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Dienstag, 17. September 2019

Lamentationes - Festa - Ockeghem - Gombert

Lebendig trauern


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erlauben Sie mir ausnahmsweise eine philosophisch-gesellschaftskritische Einleitung. Wie fremd sind uns vergangene Zeiten wirklich? Fassen Sie’s als rhetorische Frage auf, obgleich man sich diese Frage auch ganz konkret stellen könnte, und zwar ohne den dummen, unbedachten und letztlich gar nicht ungefährlichen Beisatz ‚Das war vor meiner Zeit’. Denn dieser Satz führt Geschichtlichkeit ad absurdum, bedeutet den Tod jeglicher Geisteswissenschaft und schließlich auch humanistischen Bildung. Wie fremd ist uns eigentlich unsere eigene Zeit? Diese Frage stellt man sich gerne mal, wenn man in einem Regionalzug sitzt. Das Spiegelbild unserer Zeit macht es sich dort nämlich auf einem Vierersitz bequem: ein Girlie spielt einem zweiten Girlie gerade den neuesten polyphonen Klingelton mit der Klospülung von Robbie Williams vor, während nebenan ein Musikwissenschaftsstudent die Polyphonie des Requiems von Johannes Ockeghem in einer edierten Ausgabe zu ergründen trachtet. Die ältere Dame gegenüber wertet zeitgleich mit unüberhörbarer Stimme die neueste Umfrage aus, die besagt, dass nur jeder zweite Deutsche weiß, was Pfingsten bedeutet, fakultativ auch: das kaum jemand weiß, wer Friedrich Schiller war. Kaum jemand weiß, wie skurril solche Situationen sein können, wenn man sie nicht selbst schon erlebt hat. Was will uns der Autor damit sagen? Hey Girlies, die nächste Haltestelle ist die eure!

Es hat durchaus immer etwas elfenbeinturmhaftes, sich heutzutage mit Geschichtlichkeit auseinander zu setzen, alte Zeiten verstehen und im wahrsten Sinne begreifen zu wollen, die medienfrittierten Synapsen zu aktivieren und die Unebenheiten der Oberflächlichkeit aufzuspüren. Wie fremd also sind uns die vergangenen Zeiten? Die Josquin Capella kann diese Frage mit einem eindeutigen ‚gar nicht’ beantworten. Das 1994 von Studenten der Schola Cantorum Basiliensis und Kölner Sängern gegründete Ensemble entwickelt seine Programme aus dem Verständnis für die Geschichte und die liturgische Einbindung der sakralen Musik der Renaissance heraus. Mit dieser CD bietet die Josquin Capella ein Programm, das trotz der Vergänglichkeitsthematik ein überaus lebendiges Bild einer oft so unverstandenen Epoche zeichnet.

Würde und Klarheit

Die Aufnahmen dieser CD beinhalten die überaus wortausgedeuteten ‚Lamentationes Hieremiae Prophetae’ von Costanzo Festa aus einer Quelle der Biblioteca Vaticana aus dem Jahr 1543, das Requiem von Johannes Ockeghem, welches die derzeit älteste erhaltene Vertonung des Requiem-Textes darstellt und im Chigi-Codex der Biblioteca Vaticana überliefert ist sowie den Trauergesang ‚Musae Iovis’des Nicolas Gombert auf den Tod von Josquin Desprez aus dem 1545 gedruckten 7. Chansonsbuch von Susato in Antwerpen, wo diese Nänie neben Josquins eigenem Trauergesang ‚Nymphe de bois’ auf den Tod Ockeghems zu finden ist.
Die siebenköpfige Josquin Capella unter der Leitung von Meinolf Brüser, seines Zeichens sowohl studierter Jurist als auch Kirchenmusiker, verfügt über hervorragend geschulte, klar und geradlinig intonierende Stimmen und es ist die unprätentiöse Schlichtheit und Unaufgeregtheit, ja nachgerade eine liturgische Strenge, mit der Brüser das Ensemble agieren lässt und die Würde und Klarheit der Musik transportiert und beim Hörer einen bleibenden Eindruck von der transparenten Architektur dieser Musik aus ferner Zeit hinterlässt. Die punktgenaue Artikulation geht einher mit dem Bestreben, Phrasen zielgerichtet auszusingen und so die Wort-Musik-Bedeutung hervorzuheben. Das Ensemble besitzt mit seinen fein aufeinander abgestuften Stimmtimbres einen durch und durch individuellen, unverwechselbaren Klang von großem, raumfüllenden Volumen. Jedes Wort bleibt verständlich und so prägnant, dass die Musik nahezu plastisch auf den Hörer einwirkt.

Einmal mehr überzeugt das Klangkonzept von MDG in diesen Aufnahmen. In der Tat klingt die Josquin Capella mit einer Natürlichkeit und Lebendigkeit durch die Lautsprecher, als höre man sie dort, wo die Aufnahmen entstanden (Kloster Steinfeld in der Eifel). Im Vergleich mit anderen Einspielungen insbesondere des Requiems von Ockeghem kann diese Aufnahme zu den derzeit besten auf dem Markt gerechnet werden, denn in puncto Textausdeutung, Transparenz und Tiefenwirkung wird man kaum Adäquateres zu hören bekommen. Ein informatives Booklet rundet diese ausgezeichnete Einspielung aus.
So wird Musikgeschichte lebendig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lamentationes: Festa - Ockeghem - Gombert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
01.02.2005
64:36
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623126920
MDG 605 1269-2


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Festa, Constanzo
Gombert, Nicolas
Ockeghem, Johannes


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Dirigent(en):Brüser, Meinolf


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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