> > > Distler, Hugo: Mörike-Chorliederbuch op.19
Sonntag, 29. Mai 2022

Distler, Hugo - Mörike-Chorliederbuch op.19

Distler reloaded


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So mancher hat seine liebe Müh mit der Musik von Hugo Distler. ‚Spröde’ und ‚sperrig’ sind nur zwei der Attribute aus dem Vokabular derer, die nach einmaligem Hören bereits ihr Urteil fällen. Man muss sich auf Distlers Musik einlassen, man muss ihr und sich selbst Zeit geben, um eine auditive glückliche Beziehung herzustellen. Dann offenbaren sich musikalische Welten von erstaunlicher Vielfältigkeit. Ein Beispiel dafür ist zweifellos das Mörike-Chorliederbuch, welches Hugo Distler in den Jahren 1938 und 1939 komponierte, zu einer Zeit, als er an der Stuttgarter Musikhochschule lehrte und die Gedichte von Eduard Mörike für sich entdeckt hatte. Dessen Lyrik faszinierte ihn und schätzte an ihr die ‚rhythmische Kraft und Freizügigkeit’, ‚die an das alte Volkslied gemahnende Objektivierung des poetischen Gehalts’ und die ‚innige Subjektivität und charaktervoll-eigenständige Prägung’, so Distler im Vorwort seines Chorliederbuchs. Dass Mörikes Gedichte natürlich weit mehr sind als die Verse eines schwäbischen Dichters aus der Provinz, hatten vor Distler bereits unter anderem schon die mit Mörike bekannten Kauffmanns, aber auch Robert Schumann und Hugo Wolf erkannt und Vertonungen geschaffen, die mal mehr, mal weniger, mal gar nicht Mörikes eigener Liedästhetik entsprachen.

Als Hugo Distler sich an die Komposition seines Mörike-Chorliederbuchs machte, hatten die Vertonungen des schwäbischen Dichters bereits eine gewisse Rezeptionsgeschichte. Die Gedichte für Chor zu setzen, das hatte schon Schumann getan – und wäre bei Mörike durchgefallen, denn dieser schätzte Chorsatzvertonungen seiner Gedichte gar nicht. Rund hundert Jahre später – Mörikes Liedästhetik hin oder her – vertonte Distler 40 Gedichte Mörikes, einige in mehreren Fassungen, für verschiedenstimmigen, gemischten sowie Frauen- und Männerchor. 1939 fand im Rahmen des ‚Fests der deutschen Chormusik’ in Graz die Uraufführung mit dem Stuttgarter Hochschulchor unter der Leitung des Komponisten statt – mit großem Erfolg. Distlers Mörike-Lieder fußen zum einen auf dem Bezug zum Kantionalsatz des evangelischen Kirchenlieds, auf akkordischer Textdeklamation, imitatorischer Stimmführung, zum anderen aber auch auf den polyphonen Techniken des motettischen Satzes. Hin und wieder, wie zum Beispiel im ‚Mausfallensprüchlein’, berührt Distler gar noch teils ältere musikalische Schichten, wenn er in der lichten Zweistimmigkeit zweier gleichgeschlüsselter Stimmen Anklänge an das Bicinium schafft. 27 der 48 Vertonungen hat das Berliner Vokalensemble unter der Leitung seines Gründers Bernd Stegmann schon 1992 in der Herrenberger Stiftskirche aufgenommen und präsentiert sie jetzt noch einmal auf CD.

Wie aus einem Guss

Es ist dies schlechthin die perfekte Aufnahme. Das an der Musik des 17. Jahrhunderts geschulte Berliner Vokalensemble setzt Distlers wortgezeugte, am Versrhythmus orientierte Melodik auf kongeniale Weise um. Gerade weil der Chor an der Diktion des 17. Jahrhunderts festhält, kommt Distlers Musik in einer Weise zur Geltung, die in einer solchen Transparenz der Textur und mustergültigen Textaussage und Textverständlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte. Bernd Stegmann wählt stets variable Tempi und forciert die Dynamik des Vokalensembles nie um des plakativen Effekts willen, bindet stattdessen die kontrastreichen Wechsel der Satzanlage in das Konzept einer organisch am Text gewachsenen Gesamtschau des Inhalts ein und arbeitet die subtil eingesetzten klanglichen Farbschattierungen in die von Distler geschaffenen plastischen Szenerien ein. Das verlangt hohes sängerisches Können und das Berliner Vokalensemble ist dem bestens gewachsen: keine Einzelstimme zwängt sich da aus dem bestechend einheitlichen Chorklang heraus, kein enervierendes Vibrato zerstört die lichte Frische. Locker und flexibel geschulte Stimmen bleiben in jeder Stimmgruppe und deren geforderten Lagen locker und flexibel und nie sind intonatorische Schwankungen auszumachen. Problemlos fügen sich da die Solisten Juliane Mechler, Hendrik Ritter und Christiane Kreis mit ausgezeichneter Artikulation und klaren Stimmen ein. Klangtechnisch ist der Chorklang ideal ausbalanciert und sowohl die hohen als auch die tiefen Stimmen sind bestens ausgelotet. Das Vokalensemble fügt sich klanglich ausgezeichnet in die Akustik der Stiftskirche in Herrenberg ein.
Eine Aufnahme wie aus einem Guss und eine würdige Veröffentlichung im Mörikejahr 2005.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Distler, Hugo: Mörike-Chorliederbuch op.19

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
10.01.2005
69:23
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476518206
mus551820


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Dirigent(en):Stegmann, Bernd


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"Nach 10 Jahren Dienst im Vollpreissegment kommt die Referenzeinspielung dieses Werkzyklus nun zum Midprice. Seinerzeit ist die Aufnahme von der Kritik in höchsten Tönen gelobt worden: „Artistically it‘s a georgeous program... marvelous singing under Herr Stegmann‘s care“ (American Record Guide). „Farbiger und homogener Chorklang“ (Württemberg. Blätter für Kirchenmusik). „Eine herausragende Einspielung“ (Fono Forum)."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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