglied des Bolschoi und ihre bahnbrechenden Ansätze wurden seitdem weltweit bewundert. Vor allem in Raymonda und Schwanensee feierte sie große Erfolge. Choreographen wie Roland Petit und Maurice Béjart kreierten eigens Rollen für sie. Ab 1991 wurde stand sie dem ‚Teatro Lírico Nacional de España’ vor. VAI ehrt die große Tänzerin mit zwei DVDs die interessante Einsichten in die Arbeit der Künstlerin ermöglichen.

Roman im Vakuum

Mit Anna Karenina machte Plissetskaya ihr choreographisches Debüt. Lange hatte sie schon davon geträumt, das Meisterwerk Leo Tolstois tänzerisch umsetzen zu können. Als sich jedoch niemand fand, der den Stoff hätte einrichten können, choreographierte sie ihn schließlich selbst. 1974 stellte Margaritha Pilkhina eine filmische Umsetzung des Balletts auf die expressiv-wirkungsvolle Musik Shchedrins her. Plissetskaya betont die romantisch-schwelgerischen Aspekte der durchaus konformistischen Partitur ihres Ehemannes in einem betont klassizistischen, ja streckenweise statischen Zugang. In den dramatischen Momenten wie der Traumsequenz, die von Pilkhina zwingend filmisch umgesetzt werden, erreicht die Choreographie packenden Ausdruck.
Trotzdem fehlt es Anna Karenina selbst für den Zuschauer, der den Stoff sehr gut kennt, an unmittelbarem Ausdruck und direkter Wirkung. Der Stoff bleibt sperrig und die Musik trotz schmissigen Themen, gemäßigter Dissonanz und schönen Momenten redundant. Anna Karenina ist ganz sicher nicht das beste Dokument der Karriere Plissetskaya – und das liegt nicht an den Ausführenden. Maya Plissetskaya tanzt ihre Rolle mit der beeindruckenden Technik und Eleganz, die ihren Ruhm ausmachten. Ihre Partner wie Alexander Godunov als Vronsky oder Yuri Vladimirov als Mann am Bahnhof, sowie das gesamte Corps de Ballet des Bolschoi arbeiten auf höchstem Niveau. Auch Yuri Simonov, der das Orchester des Bolschoi energisch und geradlinig leitet, ist dafür nicht verantwortlich zu machen. In jedem Falle lohnt die Auseinandersetzung mit der Arbeit der Regisseurin, die in einem effektvollen Vakuum zwischen Realität und Bühnenwelt eine dichte und beispielhafte Umsetzung eines Balletts für die Kinoleinwand geschaffen hat. Als Bonus ist der DVD ein Ausschnitt aus dem Ballett Carmen Suite von Alberto Alonso beigegeben.

Carmen auf Spitze

Die gesamte filmische Fassung von 1967 ist der VAI eine weitere DVD wehrt. Eine gute Entscheidung, wie die vorliegende Scheibe beweißt. Nachdem Alonso und Plissetskaya an einigen Konzepten zu dem Thema gearbeitet hatten, erklärte sich ihr Mann dazu bereit, auf der Oper Bizets basierend, eine intelligente Ballett-Fassung für reduziertes Instrumentarium und Schlaginstrumente herzustellen. Damit schufen die Künstler eine der zahllosen tänzerischen Variationen des Themas seit Petipas erstem Ansatz. Die Stärke des Konzepts ist die neuartige Art des Zugangs und seine künstlerische Qualität. Plissetskaya kann in der raumgreifend expressiven Choreographie Alonsos alle Register ihrer Kunst ziehen. Ihre Stärken sind ihr ausgesprochenes musikalisches Gespür, formales Verständnis, Grazie, schauspielerische Begabung und wieder jene so makellose wie unkonventionelle Technik. Alonso entwickelt eine eigene tänzerische Sprache jenseits von Klischees und eröffnet interessante Einsichten, die ästhetische Gültigkeit erreichen. Und auch Shchedrin zeigt sich in der Auseinandersetzung mit Bizet, andalusischer Musik und populärmusikalischen Elementen der Zeit weit inspirierter als in seiner Partitur für Karenina.

Glänzendes Schicksal

Hervorgehoben werden müssen in jedem Fall die Herren Nikolai Fadeyechev als Don José und der Escarmillo Sergei Radchenkos. Beide füllen die in ihrer stereotypen Welt gefangenen Charaktere mit tänzerischem Leben und experimentierfreudiger Spielfreude. Besonders eindrucksvoll ist die bewegende Kartenszene mit der glänzenden Natalya Kasatskina als düster-stiergestaltiges Schicksal geraten. Der Stier und Carmen sterben am Ende in bedrückender Parallelität und Alonsos Choreographie steuert hier in wenigen Motiven einem zwingenden Höhepunkt entgegen.
Wer bis zu diesem Punkt von den Ausdrucksmöglichkeiten Maya Plissetskaya noch nicht restlos überzeugt ist, kann sich anhand der Bonusbeigaben der DVD eines Besseren belehren lassen. Ein weites Spektrum wird in drei Beiträgen aufgezeigt. Im paradigmatischsten aller klassischen Ballettstücke, dem Schwan aus Saint-Saëns Karneval der Tiere, zeigt Plissetskaya eine tatsächlich gelebte und beseelte klassische Formensprache, jenseits toter Virtuosität. Ausschnitte aus Glinkas Raymonda zeigen sie in Auseinandersetzung mit dem akademischen Stil und seinen Möglichkeiten, mit denen sie virtuos umzugehen weiß. In der Choreographie Kasatkinas und Vasilevs findet sie zu einer zwingenden Auseinandersetzung mit der Musik- und Gedankenwelt Johan Sebastian Bachs.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bizet, Georges: Carmen Suite

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VAI
1
21.02.2005
Medium:
EAN:
DVD
0089948429494

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Bizet, Georges


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Dirigent(en):Rozhdestvensky, Gennadi
Orchester/Ensemble:Orchestra of the Bolshoi Theatre


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VAI

Video Artists International (VAI) incorporated in 1983 and became the first US-based company to offer a selection of home video featuring opera, concert and ballet performances from international performance centers. In 1991 VAI began producing compact discs.. In 2001 VAI released its first DVD. Initial VHS releases included ballet films from Russia followed by a series of complete operasstarring Anna Moff, Renata Tebaldi in Tosca and Beverly Sills All these remain best sellers for VAI. Also issued were recitals by Rosalyn Tureck, Anna Russell, Renata Scotto and others. All of these have been issued on DVD.
In the mid-1990?s VAI began a relationship with the Canadian Broadcasting Company that yielded memorable performances, among others, by Joan Sutherland, Jon Vickers, Renata Tebaldi, Jean- Pierre Rampal, Sir Thomas Beecham, Sviatoslav Richter, Martha Argerich, Arturo Benedetti Michelangeli, and Ida Haendel.
In 1998 VAI began a long term agreement with the copyright holders of broadcasts from The Bell Telephone Hour, America?s premiere cultural television program from 1959 to1967. Performers caught live include Renata Tebaldi, Brigit Nilsson, Joan Sutherland, Anna Moffo, Rudolph Nureyev, Leontyne Price, Isaac Stern, Michael Rabin, Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Claudio Arrau, Jorge Bolet, Van Cliburn and other great artists.
1999 saw an arrangement with the Chicago Symphony Orchestra for a series of historic television broadcasts under music giants Fritz Reiner, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Leopold Stokowski and Paul Hindemith.
2003 began a relationship with Showcase Productions which has yielded the best selling ?Ethel Merman and Mary Martin ? The Legendary Ford 50th Anniversary Program? and two legendary ballets featuring Margot Fonteyn.
The television archives of The Boston Symphony Orchestra are now being made available to the world by VAI beginning in 2004. Initial releases feature Sir John Barbirolli, Charles Munch, and Pierre Monteux. Future releases will focus on former music directors Eric Leinsdorf and Seji Ozawa. 2004 brought around working relationships with France?s INA and Italy?s RAI which will see the release of many historic opera and concert videos from the vaults.
As a result of VAI?s presence in the marketplace, independent producers are approaching VAI with projects for production and distribution. ?What the Universe Tells Me?, a documentary on Mahler?s Third Symphony and ?Khachaturian: A Music and His Fatherland? are two fruits of these collaborations.
Aside from the afore mentioned Merman/Martin title, 2004 saw VAI release a Cole Porter Tribute,featuring Merman and other stars of the American Musical Theater. 2005 will see a continuing series of DVD titles to the great musical stars of stage and screen.
VAI CD issues feature rare recordings of Joseph Hoffman, William Kapell and other legendary pianists. The art of singers Jon Vickers, Evelyn Lear, Phyllis Curtin, Renata Tebaldi, and Eleanor Steber are captured in live and studio recordings. Many other legendary singers are featured on disc. VAI has issued a number of historic opera performances including 12 live recordings from the archives of the New Orleans Opera. Recently, VAI has begun issuing live performances from Sarah Caldwell?s legacy with the Boston Opera Company that includes performanes of Joan Sutherland, Marilyn Horne, Beverly Sills, and Jon Vickers. In recent years VAI has begun to record young, outstanding artists as Francesco Libetta and Pietro De Maria. VAI is the official label of the Miami International Piano Festival of Discovery.
VAI has 200 plus DVDs and videos and over 200 CDs in its catalog.


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