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Montag, 29. November 2021

Couperin, Francois - Lecons de Ténèbres

Erstklassige Countertenor-Kunst


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schmal und auf einige wenige Genres beschränkt, musikhistorisch aber hochbedeutend ist das Oeuvre von François Couperin, genannt ‘Le Grand’. Zu seinen Hauptwerken zählen die drei Lektionen für den nächtlichen Tenebrae-Gottesdienst am Mittwoch in der Karwoche, geschrieben für ein Frauenkloster. Von den insgesamt neun Lektionen, die Couperin für Mittwoch, Gründonnerstag und Karfreitag komponierte, ist nur diese Dreiergruppe erhalten geblieben. Überzeugend mischt der Komponist Elemente aus dem gregorianischen Choral, dem französischen und dem italienischen Stil zu einer eigenen expressiven Tonsprache. Die ersten beiden Lektionen sind für eine Stimme (im Original Sopran) und Continuo gesetzt, die dritte für zwei Singstimmen und Continuo. Die Vertonungen der Klagelieder des Jeremias beginnen jeweils mit einem Buchstaben des hebräischen Alphabets, der jeweils als ausdrucksvolles Arioso komponiert ist. Generell dominiert das rezitativische Element, besondere Textstellen werden durch ariose Gestaltung herausgehoben. Die Harmonik ist dissonanzenreich. Als Füllstück fungiert in der vorliegenden Aufnahme ein Magnificat für zwei Singstimmen und Basso continuo, ein Stück liturgische Gebrauchsmusik, das die Ausdrucksqualität der Lektionen nicht annähernd erreicht.
Viele werden die Leçons von Couperin durch die über dreißig Jahre alte, schon legendäre Aufnahme mit Judith Nelson und Emma Kirkby und Christopher Hogwood kennengelernt haben (Decca/L‘Oiseau Lyre). Diese Einspielung ist auch heute noch maßstabsetzend und besticht vor allem durch die glockenklaren Sopranstimmen und ihre stimmliche Homogenität der beiden Solistinnen.

Zwei Countertenöre mit breiter Ausdruckspalette...

In der neuen Aufnahme mit dem Ensemble ‚Theatre of Early Music‘ sind die Protagonisten zwei Countertenöre. Robin Blaze und Daniel Taylor werden zu Recht als Stars gehandelt; sie gehören nicht zu den schmalbrüstigen, ausdrucksarmen Vertretern ihres Faches, deren Stimmen dünnen Fädchen gleichen und die dynamische Bandbreite einer Okarina aufweisen. Nein: Blaze und Tayler verfügen nicht nur über ein erstaunlich ähnliches Timbre, sie sind auch zu ausdrucksvollem Singen im Stande. Ich darf hier wieder einmal ein Lieblingsthema von mir aufgreifen, nämlich: Authentisch scheint mir der Gesang der beiden Solisten nicht, denn der Stimmtyp Countertenor ist ein modernes Konstrukt. Der französische ‘Haute-Contre’ hingegen war sehr wahrscheinlich ein Tenor mit einer erweiterten hohen Lage, sang somit nicht wie ein Countertenor alles im Falsett, sondern nur die hohen Töne... dies nur als Anmerkung. Jedenfalls erfreuen die beiden Engländer durch makellose Textverständlichkeit und in der Duett-Lektion mit einer Homogenität, die an Nelson-Kirkby durchaus heranreicht. Während in der Hogwood-Aufnahme die Krone eindeutig Emma Kirkby gehört, trägt in der vorliegenden CD keiner der beiden Sänger den Sieg davon: Beide sind auf einem identisch hohen Niveau angesiedelt.

...begleitet von den ‘hervorragendsten Musiker der Welt’!

Im Booklet heißt es über das Ensemble ‘Theatre of Early Music’ ohne jegliches britische Understatement: ‘...besteht aus einigen der hervorragendsten Musiker der Welt’ (!). Nun ja, Kompetenz ist dem Organisten Laurence Cummings und dem Gambisten Jonathan Manson wirklich nicht abzusprechen, aber diese Charakterisierung ist vielleicht doch etwas, nun ja, zumindest unpassend. Couperins Musik ist auch keineswegs dazu angetan, profilierungssüchtigen Instrumentalisten ein Podium zu bieten.
Das Booklet glänzt mit einem fundierten, gut geschriebenen Begleittext, der leider nicht fehlerlos übersetzt ist. Die Künstlerbiographien sind voll von Formulierungen wie ‘weltweit führend’, ‘in der ganzen Welt’, ‘bedeutendsten Interpreten der Gegenwart’. Muss wohl so sein. Die Produktion des rührigen schwedischen Labels BIS ist eine ernstzunehmende Konkurrenz für die bisherigen Einspielungen von Couperins Leçons.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Couperin, Francois: Lecons de Ténèbres

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
BIS Records
1
15.01.2005
59:20
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
7318590013465
bis501346


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Couperin, Francois
 - Magnificat -
 - Lecons de Tenebres -


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Interpret(en):Blaze, Robin
Taylor, Daniel
Manson, Jonathan
Cummings, Laurence


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"Die „Leçons“ waren ein sehr beliebtes Genre im Frankreich der Barockzeit. Es handelt sich um Vertonungen der Lamentationen des Jeremiah, in denen der Prophet die Zerstörung Jerusalems voraussagt. Im christlichen Verständnis wurde das zerstörte Jerusalem zum Synonym für die Leiden Christi - aufgeführt wurden die Leçons in den Morgengottesdiensten der Osterwoche. Die beiden Altisten, die auch schon Bach-Kantaten mit dem Japan Bach Collegium für BIS aufgenommen haben, verstehen es wunderbar, die klagende, zugleich geheimnisvolle und meditative Stimmung dieser Werke auszudrücken."


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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