> > > Bach, Johann Sebastian: Markuspassion BWV 247
Samstag, 19. Oktober 2019

Bach, Johann Sebastian - Markuspassion BWV 247

Faszinierender Neo-Bach


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ostern ist vorbei und damit auch die Passionszeit. Allerorten wurden von Chören und Ensembles die großen Passionsmusiken aufgeführt – Matthäus-Passion, Johannes-Passion, Bach, Telemann… Nur Johann Sebastian Bachs Markus-Passion wird auch in diesem Jahr wohl nur den allerwenigsten vergönnt gewesen sein. Warum? Weil uns das Werk nicht komplett vorliegt, eine aufführungsreife Version hat den Weg in unsere Zeit nicht geschafft. Erhalten sind lediglich Text und Besetzung. Die Bachforschung hat es in mühevoller Kleinarbeit geschafft, die Musik für die 16 Choräle und acht Arien zu rekonstruieren, die Musik für den Evangelientext allerdings liegt weiterhin in den vagen Nebeln der Vermutungen und Mutmaßungen.
Der Komponist und Organist Volker Bräutigam hat seine eigene Ergänzungsform zu einer vollständigen Markus-Passion geschaffen und den Evangelientext auf seine Weise vertont. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde der Zuhörerschaft bereits 2003 in Leipzig präsentiert. Ein Mitschnitt dieser Aufführung ist jetzt auf CD erhältlich.

Interessant ist natürlich zunächst einmal die Vertonung des Evangelientextes. Volker Bräutigam begibt sich hier glücklicherweise nicht auf den zum Scheitern verurteilten Weg der Bach-Imitation oder –Fortführung. Er wagt vielmehr ein auf den ersten Blick ‚unmögliches’ Unterfangen und kombiniert die Bachsche Originalmusik mit modernen Zwölfton-Klängen. Was zunächst befremdlich anmutet erweist sich jedoch als cleverer und sinnvoller Schachzug, denn so läuft Bräutigam nicht Gefahr, der bloßen Nachahmung angeklagt zu werden und kann sich außerdem neben der Tonsprache des alten Meisters seine eigene, immer deutlich zu vernehmende Ausdrucksform bewahren.

Natürlich sind seine musikalischen Linien keine reine Zwölftonmusik, die Zwölftönigkeit zeigt sich vielmehr in der kompositorischen Verarbeitung der Ideen. Deutlich abgegrenzt gegen Bachs Harmonik sind Bräutigams Einfälle dennoch. In den Rezitativen des Evangelisten und den Einwürfen des Chores kommen zuweilen auch Schlaginstrumente zum Einsatz, und statt eines Cembalos übernimmt hier die Orgel die begleitende Funktion, die über die des reinen Continuo-Instruments weit hinausgeht.
Gleich die ersten Sekunden, die von einem gewaltigen, beinahe asiatischen Gong eingeleitet werden, machen klar, dass diese Passion auf der ganzen Linie etwas anders ist. Aber so unvorstellbar es vielleicht klingen mag: Die direkte Gegenüberstellung von barocken Chorälen und modernen Psalm-Versatzstücken übt einen unglaublichen Reiz aus, dem man sich auch nach mehrmaligem Hören nur schwer entziehen kann. Neben den mitunter sehr anstrengenden Rezitativen wirken die originalen Arien und Chorstücke wie besinnliche Ruhepunkte. Insgesamt herrscht eine vortreffliche Ausgewogenheit zwischen den Stilmitteln, wobei durch die neu komponierten Passagen häufig die Dramatik noch gesteigert wird, wie z.B. in der wunderbar arrangierten Frage der Jünger „Bin ich das?“.

Neben der Faszination, die das Gesamtkonzept in sich birgt, ist man fast geneigt, die Leistung der einzelnen Musiker zu unterschlagen. Das Leipziger Barockorchester erweist sich mit historischen Instrumenten und dem daraus resultierenden schlanken Ensembleklang als gute Wahl für dieses Projekt. Vor allem in den Arien bereiten die Instrumentalisten den Sängern ein klangschönes und unaufdringliches Fundament. Bei den Sängern sei vor allem Sopranistin Ulrike Staude erwähnt, die mit ihrer sehr feinen und durchsichtigen Stimme der Aufführung einige große Momente beschert.

Ein spannendes Unternehmen, das Volker Bräutigam hier präsentiert. Das Ganze in sehr guter Klangqualität und Ausführung, wenn man die Live-Situation berücksichtigt. Dazu kommt noch ein sehr informatives Booklet mit dem kompletten Passionstext und erläuternden Worten zum Werk an sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Daniel Röder,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Markuspassion BWV 247

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Raumklang
2
16.03.2005
84:49
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4018767023077
RK 2307


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Bach, Johann Sebastian


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Interpret(en):Bräutigam, Volker


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Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


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