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Sonntag, 20. Oktober 2019

In Nomine - The Witten In Nomine Broken Consort Book

Ein altes Werk, umgarnt von Avantgardisten


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Reihe der auf dieser Doppel-CD vertretenen Komponisten scheint kein Ende zu nehmen. Die namhaften Vertreter der musikalischen Avantgarde, angefangen bei György Kurtag, über Walter Zimmermann, Hans Zender, Claus-Steffen Mahnkopf, Gösta Neuwirth, Salvatore Sciarrino bis hin zu Wolfgang Rihm (und viele weitere) geben sich ein Stelldichein, um Harry Vogt, dem langjährigen künstlerischen Leiter der ‘wittener tage für Neue Kammermusik’ ein Ständchen zu geben.
Sie vereinen sich vor dem altehrwürdigen Vorbild des John Taverner, der einst im 16. Jahrhundert die sechsstimmige Messe ‘Gloria tibi Trinitas’ schrieb. Genauer: das ‘Benedictus qui venit in nomine Domini’. Noch genauer: den vierstimmig vertonten Abschnitt ‘In nomine Domini’. Schon im 16. und 17. Jahrhundert hatte dieser Abschnitt Komponisten wie Henry Purcell und William Byrd zu instrumentalen Bearbeitungen angeregt. Das zehnjährige Arbeitsjubiläum Harry Vogts in Witten gab dem Freiburger ensemble recherche den Anlass, diese Kette von Bearbeitungen wieder aufzunehmen. So entstand das ‘Witten In Nomine Broken Consort Book’, eine Sammlung musikalischer Antworten auf Taverner aus der Perspektive der Avantgarde.

Ein Fächer neuer Musik vor altehrwürdigem Hintergrund

Die Kompositionen, entstanden zwischen 1994 und 2002, spiegeln überblickshaft wieder, wie um die Jahrtausendwende komponiert wird - mit einigen Einschränkungen. Alle Werke sind kammermusikalisch, da als Auftragskompositionen für das ensemble recherche entstanden; stilistisch ist nicht das vollständige Spektrum neuer Musik vertreten. Man wird vergeblich nach Neuer Einfachheit oder Minimal Music suchen. So hat man manchethalben den Eindruck, die Klischees der Widerspenstigkeit neuer Musik sollten hier bedient werden. Vieles wirkt fragmentarisch, zerstückelt, geprägt durch naturhaften und willkürlich anmutenden Gestus. Dabei ist vieles nicht sonderlich originell. Der Gesamteindruck eines ersten Hörens lässt fragen, ob sich wirklich Wesentliches seit Weberns ‘Bagatellen’ für Streichquartett getan hat. Das Impulsive wie das Lang-Atmende, das klangsinnliche Flirren wie die allmählichen Klangfarbenveränderungen, insbesondere die Verwendung innovativer Spieltechniken, all das hat Webern schon vorgeführt und wird hier nur noch verfeinert und ausgeweitet. Einige der Kleinwerke – die Stücke bewegen sich in ihrer Dauer zwischen 24 Sekunden und 11 Minuten – wirken dabei etüdenhaft und können kaum als eigenständige Kunstwerke Bestand haben.
So manches Werk bleibt dem Hörer verschlossen. Zwar geht Torsten Blaich im Beitext auf eine Auswahl von Kompositionen ein, doch ist diese Einführung für den interessierten Laien nicht ausreichend. Vielleicht fehlen auch Informationen seitens der Komponisten. Eine vollständige Beschreibung der Bearbeitungstechniken und Ausdrucksintentionen im chronologischen Überblick wäre hilfreich und sicher spannend gewesen.

Im Rausch der neuen Klänge

Eine Vielzahl Kompositionen erschließen sich allerdings von selbst. Unmittelbar nachvollziehbar ist etwa Georg Krölls kontrastreiches und energisches ‘Versetto’. Spannend ist, wie Toshio Hosokawa in ‘A Song from far away’ Konsistenz, Farbe und Dynamik der Klangstrukturen immer neu umwälzt. Einleuchtend auch Matthias Pintschers ‘Übermalung’ für Viola solo, in der die einzelnen Töne mit frappierender Klangfarbenvielfalt des Soloinstruments umspielt (‘übermalt’) und ausgebreitet werden – übrigens hervorragend interpretiert vom ensemble-Mitglied Barbara Maurer. Mancher Komponist wählt einen tonmalerischen Gestus, so Stefano Vervasoni in seinem ‘mormorando’ vorzutragenden ‘In Nomine R.’ für Oktettbesetzung. Da schillert und flirrt es fast impressionistisch. Oder Salvatore Sciarrino mit ‘In Nomine Nominis’, der sich durch Einbezug von Klappen- und Atemgeräuschen an den Grenzen der Spieltechniken bewegt, ohne dabei oberflächlich und effektheischerisch zu wirken.

Exzellente Audioqualität

Hier wie auch in Mark Andrés ‘...In...’ für Bassklarinette solo (meisterhaft: Shizuyo Oka), gelangt die hervorragende Aufnahmequalität zur vollen Wirkung. Im Unterschied zu Einspielungen großer Orchesterwerke kann eine Einspielung von Kammermusik die Nuancen viel feiner wiedergeben – vorausgesetzt, man hat wie in diesem Falle die ausgezeichneten Bedingungen des WDR zur Verfügung. Hier verbinden sich Besetzung, Produktionsbedingungen und Eigenheiten avantgardistischen Komponierens auf glückliche Weise.

Subjektive Zugänge

Die Bassklarinette wird von den Komponisten als ein Soloinstrument mit enormem Potenzial vorgestellt. Ihren humorvollen, bassigen, dabei äußerst flexiblen Charakter nutzt auch Kurtag (‘In Nomine – all’ongherese’). Der Beitrag dieses Altmeisters der neuen Musik (*1926) überzeugt durch Subjektivität im Ausdruck. Er ist eine der Bearbeitungen Taverners, die für sich als autonomes Kunstwerk Bestand haben. An Kurtags bekanntes ‘Quasi una fantasia’ scheint Emilio Pomàrico mit ‘In nomine, Fantasia (quasi) una Passacaglia’ anzuknüpfen. Erstaunlich eingängig wirkt dieses Stück durch die im Titel grundgelegten Ostinatostrukturen in Rhythmus und Harmonik.
Vom Ausdrucksgehalt stechen die Werke zweier Komponistinnen hervor: Gösta Neuwirths mysteriöses ‘Nicht Hand. Ignotis Enim’ hat fast bösartigen Charakter. Inmitten vielerlei eher technisch und strukturell interessanter Stücke erfrischt die entschiedene Emotionalität. Isabel Mundrys ‘Der letzte Seufzer’ ist nicht nur vom Titel, sondern auch vom Gestus her erfreulich klar und eindringlich.

Melodien aus jahrhundertealter Vergangenheit

Nicht zuletzt zeichnet sich die Zusammenstellung durch das bewusste Aufgreifen schon vorhandener Bearbeitungen Taverners aus. Johannes Schöllhorns ‘In nomine’ von 1994 ist eine delikate spieltechnische Verfremdung der Bearbeitung von Picforth aus dem 16. Jahrhundert. Bryn Harrison stellt sich in die Tradition Byrds. Seine Komposition erweckt den Eindruck einer Klangruine – im positiven Sinne. Byrds Melodien scheinen wie aus der Vergangenheit an unsere Ohren zu dringen, durch die Zeiten von Laub und Spinnweben überlagert und verhüllt. Eine schöne Form der Reminiszenz an den altenglischen Großmeister. Einen ähnlichen Eindruck übermittelt wiederum Schöllhorns ureigene Komposition (‘In nomine’ von 1999), in der er vor nebelverhangenen Klangschleiern eine einsame Melodie entfaltet – eine in bescheidener Kürze artikulierte Hommage, die ich spontan ‘in der Dachkammer des verstorbenen Komponisten’ überschreiben möchte.

Neue und alte Scherze

Schließlich seien nicht unerwähnt die humorvollen Zugänge Walter Zimmermanns, Rainer Peters’ und Wolfgang Rihms. Bei Zimmermann (‘Dit’) spricht oder eher singt vom Tonband ein Neu-Guineaner eine traditionelle Melodie, zu der der Cellist (Lucas Fels) möglichst unisono sein Instrument sprechen lassen soll. Der Effekt ist in seiner Mehrdeutigkeit skurill. Zeitliche, räumliche und kulturelle Grenzen werden überschritten, die synkretistische Aussage muss erst neu gefunden werden. Rainer Peters stellt in seinem Werk recht plakativ Avantgarde und Tradition gegenüber, indem er eine avantgardistisch dissonant geführte Melodie mit traditionellem Kadenzschluss bestätigt. Ein gut gewählter Schlusspunkt ist Rihms ‘cnts. frms.’, dessen Witz in der Kürze (43 s) liegt. Das Stück endet, bevor irgendeine durch den Beginn geweckte Erwartung erfüllt werden konnte; die Hörerin, der Hörer darf oder muss weiterdenken.

Etwas für Feinschmecker

Insgesamt eine Produktion für Kenner und besonders Interessierte. Eine so umfassende Kostprobe der Kunst aktuell angesagter KomponistInnen wird sich anderswo schwerlich finden lassen. Typisch für WDR-Produktionen ist die progressive und etwas elitäre Ausrichtung an der musikalischen Avantgarde, die luxuriöse Herstellung von der Studioqualität bis hin zur individuell gestalteten Verpackung. Hervorzuheben ist die exquisite Interpretation durch das ensemble recherche.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    In Nomine: The Witten In Nomine Broken Consort Book

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
19.01.2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010280177
KAI 0012442


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Ferneyhough, Bryan
Gervasoni, Stefano
Hosokawa, Toshio
Huber, Klaus
Kröll, Georg
Kurtág, György
Pauset, Brice
Pesson, Gérard
Pintscher, Matthias
Platz, Robert HP
Purcell, Henry
Schöllhorn, Johannes
Schurig, Wolfram
Schwehr, Cornelius
Taverner, John


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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