> > > Bruckner, Anton: Symphonie No.7 (arr. for chamber ensemble)
Samstag, 28. Mai 2022

Bruckner, Anton - Symphonie No.7 (arr. for chamber ensemble)

Die andere Symphonie


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als sich die Väter der zweiten Wiener Schule von den kompositorischen Prinzipien ihrer Vorgänger lösten, taten sie dies nicht mit der Geste der Überlegenheit und Verachtung – mit dem im November 1918 gegründeten ‚Verein für musikalische Privataufführungen’ widmeten sie sich zeitweise auch der in ihren Augen ‚wahren’ Interpretation der großen Werke der Spätromantiker. Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern versuchten, neben zeitgenössischen Werken die Musik ihrer österreichischen Vorgänger Mahler und Bruckner von Pathos und falschem Glanz des gängigen philharmonischen Betriebs zu befreien. In Ermangelung eines Orchesters wurden die größer besetzten Stücke eigens für die Aufführungen des Vereins in kleineren Besetzungen arrangiert. Verantwortlich waren hierfür im Falle der 7. Symphonie Bruckners die Schönberg-Schüler Hanns Eisler, der den Kopfsatz und das Scherzo bearbeitete, Erwin Stein, der sich mit dem Adagio befasste und Karl Rankl, der das Finale für eine gemischte Kammerbesetzung einrichtete.

Die Einrichtung

Im Ergebnis tritt dem Hörer, der mit dem Brucknerschen Schaffen vertraut ist, ein merkwürdig doppelgesichtiges Werk entgegen: Die Transkription der jungen Komponisten belässt den Streichersatz – freilich auf ein Solistenquintett reduziert – weitgehend unverändert, platziert ein Horn an Stelle des gesamten Blechs und stellt ihm zur Auffüllung des Klanges ein im Fortissimo vierhändiges Klavier zur Seite. Ähnlich wird mit dem Register der Holbläser verfahren, das stellvertretend durch die Klarinette und den charmanten Akzent eines Harmoniums repräsentiert wird. Einerseits lässt dieses Vorgehen manch figuratives Detail, manche kompositorische Raffinesse stärker hervortreten. Zudem lassen sich in dieser luftigeren Anlage die architektonischen Strukturen, die Verhältnisse zwischen den Registern klarer heraushören. Auch ein Zugewinn an musikalischer Delikatesse offenbart sich durch den – zwangsläufig – stärker kammermusikalisch geprägten Zugriff der Instrumentalisten.
Doch gibt es da auch eine andere Seite: Zwar ist es zweifellos sinnvoll, diese Übertragung nicht mit dem ‚symphonischen Ohr’ zu hören, sondern das Konzept der klanglichen Reduktion, des Abtragens überflüssiger romantischer Schlacke ernst zu nehmen – und die Entstehung eines durchaus reizvollen, klanglich oft rauen und herben kammermusikalischen Werks zu registrieren. Doch bleiben da zwangsläufig Ungereimtheiten in der konzeptionellen Anlage, muss die eingeschränkte dynamische Palette akzeptiert werden, ist die Verlagerung mancher für die Komposition wichtigen Stimme in den Untergrund des Klaviers zu beklagen, verbirgt das stark veränderte Klangbild auch substantiell Wichtiges.

Die Ausführung

Auch in der Ausführung durch das Thomas Christian Ensemble zeigt sich diese Widersprüchlichkeit: Ein solides, in manchen solistischen Passagen der Ersten Violine, der Klarinette oder des Horns qualitativ erstklassiges Musizieren prägt das enorm ausgewogene Klangbild, das seinen besonderen Reiz in den Piano-Passagen erkennbar werden lässt. Doch die Grenzen des dynamischen Spektrums dieser Besetzung werden ebenso deutlich: Besonders die hohen Streicher, in den Symphonien Bruckners nicht selten im kraftraubenden Tremolo gefordert oder in chromatisch gesteigerten Figuren zu Höchstleistungen angetrieben, müssen der fast unveränderten Übertragung ihrer Stimmen aus dem Original Tribut zollen und bleiben in derartigen Steigerungssituationen klanglich chancenlos. Besonders positiv fällt dagegen die homogene Ausführung der dezenteren Passagen auf, in denen sich das Ensemble als einfühlsam und stilvoll gestaltende Einheit präsentiert.
Diese Bearbeitung der 7. Symphonie Anton Bruckners wurde in Schönbergs Verein, der nur bis 1921 bestand, nie gespielt – dennoch ist sie ein insgesamt gelungenes Zeugnis des Versuchs der Neuerer, die Arbeit der von den eigenen Vorstellungen und Prämissen entfernten Vorgänger zu würdigen und das Erreichte in die musikalische Zukunft zu transferieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Symphonie No.7 (arr. for chamber ensemble)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
21.02.2005
59:55
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623131320
MDG 603 1313-2


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Bruckner, Anton


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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