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Samstag, 15. August 2020

The Viennese School - Teachers & Followers: Anton Webern

Kurz und gut


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Viel hat Anton Webern für Klavier nicht geschrieben, ganze sieben Minuten und zweiundfünfzig Sekunden Musik sind es in der vorzüglichen Interpretation, die der deutsche Pianist Steffen Schleiermacher jetzt auf CD vorgelegt hat. Der Notentext dieser Variationen op. 27 (1936), über und über gespickt mit genauesten Anweisungen zu Dynamik und Tempo, scheint fast nahe zu legen, dass wirkliche Interpretation – das Erarbeiten einer persönlichen Lesart – hier unnötig ist, dass es lediglich um die möglichst genaue Ausführung von Festgelegtem geht. Das aber erforderte keinen Künstler, sondern einen Automaten, und man weiß heute längst, dass genau das nicht Weberns Musikverständnis entsprach.
Steffen Schleiermacher, komponierender Pianist, der sich auf die Musik des 20. Jahrhunderts spezialisiert hat, scheint dies ganz besonders gut zu wissen. Er interpretiert, ohne an Weberns Anweisungen ‘vorbeizuspielen’; er macht die vielen Dimensionen des musikalischen Zusammenhangs hörbar und geht nicht von der Vorstellung disparater, von einem übergeordneten ‘objektiven’ Prinzip gesteuerter Klangereignisse aus, wie dies insbesondere in der wichtigen ‘Darmstädter’ Phase der Webern-Nachfolge in den 1950er Jahren im Vordergrund stand.

Die berühmte Zwölftonreihe, auf der die Komposition vollständig aufgebaut ist, ist spiegelsymmetrisch, sie geht fünf Intervalle vorwärts und dann, nach einer kleinen Zäsur, dieselben fünf Intervalle wieder rückwärts. Diesem Spiegelungsprinzip folgt aber auch der formale Aufbau im Großen. Dass Webern keine obskure sondern eine verständliche Musik wollte, hört man nicht nur an der unverblümt klassischen Rhetorik der Vorstellung der Motive am Anfang, sondern beispielhaft auch an den Stellen, an denen die Musik beginnt, rückwärts wieder zum Ausgangspunkt zurück zu laufen: fast erschrickt man am Umkehrpunkt, weil sich hier ein Ton wiederholt, was ja in der Reihenkomposition sonst nicht vorkommt.
Schleiermacher begreift, dass solche Stellen das Wesen der Komposition verdeutlichen und sie zugänglich machen. Folgerichtig hebt er sie als formale Schlüsselstellen hervor, wie man das auch bei Beethoven machen würde. Solches Spiel nützt der tollen Musik von Webern und macht klar, dass es hier nicht um eine hermetische ‘Kunst für Fortgeschrittene’ handelt; es nimmt den Hörer ernst, bezieht ihn ein, hat ihm etwas zu sagen.

Raritäten

Im Anschluss daran lauter Raritäten, Stücke von Komponisten, die für kürzere oder längere Zeit bei Webern studiert haben. Allesamt kamen sie in der Zeit der Nazidiktatur in Weberns Wohnung in Mödling bei Wien. Der jüdische Kommunist Stefan Wolpe riskierte 1933 sogar eine Unterbrechung seiner Flucht, um Webern um kompositorischen Rat zu bitten, andere kamen eigens aus den USA (Humphrey Searle, Richard Leich und Arnold Elston) oder, mitten im Krieg, aus Amsterdam (Fré Focke).
Wolpes bewegende Zemach-Suite (1939) ist weit von Weberns Musik entfernt, insbesondere ‘Song’ und ‘Complaint’ von direkter Aussagekraft: Geschichte, Zerrissenheit, vertane Möglichkeiten bestürzend in Musik gesetzt. Die Frühlingsblumen (1947) des Rumänen Philipp Herschkowitz gewinnen aus Webern’scher Konstruktion und Kürze ein heitere und schöne Bildhaftigkeit. Äußerst konzentriert bietet Schleiermacher die 20 superkurzen Stücke von Fré Frockes (1910–1989) Tombeau de Vincent van Gogh (1951) und es lohnt sich, ebenso konzentriert zuzuhören: wie ein bildender Künstler befindet Schleiermacher kein Detail für unwichtig; alle drei Werke sind wahre Entdeckungen und Bereicherungen des Klavierrepertoires.
Leopold Spinners Klaviersonate op. 3 (1945) klingt fast zu stark nach Webern, eine Fortsetzung von Opus 27, die der Verehrung für Webern entsprungen sein mag, aber ans Epigonale grenzt. Searle entgeht dieser Gefahr, indem er, insbesondere in Threnos (1948) raumgreifende und zielgerichtete formale Entwicklungen anlegt. Schwächer dagegen Elstons bloß neobarock-motorisches Rondo (1837) und Leichs Pastorale, naiv, wie eine Mischung aus Satie und Milhaud, aber ohne deren Ironie.

Die empfehlenswerte CD zeigt, dass Weberns Kunst und Lehre in vielen Richtungen anschlussfähig und nichts weniger als ein technisches Dogma war. Schleiermachers Spiel widmet sich ernsthaft und unbestechlich den sehr verschiedenen Ansätzen und wird so zum hörenswerten Plädoyer für ein Webern-Verständnis, das die Musik ernst nimmt und nicht ‘bloß’ die ihr zu Grunde liegende Kompositionstechnik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Andreas Münzmay,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Viennese School: Teachers & Followers: Anton Webern

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
17.01.2005
67:13
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623128221
MDG 613 1282-2


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Elston, Arnold
Focke, Fré
Herscovici, Philipp
Leich, Roland
Searle, Humphrey
Spinner, Leopold
Webern, Anton von
Wolpe, Stefan


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Interpret(en):Schleiermacher, Steffen


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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