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Freitag, 25. September 2020

Britten, Benjamin - in rehearsal & performance

Wenn Watte nachts das Ohr verschliesst


Label/Verlag: VAI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‚The ceremony of innocence is drowned’. Quints und Miss Jessels Refrain in der ersten Szene des zweiten Akts aus Benjamin Brittens Oper ‘The Turn of the Screw’ könnte gleichsam das Motto eines der zentralen Themenkomplexe im Gesamtschaffen des Komponisten darstellen. Dem in Brittens Werk geradezu omnipräsenten Motiv der Unschuld und des Verlierens der Unschuld durch Erfahrung gesellt sich ein weiterer Themenbereich von brittenesker Topik hinzu: die Dualität der Nacht als Traum und Alptraum. Die Ambivalenz, die der tageszeitliche Kontext der Nacht im positiven wie im negativen Sinn bereithält, ist von kaum einem anderen Komponisten musikalisch so dezidiert und so häufig thematisiert worden wie von Benjamin Britten. Die Thematisierung der Ambivalenz der Nacht hat bei Britten ihre Wurzeln in der ‚Serenade’ aus dem Jahr 1943, deren vertonte Gedichte den Übergang vom Abend zur Nacht charakterisieren. 15 Jahre später vertiefte Britten in dem Liederzyklus ‚Nocturne’ das Thema Nacht und Traum. ‚Nocturne’ setzt genau da an, wo die ‚Serenade’ endete. Die dort vertonten Gedichte widmen sich ausschließlich der Nacht. Britten wählte die Gedichte nicht auf der Folie nächtlich-pastoraler Seligkeit aus, sondern stellte Lyrik zusammen, die sowohl den Aspekt der Alptraumhaftigkeit als auch den der Ruhe und des Friedens mit einbezieht. 1958 wurde ‚Nocturne’ von Brittens Lebenspartner Peter Pears aus der Taufe gehoben. Nur knapp vier Jahre später, am 29. April 1962, sendete die ‚Canadian Broadcasting Corporation (CBC) eine TV-Aufzeichnung, in der Benjamin Britten mit Peter Pears als Solist und dem CBC Vancouver Chamber Orchestra während der Proben zu diesem Werk und einer anschließenden Aufführung zu sehen ist. CBC Home Video hat jetzt diese Aufzeichnungen zusammen mit interessantem Bonusmaterial auf DVD herausgebracht.

Hoher dokumentarischer Wert

Diese Fernsehaufnahmen haben einen extrem hohen dokumentarischen und historischen Wert insofern, als sie das erste visuelle Dokument einer vollständigen Aufführung mit Benjamin Britten darstellen, so zumindest laut CBC Home Video. Die Schwarzweißaufnahmen zeigen den Komponisten als idealen Sachverwalter seines eigenen Werks: sparsame Bewegungen bei präzisem Dirigat und eine geduldige Liebenswürdigkeit und Höflichkeit gegenüber den Musikerinnen und Musikern. Sicherlich, es ist kaum zu verkennen, dass vor der TV-Aufzeichnung bereits Proben stattgefunden haben werden und dass diese aufgezeichnete Probe ‚gewollt’ ideal und für das Fernsehen schlicht und ergreifend gestellt ist. Da gibt es kein Herumflachsen oder Palavern der Musiker, wenn der Dirigent seine Anmerkungen macht. Es ist Britten auch ein wenig die Nervosität anzumerken, die ihn aufgrund dieser Ausnahmesituation, eines seiner Werke vor der Fernsehkamera ‚in Szene zu setzen’, befallen haben mag. Peter Pears erläutert zunächst im Vordergrund Inhalt und Aussage der von Britten vertonten Gedichte von Shelley, Tennyson, Coleridge, Middlrton, Wordsworth, Owen, Keats und Shakespeare, um danach die Kamera auf die eigentliche Probenarbeit schwenken zu lassen.

Schlechte Tonqualität

Mehr des visuellen Gehalts wegen ist die DVD ein Muss für jeden am Werk Brittens Interessierten. Die klanglichen Qualitäten sind so erschreckend schlecht, dass eine kritische Würdigung der Interpretation kaum möglich ist. Den Ton überzieht ein für das relativ frühe Fernsehen urtypischer wattierter Klang, der die Konsonanten in Pears’ Sprech- und Singstimme so gut wie überhaupt nicht hörbar macht und die Worte lediglich durch die Vokalfärbung erahnen lässt. Ähnliches lässt sich über die Wiedergabe der Musik sagen. Die Höhenlastigkeit dominiert mit einem stechend scharfen Klang über die nötige Bassfundierung. Ausgerechnet ein Werk wie ‚Nocturne’, dessen Faktur so transparent aufgespreizt ist, weil neben dem Streichorchester noch sieben obligate Instrumente hinzukommen (Flöte, Englischhorn, Klarinette, Fagott, Horn, Pauken und Harfe), ist extremen Einbußen in der Klangqualität ausgesetzt. Die schlechte Tonaufzeichnung verschluckt die leisen Stellen fast gänzlich und forciert dynamische Steigerungen durch ein übersteuertes Kreischen. Die kammermusikalisch fein gearbeiteten Stücke der ‚Nocturne’ erscheinen zusammenhangslos, weil das sie verbindende musikalische Motto der Streicher aufgrund der miserablen Tonqualität völlig unorganisch und in seiner Textur gar nicht erfahrbar dreinfährt. Die klangliche Restriktion erlaubt es auch nicht, die sieben obligaten Instrumente im Kontext der von Britten so subtil gearbeiteten Textumsetzungen der Gedichte zu würdigen. Da greife man dann besser zu der beachtlichen Aufnahme, die Britten ein paar Jahre später für Decca auf Schallplatte einspielte und die seit geraumer Zeit auf CD erhältlich ist.

Das Bonusmaterial ist der Clou

Klanglich ein wenig differenzierter präsentiert sich als Bonusmaterial eine TV-Sendung der CBC vom 24. Februar 1959. Peter Pears singt, begleitet vom Gitarristen Julian Bream, zwei elisabethanische Lautenlieder: ‚Fine Knacks for Ladies’ von John Dowland sowie ‚What then is Love but Mourning’ von Philip Rosseter. Hier kann Peter Pears einmal mehr sein unglaubliches Feingefühl für die Modellierung der Tondynamik der Gesangslinie unter Beweis stellen und macht aus diesen zwei kurzen Lautenliedern Schmuckstücke englischer Liedinterpretation. Leider nur ist wieder einmal die schlechte Tonqualität schuld daran, dass man Julian Breams Meisterschaft auf der Gitarre nur erahnen kann.
In Farbe schließlich noch ein Interview mit Benjamin Britten, ebenfalls von der CBC, gesendet am 25. Januar 1968 in der Reihe ‚The Way it is’. Britten gibt bereitwillig Auskunft über seinen Pazifismus, über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und die Verpflichtung, sich nicht in einen Elfenbeinturm zurück zu ziehen. Britten äußert sich zur Aufgabe seiner Musik: er möchte, dass seine Musik benutzt wird und am besten könne er schreiben, wenn er für Menschen schreibe, dabei aber dürfe der Künstler es sich nicht zu einfach machen. Die Jahre seiner Kindheit und seines Wunderkindtums kommen genauso zur Sprache wie die Antwort auf die Frage des Interviewers, warum Britten Opern schreibe. Er liebe das Studium des Menschen, liebe die menschliche Stimme, darum könne er auch nie elektronische Musik schreiben. Am Ende des Interviews outet sich Britten gar als Beatles-Fan.

Die DVD hält wenig Features bereit. Mono-Klang und fehlende Untertitel mögen manchen abschrecken, der des Englischen nicht mächtig ist. Trotz aller klanglicher Vorbehalte aber sind diese Aufzeichnungen bedeutende Dokumente aus dem praktischen Leben eines der größten Musiker des 20. Jahrhunderts.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    Britten, Benjamin: in rehearsal & performance

Label:
Anzahl Medien:
VAI
1
Medium:

DVD


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Britten, Benjamin


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Dirigent(en):Britten, Benjamin
Orchester/Ensemble:CBC Vancouver Chamber Orchestra
Interpret(en):Pears, Sir Peter


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VAI

Video Artists International (VAI) incorporated in 1983 and became the first US-based company to offer a selection of home video featuring opera, concert and ballet performances from international performance centers. In 1991 VAI began producing compact discs.. In 2001 VAI released its first DVD. Initial VHS releases included ballet films from Russia followed by a series of complete operasstarring Anna Moff, Renata Tebaldi in Tosca and Beverly Sills All these remain best sellers for VAI. Also issued were recitals by Rosalyn Tureck, Anna Russell, Renata Scotto and others. All of these have been issued on DVD.
In the mid-1990?s VAI began a relationship with the Canadian Broadcasting Company that yielded memorable performances, among others, by Joan Sutherland, Jon Vickers, Renata Tebaldi, Jean- Pierre Rampal, Sir Thomas Beecham, Sviatoslav Richter, Martha Argerich, Arturo Benedetti Michelangeli, and Ida Haendel.
In 1998 VAI began a long term agreement with the copyright holders of broadcasts from The Bell Telephone Hour, America?s premiere cultural television program from 1959 to1967. Performers caught live include Renata Tebaldi, Brigit Nilsson, Joan Sutherland, Anna Moffo, Rudolph Nureyev, Leontyne Price, Isaac Stern, Michael Rabin, Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Claudio Arrau, Jorge Bolet, Van Cliburn and other great artists.
1999 saw an arrangement with the Chicago Symphony Orchestra for a series of historic television broadcasts under music giants Fritz Reiner, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Leopold Stokowski and Paul Hindemith.
2003 began a relationship with Showcase Productions which has yielded the best selling ?Ethel Merman and Mary Martin ? The Legendary Ford 50th Anniversary Program? and two legendary ballets featuring Margot Fonteyn.
The television archives of The Boston Symphony Orchestra are now being made available to the world by VAI beginning in 2004. Initial releases feature Sir John Barbirolli, Charles Munch, and Pierre Monteux. Future releases will focus on former music directors Eric Leinsdorf and Seji Ozawa. 2004 brought around working relationships with France?s INA and Italy?s RAI which will see the release of many historic opera and concert videos from the vaults.
As a result of VAI?s presence in the marketplace, independent producers are approaching VAI with projects for production and distribution. ?What the Universe Tells Me?, a documentary on Mahler?s Third Symphony and ?Khachaturian: A Music and His Fatherland? are two fruits of these collaborations.
Aside from the afore mentioned Merman/Martin title, 2004 saw VAI release a Cole Porter Tribute,featuring Merman and other stars of the American Musical Theater. 2005 will see a continuing series of DVD titles to the great musical stars of stage and screen.
VAI CD issues feature rare recordings of Joseph Hoffman, William Kapell and other legendary pianists. The art of singers Jon Vickers, Evelyn Lear, Phyllis Curtin, Renata Tebaldi, and Eleanor Steber are captured in live and studio recordings. Many other legendary singers are featured on disc. VAI has issued a number of historic opera performances including 12 live recordings from the archives of the New Orleans Opera. Recently, VAI has begun issuing live performances from Sarah Caldwell?s legacy with the Boston Opera Company that includes performanes of Joan Sutherland, Marilyn Horne, Beverly Sills, and Jon Vickers. In recent years VAI has begun to record young, outstanding artists as Francesco Libetta and Pietro De Maria. VAI is the official label of the Miami International Piano Festival of Discovery.
VAI has 200 plus DVDs and videos and over 200 CDs in its catalog.


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