> > > Händel, Georg Friedrich: Giulio Cesare in Egitto
Sonntag, 25. Oktober 2020

Händel, Georg Friedrich - Giulio Cesare in Egitto

Julius Caesar erobert Sydney


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Was fängt man nur mit einer Historienoper an, die eigentlich von der Glaubwürdigkeit so ziemlich unbrauchbar ist? Handlung Eins: Sesto, Spross der unentwegt ihr Schicksal bejammernden Cornelia, sucht den Mord an seinem Vater Pompeius zu rächen. Handlung Zwei: Julius Caesar, seinerseits Römer und Feldherr, hat soeben Ägypten erobert und verfällt der schönen Kleopatra, die sich als Zofe Lydia ausgibt.
Erstaunlich, dass dieses Setting der wohl etabliertesten Oper Händels dann doch über dreieinhalb Stunden trägt, gesetzt eine Inszenierung schafft es, über die mehr oder minder groben Ungeschicklichkeiten des Librettos hinauszugelangen. Denn inszeniert man es in der Manier eines ägyptisch-römischen Monumentalschinkens à la Cecil B. DeMille, gerät das Werk zur Farce.

Die Deutung Francisco Negrins von 1994 in Sydney entfremdet sich anders als die bedeutende Version Martin Kusejs an der Stuttgarter Staatsoper nicht so sehr vom Sujet, versucht nicht unbedingt der Oper eine neue Bedeutungsebene hinzuzufügen. Allerdings gelingt hier, was doch so schwer zu realisieren scheint: die Oper darzustellen ohne sie weder langatmig noch lächerlich werden zu lassen
Dieser eben als DVD erschienene ‘Guilio Cesare’ spielt in einem ‘a-historischen’ Ägypten. Zwar gibt es Hieroglyphen und Tempeldiener, doch sind die Wandmalereinen verfremdend in schwarzweiß gehalten und die weiß geschminkten Bediensteten wirken in den blauen Oberteilen und ihren weiten weißen Pluderhosen zeitlos fremdartig. Es ist vor allem an der Inszenierung bemerkenswert, dass sie es schafft, verschiedene ästhetische Spielformen zu bedienen ohne dabei eine gewisse Einheitlichkeit zu verlieren. So ist es egal, ob Caesar in einer stilisierten Tunika, einer Uniform im Stile Napoleons oder des Seconde Empire aufritt. Die Gewänder lösen sich von ihrer historisierenden Konnotation und werden zu allgemeinen, überpersönlichen Symbolen von Macht oder Schönheit.

Negrin setzt zurecht innerhalb der Inszenierung auf die Präsenz seiner Interpreten und findet in Graham Pushee eine Idealbesetzung. Pushees eigenwillig, mal grell, dann wieder ungemein lyrisch gefärbte Stimme leuchtet – und das kann man uneingeschränkt sagen – sämtliche Nuancen und Finessen seiner Partie aus. Die Koloraturen kommen mit solcher Leichtigkeit und Noblesse, dass ihm das Publikum schon nach seiner Auftrittsarie zu Füßen liegt. Pushee genießt das, genießt es, den eitlen Römer zu mimen und tritt in eine ironische Distanz zu seiner Rolle, ohne dabei seinen Protagonisten zu verraten. Diese Momente sind bewusst gesetzt; Figuren treten aus der Bühne hinaus auf den Steg vor dem Orchestergraben und erreichen damit eine Wirkung, die an das Puppentheater erinnert: Das ist ein Caesar, der sich so wunderbar durch die Windungen seines eigenen Klischees schlängelt. Hier spürt man den Spaß und das Feuer, die Händel in seinen Protagonisten hineinkomponiert hat, so dass man nie mehr auf die Idee käme, die Kohärenz mit dem historischen Original zu hinterfragen.

Da ist Yvonne Kenny als Kleopatra erst mal schon schwerer zu schlucken, denn Kenny erfüllt alle Erwartungen an eine ‘italienische’ Primadonna. Vom Typ und Alter her eher zu Bellini oder Verdi passend, hat sie keineswegs den jugendlichen Charme einer kecken Kleopatra alias Lydia alias Kleopatra. Doch das schöne ist: sie weiß das, das Publikum weiß das und der Regisseur . weiß das auch. Denn genau damit kokettiert Yvonne Kenny, die sich als reife Frau sehr bewusst ist, auf welche Knöpfe sie beim guten Julius drücken muss, damit das heraus kommt, was sie möchte. Mit einer Stimme so geschmeidig wie Honig ist es ihr ein Leichtes, die schweren Arien bravourös zu gestalten und dabei doch nie effektheischend zu wollen.
Diese beiden, ein glänzendes Australian Opera & Ballet Orchestra unter Richard Hickox und das Tanzensembles der Oper Sydney tragen die Inszenierung. Hinzu kommt eine bewegende Rosemary Gunn als so schön und anmutig jammernde Cornelia, ihres Zeichens vom Typ her auch eher die Bellini-Schiene, aber dann doch durch die gleichen Wurzeln von Italienern und Römern auf ihre Weise glaubwürdig.

Etwas schwieriger ist es da schon mit Elisabeth Campbell als jugendlichem Sesto, denn auf penetrante Weise geht einem das pseudojugendliche Getue mit der Zeit ganz schön gehörig auf den Geist. Den jungen Krieger nimmt ihr weder stimmlich noch darstellerisch jemand ab. Aber – und das gehört vielleicht gerade zum Charme dieser Aufführung – macht das nach einiger Zeit nichts mehr. Zwar nerven die ‘Jungspund-Arien’, lösen aber darüber hinaus ein warmes Gefühl von Wohlwollen des Alters gegenüber der Jugend aus.
In der Tat ist die Konstellation Cornelia –Sesto – Tolomeo schwächer als die des Traumpaars Caesar - Kleopatra. Was auch mitunter daran liegt, dass der Tolomeo als gilfiger, impotentern Glatzägypter daher kommt und selbst Nachbars Katze sich über ihn schlapp lachen würde. Andrew Dalton macht das ganz prima. Diese Ausdeutung der Figur kommt seinem Stimmtimbre durchaus entgegen, erweist sich aber im Hinblick auf die Gesamtarchitektur der Oper als etwas kritisch.

Dennoch. Die enorme Spielfreude und die Darstellung so vieler feiner Details lassen eine nahezu beglückende Atmosphäre entstehen, in der das Gekrittele plötzlich vollkommen seinen Sinn verliert. Diese Inszenierung sollte jeder gesehen haben; dazu muss man noch nicht einmal ans andere Ende der Welt fliegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Florian Wetter Kritik von Florian Wetter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Giulio Cesare in Egitto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
17.01.2005
Medium:
EAN:

DVD
0880242535993


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Händel, Georg Friedrich


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Dirigent(en):Hickox, Richard
Orchester/Ensemble:Australian Opera & Ballet Orchestra
Interpret(en):Alexander, Richard
Gunn, Rosemarie
Campbell, Elizabeth
Pushee, Graham
Dalton, Andrew
Bennett, Steven
Gilchrist, Rodney
Kenny, Yvonne


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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