> > > Raff, Joachim: String Quartets 6 & 7
Montag, 26. September 2022

Raff, Joachim - String Quartets 6 & 7

Lohnenswerter Saitenblick


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Joachim Raff wird oft mit dem nicht gerade ehrwürdigen Beiwort des Epigonen versehen. Ob das allerdings den Kern der Sache trifft oder vielmehr aus Ratlosigkeit über die merkwürdige (oder besser: bemerkenswerte) Stilvielfalt des Komponisten vorgebracht wurde und immer noch wird, sei dahin gestellt. Dass Joseph Joachim Raff aus einem tiefen Fundus an technischen Mitteln schöpfen konnte, wird heute dann als Eklektizismus bezeichnet; das Nebeneinander von romantischer Harmonik und klassizistischen Formmodellen diente vor allem der Nachwelt als Beweis einer nicht konsistenten Musikerpersönlichkeit, die um des Effektes willen verschiedenste Einflüsse miteinander kombiniert. Betrachtet man das äußerst umfangreiche Schaffen Raffs, so leuchten diese tradierten Vorurteile nicht unbedingt ein. Denn es muss kein negatives Qualitätskriterium sein, Stile zu verschmelzen, um damit zu einer eigenen Aussage zu kommen; es zeigt vielmehr den gekonnten Umgang mit Traditionen.

Übelkeit Hanslicks

Auch in der vorliegenden Aufnahme geht es um die Weiterführung einer Gattungstradition, die als Gipfel der absoluten Musik gelten kann: das Streichquartett. Dass Raff diese Gattung individuell behandelte, zeigen die Beinamen der hier eingespielten Streichquartette Nr. 6 und 7. Das Quartett in c-Moll op. 192, 1 ist mit ‘Suite in älterer Form’ überschrieben, das D-Dur-Quartett op. 192, 2 mit ‘Die schöne Müllerin. (Zyklische Tondichtung)’. Eingefleischten Verfechtern der sogenannten absoluten Musik (Eduard Hanslick etwa) würde es bei der Kombination von außermusikalischen Vorlagen (wie im Streichquartett Nr. 7) und des non plus ultra der ‘reinen Musik’, des Streichquartetts, den Magen umdrehen. Raff jedoch scheint keine Berührungsängste zu kennen; für ihn scheint die Gattung Streichquartett primär als Besetzungsangabe zu fungieren, der traditionelle Ballast der Ästhetik wird über Bord geworfen.

Über alle Schwierigkeiten erhaben

Das berühmte Mannheimer Streichquartett macht nun mit dieser Aufnahme deutlich, dass sich ein Seitenblick auf die Streichquartette Raffs durchaus lohnt; nach der Wiederentdeckung der Sinfonien scheint das Kammermusikschaffen nicht minder interessant und voller Überraschungen. Und wie gewohnt sind die Interpretationen des Mannheimer Streichquartetts, bekannt auch für ihre fulminante Einspielung der Streichquartette Max Regers, über jeden Zweifel erhaben. Hört man der Dame und den drei Herren zu, so fragt man sich, wie man eine derart frappierende Einheitlichkeit der Klanggebung und perfekte Abstimmung der Instrumentalisten hinbekommt. Schon der erste Satz des c-Moll-Quartetts besticht durch seine dunkle und volle Klanglichkeit. Die Balance zwischen den Musikern ist perfekt, der Klang sehr kompakt von einer samtigen dunklen Klangfarbe. Dies steht dem Anfang dieses Quartetts bestens. Der Allegro-Teil dieses als ‘Präludium’ bezeichneten Satzes wird jedoch eher spielerisch genommen, fugierte Teile treten plastisch hervor, ohne dass der Eindruck entstünde, dass man hier mit dem Finger auf eine satztechnische Fertigkeit Raffs hingewiesen würde: ‘Achtung, hier kommt eine Fuge!’ Vielmehr scheint sich der Satzverlauf ganz organisch zu entfalten. Auch in Bezug auf die dynamische Staffelung kann man den Mannheimern nur höchstes Lob aussprechen: Vom zartesten Pianissimo bis zum kraftvollen Forte werden alle dynamischen Valeurs feinfühlig eingesetzt. Von tänzerischem Schwung ist der zweite Satz (‘Menuett’) geprägt, während die folgenden beiden leichte und ruhige, die ‘Arie’ vor allem kantable Elemente zeigt. Um die unterschiedlichen Stimmungen der Sätze auszudrücken, greift das Mannheimer Streichquartett auf eine große Palette an Ausdrucksmöglichkeiten zurück; von ruppigen Akkorden bis hin zu elegischen Melodiebögen sind hier viele Schattierungen des Klangs eines Streicherensembles geboten.

Optimale Abstimmung

Auch die formidable Klangtechnik sorgt dafür, dass dieses Ensemble wunderbar ausgewogen und bestens aufeinander abgestimmt klingt. Die einzelnen Instrumente wirken hier nicht als einzelne Stimmen, sondern vielmehr als ein einziger Klangkörper, der mit einer Stimme spricht. Eine solch exakte Abstimmung in Agogik, Intonation und Klanggebung findet sich nur selten. Den Mitgliedern des Mannheimer Streichquartetts gebührt dafür höchstes Lob. Dass dazu – wie dies auch die spannende Interpretation des 7. Streichquartetts zeigt – ein enormes Ausdruckspotential kommt, krönt diese Produktion zu einer der rundum gelungensten Streichquartettaufnahmen der letzten Jahre. Denn die Musik Raffs verdient es, in all ihren Schattierungen eingefangen zu werden. Dass dies hier in vorbildlicher Weise realisiert wird, zeigt beispielsweise der zweite Satz des Quartetts op. 192 Nr. 2. Dieser mit ‘Die Mühle’ überschriebene Satz macht die stete Bewegung des Mühlrades durch eine durchgehende Achtelbewegung deutlich; im ‘Unruhe’-Satz sorgen Dissonanzen für einen großen Spannungsaufbau, der sich nicht zuletzt im letzten Satz ‘Zum Polterabend’ entlädt, nachdem vorher eine gegenseitige Liebeserklärung den vorhergehenden Satz prägte.
Dass dies in sich schlüssig wirkt, dafür trägt das Mannheimer Streichquartett durch eine spannungsvolle und leidenschaftliche Interpretation bei. Wenn das alles dann noch in derart klarer und durchsichtiger Klangqualität realisiert wie hier, kann man sich auf die folgenden Veröffentlichungen mit Streichquartetten Joachim Raffs freuen. Der Seitenblick auf weniger bekanntes Repertoire scheint sich jedoch – wenn es, wie hier, derart überzeugend musiziert wird – sehr zu lohnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joachim: String Quartets 6 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
06.05.2005
Medium:
EAN:

CD
0761203700325


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Raff, Joseph Joachim


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
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