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Donnerstag, 8. Dezember 2022

Salieri, Antonio - Tarare

Viel Trara um Salieri


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tarare? - Dahinter verbirgt sich eine französische, fünfaktige Oper Antonio Salieris. Die italienische Fassung des Werkes, die nach dem Pariser Uraufführungserfolg von 1787 auf Betreiben König Josef II. entstand, ‚Axur, Re d’Ormus’ (1989 unter René Clemencic auf Nuova Era als CD erschienen), ist uns heute noch etwas bekannter. Übersetzer des von Beaumarchais stammenden Librettos ins Italienische war dabei übrigens kein geringerer als Lorenzo da Ponte; ein bislang kaum beachteter Seitenbezug bei der Zusammenarbeit mit Mozart zur Beaumarchais-Adaption des ‚Figaro’.

Verkennung

Doch zurück zu Salieri und der nun bei Arthaus erschienenen Aufzeichnung einer Produktion dieser Oper von den Schwetzinger Festspielen 1988 unter der inspirierten musikalischen Leitung Jean-Claude Malgoires und in der biederen Regie Jean-Louis Martinotys, der so etwas wie eine schlechte Imitation von Ponnelles Inszenierungs- und Ausstattungsstil versuchte. Haken wir das gleich hier ab: in pseudo-historischen Kostümen werden Gags und Gagchen aus Opas Puppenkiste abgelassen, von Personenführung keine Spur, die Sänger sind sich selbst überlassen. Der Gedanke an eine Interpretation kommt gar nicht erst auf (und das bei einem so spannendem Autor wie Beaumarchais!), alles ist zugezuckert mit hübsch anzusehenden Dekorationen und Bildarrangements, die freilich eines Inhalts entbehren. An Harmlosigkeit ist das kaum zu übertreffen, von Ponnelles sinnlich-intellektuellem Zugriff der 1980er Jahre, der hier so augenscheinlich Pate stand, ist das alles meilenweit entfernt. Um es auf einen Nenner zu bringen: Martinoty nimmt das Stück zu keinem Zeitpunkt Ernst; oder aber - und diese Vermutung ist nicht ganz von der Hand zu weisen – er hat es schlichtweg nicht verstanden. Und ganz augenscheinlich hat Martinotys Sicht dem Stück nicht genützt, es ist nach wie vor vergessen. So, wie auch Martinotys gefällige Produktionen immer schnell dem Vergessen anheim gegeben werden. Wenigsten hier herrscht ausgleichende Gerechtigkeit.

Erkennung

Zum Glück steht mit Malgoire ein kompetenter künstlerischer Leiter der musikalischen Seite der Aufführung zur Verfügung. Ihm gelingt es deutlich zu machen, warum das Werk ausgegraben werden musste, wo die Besonderheiten der Partitur, die Brüche mit den traditionellen Opernformen und die bemerkenswerten Mischungen von Sentiment und Buffoneske liegen. Es macht deutlich, dass es neben Mozart, wenngleich unter anderen Vorzeichen und mit weniger Konsequenz, durchaus ernstzunehmende Bestrebungen um dramaturgische Reformen der Gattung Oper gab. Martin y Solers Werke die in Zusammenarbeit mit da Ponte entstanden, wäre hier übrigens ein weiterer Beleg. Blendet man für sich im Kopf einmal die dümmlich-banale Inszenierung der Schwetzinger Produktion aus, wird man das mit Gewinn feststellen können. Denn die Geschichte um den barbarischen, egoistischen Despoten, der von einem gewöhnlichen Soldaten abgelöst wird, den das Volk aufgrund seiner Furchtlosigkeit und Treue zum neuen König gewählt hat, entpuppt sich als handfeste Staats- und Gesellschaftssatire von beachtlicher geschichtsphilosophischer Tragweite; am Vorabend der Französischen Revolution von 1789 allzumal. Die vermeintliche Würdigung konstitutioneller Monarchie, die die Geschichte, samt allegorischer Rahmenhandlung, zu erzählen vorgibt, ist letztlich eine aufklärerische Parabel, die hinter der modischen Spielhandlung mit Orientthema, Intrige, Verkleidung und Verwechslung, brisanten Zündstoff parat hält. - Das gälte es in einer adäquaten Inszenierung freilich noch zu entdecken.

Musiziert und gesungen wird vorzüglich. Malgoire einer der maßgeblichen Vorstreiter historischer, wissenschaftlich fundierter Aufführungspraxis gelingt es den Deutschen Händelsolisten einen mitreißenden, federnd-energiegeladenen Klang zu entlocken. Er ist dabei auf der musikästhetischen Höhe der späten 1980er Jahre. Bei den Sängern fällt der späterhin bekannt gewordene Jean-Philippe Lafont besonders angenehm auf, aber auch Howard Crook in der Titelrolle und Eberhard Lorenz, seinerzeit ein gefragter Sänger, wissen stilistisch und vokaltechnisch zu überzeugen. Anna Caleb versteht es überzeugend weibliche Gegenakzente zu setzen. Auch die kleineren Rollen sind weitestgehend überzeugend besetzt, so dass es musikalisch kaum Beanstandungen gibt.
Das Werk hätte eine zweite Chance verdient, vielleicht hilft die solide ausgestattete und zufriedenstellend klingende DVD-Veröffentlichung ja, damit das geschieht…?!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Salieri, Antonio: Tarare

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
17.01.2005
184:00
1988
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
0807280055795
100 557


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Salieri, Antonio


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Dirigent(en):Malgoire, Jean-Claude
Interpret(en):Rossmanith, Gabriele
Kirchner, Klaus
Gal, Zehava
Gardeil, Jean-Francois
Rivenq, Nicolas
Niemelä, Hannu
Lorenz, Eberhard Francesco
Caleb, Anna
Lafont, Jean-Phillippe
Crook, Howard


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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