> > > Liszt, Franz: Piano Concerto No.1, Mephisto Waltz No. 1, Heoide de funèbre
Samstag, 21. September 2019

Liszt, Franz - Piano Concerto No.1, Mephisto Waltz No. 1, Heoide de funèbre

Triumph und Erdbeben


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Liszt seinen ‚Mephisto-Walzer‘ schrieb, bezog er sich dabei Bemerkenswerterweise weniger auf Goethes ‚Faust‘, sondern auf die Faust-Dichtung von Nikolaus Lenau. Zwar geht es bei beiden Dichtungen um Faust und Mephisto und das Ringen um die menschliche Seele, doch letztlich zeichnet Liszt in seiner musikalischen Dichtung eine ganz bestimmte Szene nach, die ihm von Lenau ‚an die Hand‘ gegeben wurde, den ‚Tanz in der Dorfschenke‘: in einer ländlichen Szenerie befindet sich eine Gastwirtschaft, in der die Gäste sich beim Essen, Trinken und Tanzen amüsieren. Die Stimmung ist vergnügt und gleichzeitig unspektakulär. Da kommen Faust und Mephisto des Weges, werden auf die Gastwirtschaft aufmerksam und springen durchs Fenster hinein. Mephisto reißt die Fiedel an sich und fängt an, mit großer Geste ein schwülstig-laszives Tanzlied zu spielen. Die Stimmung steigert sich nach und nach zu einem furiosen Tanz, am Ende schnappt sich Faust das Gretchen und verschwindet mit ihr im Wald, wo er sie dann verführt. Diese Lenau-Liszt-Interpretation des Faust-Themas lässt sich in Liszts ‚Mephisto-Walzer‘ hier deutlich nachvollziehen, es ist eine Musik mit einem Programm, die es in den verschiedenen Versionen, die Liszt für unterschiedliche Besetzungen angefertigt hat, immerhin zu großer Popularität gebracht hat. Besonders der ‚Mephisto-Walzer Nr. 1‘ in der Klavier-Version ist in seiner musikalischen wie technischen Vielseitigkeit ein gleichermaßen gefürchtetes wie überaus populäres Stück geworden.
Zu hören ist auf dieser CD die Orchester-Version des Stückes. Wer also an speziell an Aufnahmen von Lazar Berman interessiert ist, der sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Berman auf dieser CD ausschließlich mit dem Es-Dur-Klavierkonzert von Liszt vertreten ist. Beim ‚Mephisto-Walzer‘ bleiben der Schweizer Dirigent Peter Maag und das Orchestra Sinfonica RAI di Torino mit dem Turiner Publikum ‚unter sich‘.

Peter Maag könnte man als einen Fachmann für spektakuläre Finalsituationen bezeichnen. Sein Dirigat ist oft enorm zugkräftig, temporeich und dynamisch - aber immer auch sehr zielorientiert. Bei jeder Passage, die leicht Stretta-artige Züge trägt, läuft Maag zu besonders großer Form auf, und so scheint es manchmal, als ziehe er solche Situationen auch förmlich an. Der ‚Mephisto-Walzer‘ beispielsweise beginnt schon gleich mit einem Furor, als ob der diabolische Tanz in der Dorfschenke schon längst mitten im Gange wäre, so dass man sich durchaus an Billy Wilders Satz ‚Es beginnt mit einem Erdbeben und steigert sich dann‘ erinnert fühlen könnte. Maag gelingt es allerdings zwischendurch auch immer wieder, etwas Furor herauszunehmen, um dadurch gleichermaßen ‚neu Anlauf‘ für neue Steigerungen zu nehmen - und das ohne dabei zu viel Spannung zu verlieren oder gar zu phlegmatisch zu werden. Diese Art der Interpretation hat jedoch auch ihren Preis - vor allem den der Präzision. Es kommt verhältnismäßig häufig vor, dass einzelne Orchestermitglieder leicht ausscheren, im Es-Dur-Konzert scheint Berman auch nicht immer mit den Tempovorstellungen Maags völlig einverstanden zu sein und besteht unbeirrt auf seinen eigenen Tempi. Bei Berman selbst geht - für seine Verhältnisse - verhältnismäßig viel ‚schief‘. Gleich bei der ersten Oktavkette gibt es einige sehr auffallende Fehlgriffe, und auch in späteren Passagen strauchelt Berman mehrfach an jeweils sehr exponierter Stelle deutlich. Nun gehört dies zu den mehr oder weniger natürlichen Begleiterscheinungen bei Konzert-Situationen. Ohnehin ist das Es-Dur-Klavierkonzert kaum ohne Fehlgriffe spielbar, letztlich kann ein Pianist nur hoffen, dass ‚es‘ nicht an allzu auffälliger Stelle passiert und der Gesamteindruck dadurch nicht allzusehr beschädigt wird.

Einen Ausgleich für die deutlich hörbaren Fehlgriffe bietet Berman hier mit einem vergleichsweise vielseitigem Anschlag - manchmal sehr ‚marcato‘ (bis an eine Grenze heran - was aber in diesem Konzert auch gut so ist), manchmal aber auch sehr lyrisch und einfühlsam. Trotz aller Klarheit und Eindeutigkeit wird der sportive Aspekt nicht allzusehr betont. Beide, Maag und Berman, zeigen hier eine besondere Vorliebe für dynamische Aspekte, was ein Hauptgrund dafür ist, dass die Gegensätze in diesem kurzen Konzert relativ gut deutlich werden und innerhalb der sehr beschränkten Zeit die musikalischen Aussagen unmissverständlich sind. Und beide scheinen sich auch darin einig zu sein, dass ‚Lärm‘ auch Spaß machen kann. ‚Lärm‘ ist da und dort bei Liszts Klavier-Konzerten nun mal ein wichtiger Aspekt, was keineswegs negativ aufzufassen ist. Allerdings kommt es dabei sehr darauf an, dass dieser ‚Lärm‘ nur sehr gezielt und ganz klar begrenzt zum Zuge kommen darf - nämlich genau dort, wo Liszt dies beabsichtigt hat. Eines der Hauptanliegen Liszts war es stets, die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers und des Orchesters neu auszuloten - das schließt fast keinen damals denkbaren klanglichen Aspekt aus. Man merkt allerdings häufig, dass bei Interpreten da und dort eine gewisse Hemmung besteht, das auch wirklich darzustellen. Nun ist Liszt aber nun mal nicht Chopin, worüber Berman und Maag völlige Einigkeit zu herrschen scheint. Dieses Stück hat viele lyrische Aspekte - aber eben nicht nur.

Bei der dritten Komposition auf dieser CD handelt es sich um eine verhältnismäßig wenig gespielte symphonische Dichtung Liszts, ‚Héroide funèbre‘, ein sehr stoischer, prozessionsartiger Trauermarsch, mit dem Liszt auf diverse revolutionäre Bewegungen seiner Zeit reagierte. Das Besondere und gleichzeitig die große Interpreten-Fußangel hier ist, dass das Stück thematisch absichtlich redundant ist und sehr viel Geschick erforderlich ist, dieses thematische Material ständig in neuem Licht erscheinen zu lassen und damit deutlich zu machen, dass es nicht statisch, sondern im Gegenteil: voller Bewegung ist. Hier kommt eine von Maags großen Stärken zum Zuge, nämlich ein großes musikalisches Gespür dafür, wenn sich in einer Komposition ‚großes Ungemach zusammenbraut‘ - wie es teilweise auch im Mephisto-Walzer der Fall ist. Von dieser Art dramatischer Düsternis gibt es in ‚Héroide funèbre‘ allerhand - und man wird lange darüber im Unklaren gelassen, ob das Stück am Ende ‚gut oder schlecht ausgeht‘. Mal scheint sich nach einer sehr unheimlichen, düsteren Passage ein finaler Triumph anzubahnen, dann kommt aber wieder ein eigenartiger Störfaktor, der den ‚Sieg‘ auf eigenartig wackelige Füße stellt. Maag lässt sich auf dieses Changieren offensichtlich gerne ein und stellt auch hier die Bedeutung von Klängen eindeutig über Präzision.

Auf manche Hörer mögen diese drei wieder entdeckten Einspielungen zu ‚unkultiviert‘, zu rustikal klingen. Dazu kommt, dass es sich um Mitschnitte handelt und allerhand Publikumsgeräusche zu hören sind. Klanglich sind die fast dreißig Jahre alten Aufnahmen trotz aller technischen Aufbereitung ohnehin nicht hochgezüchtet, gleichzeitig handelt es sich allerdings um drei sehr mitreißende Versionen mit Mut zum Risiko und einer durchaus auch sehr großen dynamischen, agogischen und klanglichen Bandbreite.
Das knappe Beiheft bietet einen Einführungstext (immerhin in vier Sprachen: E, FR, D, I).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: Piano Concerto No.1, Mephisto Waltz No. 1, Heoide de funèbre

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Arts music
1
01.01.2005
56.25
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
6005543041120
43041-2


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Liszt, Franz


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Dirigent(en):Maag, Peter
Orchester/Ensemble:Orchestra Sinfonica RAI di Torino
Interpret(en):Berman, Lasar


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"Eine gelungene Begegnung zweier großer Persönlichkeiten der Musik: Maag teilte das Turiner Konzertpodium mit dem Pianisten Lazar Berman, mit dem er das Konzert in Es Dur desselben Komponisten aufführte. Der russische Pianist war damals mitten in seiner blitzartigen internationalen Karriere, die in jenen Jahren mit der Einspielung der Konzerte von Tschaikovskij und Liszt unter Karajan und Giulini mit den Orchestern von Berlin und Wien gekrönt wurde. Auch die vorliegende Einspielung zeigt die virtuosen und musikalischen Fähigkeiten Bermans, der seit der ersten in Russland realisierten Aufnahme der Transzendentalen Etuden gezeigt hatte, daß er seine überragenden technischen Fähigkeiten mit einem natürlichen und überzeugenden musikalischen Gespür zu verbinden wußte. "


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ARTS wurde 1993 gegründet. Seither haben wir mehr als 6200 Tracks (das sind über 400 Datenträger) mit Klassischer Musik der letzten 5 Jahrhunderte veröffentlicht. Neben Alter Musik und Zeitgenössischem befindet sich in unserem Katalog auch Musik der größten Interpreten der letzten Jahrzehnte sowie Musik sehr erfolgreicher junger Künstler, die Ihren künstlerischen Zenith noch vor sich haben und diesen mit uns verbringen werden. Die Musikrichtungen reichen von Sakral bis Oper, Kammermusik bis Symphonik, Lied bis Operette. Große Werke Mozarts, Beethovens, Schuberts usw. sind ebenso vertreten wie Raritäten von Rossini, Verdi, Händel und vielen mehr.
Die ARTS Produkte heben sich nicht nur durch ihre exquisiten Inhalte und den herausragenden Künstlern und Interpreten hervor, sondern zeichnen sich auch durch die bisher unübertroffenen, kristallklaren 24bit/96kHz Aufnahmetechnik sowie der außerordentlichen Gestaltung der Booklets in vier bis fünf unterschiedlichen Sprachen aus.
Jedes Jahr veröffentlichen wir zwischen 25 und 30 neue Titel auf CD, Hybrid SACD, DVD-Video oder DVD-Audio, die sowohl bei der nationalen als auch der internationalen Presse großen Anklang finden.
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