> > > Pécou, Thierry: Outre-Mémoire
Samstag, 10. April 2021

Pécou, Thierry - Outre-Mémoire

Schon vergessen?


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der französische Komponist Thierry Pécou versucht mit ,Outre-Mémoire’ eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Sklaverei zu Zeiten des Kolonialismus. ,Outre-Mémoire’ ist ein zweiteiliges Projekt. Jean-François Boclé schuf die Installationen, mit denen der Besucher zunächst konfrontiert wird. Im Booklet sind sie mit wenigen Fotos angedeutet. Vom Ausstellungsteil gelangt der Besucher zum zweiten Teil, zu dem vorliegend eingespielten Kammerkonzert. Beide Teile sollen auch unabhängig voneinander funktionieren, was der Rezensent zumindest für den musikalischen Teil bestätigen kann, solange das Thema bekannt ist. Ein kurzer Blick ins Booklet empfiehlt sich daher, allerdings muss man französisch oder englisch verstehen – im Gegensatz zur ,Voix d’alto’-CD hat das französische Label aeon diesmal die deutsche Übersetzung eingespart. Ansonsten sind Inhalt und Ästhetik von Gehäuse und Booklet angemessen und überzeugend.

Sklaverei hat eine lange Tradition. Im Altertum war sie allgemein akzeptiert. Auch unter den christlichen Kirchen wurde sie beibehalten. Im Mittelalter bestand sie in der Variation der Leibeigenschaft. Zur Zeit der Entdeckung neuer Welten fand man eine unsägliche Mischung aus wirtschaftlichen Gründen und rassistisch-biologischen Vorurteilen zur Rechtfertigung der Sklaverei. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Sklaverei von den europäischen und amerikanischen Mächten abgeschafft. Gerade diese drei Jahrhunderte der Verschleppung, Versklavung, Entwürdigung, rücksichtloser Ausbeutung und nach unten offener Diskriminierung insbesondere afrikanischer Sklaven wählte Pécou als Vorlage.

Ort der Besinnung

Wie stellt Thierry Pécou diese vielschichtige und komplexe Thematik dar? Aus wenigem, sehr verschiedenem Material bildet Pécou zarte, poetische Bilder. Das Material ist durchsichtig gehalten und ohne Schwierigkeiten zu erkennen. Es findet sich ein beschwörender ostinater Rhythmus im Klavier ebenso wie eine melancholische Melodie im Cello. Solopassagen wechseln sich ab mit der ganzen Besetzung, wobei jedoch die Solopassagen überwiegen. Kleine Glöckchen verweisen auf die afrikanische Heimat ebenso wie auf die Markierung der Sklaven mit Glöckchen. Der Klang von Wasser erinnert an das Meer, das gleichzeitig unüberwindliche Grenze und Grab für Unzählige ist. Der Klang des Waldes zeigt den sicheren Fluchtort an. Pécou gelingt es, nie pathetisch oder moralisch zu werden, nie ist er vordergründig oder illustrierend. Er erreicht, was er wollte, er schafft eine Zeremonie des Fühlens und der Besinnung.

Alexandre Tharaud am Flügel schafft zusammen mit dem Ensemble Zellig (vertreten mit Flöte, Klarinette und Cello) eine kontemplative, sehr innige und sehr liebevolle Interpretation, die der Komposition mehr als gerecht wird.
Mit einigen Aspekten verweist ,Outre-Mémoire’ in die heutige Zeit. Ein latenter, mit Sprachregelungen kaschierter kulturalistischer Rassismus ist ebenso wie ein zunehmender Wertevorrang geschäftlicher Interessen vor der humanen Achtung der Individuen nicht von der Hand zu weisen. Aus wirtschaftlichen Gründen ist der Mensch zu vielem fähig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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    Pécou, Thierry: Outre-Mémoire

Label:
Anzahl Medien:
aeon
1
Medium:

CD


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Pécou, Thierry


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Interpret(en):Tharaud, Alexandre


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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