> > > Revueltas, Silvestre: Homenaje a Revueltas - Chamberworks
Sonntag, 5. Dezember 2021

Revueltas, Silvestre - Homenaje a Revueltas - Chamberworks

Sensemayá entschlackt


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kammermusikwerke des Mexikaners Silvestre Revueltas. Hervorragende Mitschnitte, sowohl interpretatorisch als auch klanglich außerordentlich gelungen. Ein starkes Plädoyer!

Größer besetzte Kammermusikwerke Revueltas’ hat die niederländische Ebony Band, die sich größtenteils aus Musikern des Concertgebouw Orchesters speist, in zahlreichen Konzerten bereits erarbeitet; ein Dokument dieser fruchtbaren Beschäftigung ist unter dem Titel ‚Homenaje a Revueltas’ in Form eines Mitschnitts bei Channel Classics erhältlich. Das Motto scheint mit Bedacht gewählt, greift es doch den Titel einer der bedeutendsten Stücke Revueltas’ auf: ‚Homenaje a Frederico García Lorca’, 1936 nach der Ermordung des Dichters komponiert. Dass es in der Musik zum Teil heiter beschwingt zugeht, ist nicht nur typisch für Revueltas, sondern für die gesamte mexikanische Kultur, die eine ungewöhnlich bejahende und heitere Einstellung zum Tod hat. Bildet die erwähnte ‚Homenaje’ den Schlusspunkt, ist auch das Eröffnungsstück berühmt und weltbekannt: ‚Sensemayá’, allerdings in einer eher unbekannten Kammermusikfassung, die jedoch nicht nur älter ist als die später zu Weltruhm gelangte Orchesterfassung, sondern zumindest in rhythmischer Prägnanz und Kontur sogar fast besser abschneidet als der doch mit recht breiten Pinselstrichen gemalte Orchesterteißer. Einige der scharfen Konturen kommen in der entschlackten Fassung einfach besser heraus.

Bissige Ironie und mathematische Folklore

Im Zentrum steht ‚Hora de Junio’ – Stücke zu Gedichten von Carlos Pellicer. Ob die Musik lediglich inspiriert wurde von den Dichtungen oder tatsächlich ein Textvortrag angedacht war, ist nicht sicher. Hier werden die Gedichte von Juan Carlos Tajes zur Musik rezitiert; die Fassung stammt von José Ives Limantour, der die Musik – zum Teil um eigene Beiträge – vervollständigt hat. ‚Caminando’ ist ein ‚echtes’ Lied, das hier jedoch – vom Komponisten toleriert – in einer Instrumentalfassung erklingt. Ebenfalls nur bruchstückhaft überliefert und erst vor kurzem im Nachlass entdeckt ist die Musik zu ‚Este era un Rey’, die von Timothy McKeown zu einer kleinen Suite zusammengestellt wurde. Musik zu einer Kindergeschichte stellt ‚El renacuajo Paseador’ (Die wandernde Kaulquappe) dar; die beiden letztgenannten Stücke machen durch ihre ironische Bissigkeit auf sich aufmerksam. Zwar vollendet, aber seinerzeit nicht publiziert ist das – deswegen namenlos gebliebene – ‚Pieza para doce instrumentos’ – entgegen des Titels eine kleine Suite. ‚Ocho por Radio’ und ‚Planos’ zeigen das typische Nebeneinander von folkloristischen Einflüssen und ‚zeitgemäßer’, quasi mathematisch fundierter Gestaltung des Materials. Als kleines Schmankerl hat sich ein Werk des mit Revuelats befreundeten José Pomar, ‚Preludio y Fuga ritmicos’ ins Programm gemischt; ein Werk, dessen instrumentale Klangvielfalt auf kleinstem Raum die verschiedensten Effekte erzielt – ein witziges Stück, das ideal als Zugabe funktionieren muss.

Fast wie aus dem Studio

Gäbe es nicht bisweilen einen leisen Huster und den wohlverdienten Applaus nach dem letzten Stück, würde nichts darauf hindeuten, dass es sich hier um Konzertmitschnitte handelt. Dafür ist das Spiel der von Werner Herbers geleiteten Ebony Band einfach zu präzise und souverän. Die Intonation ist bombensicher, das Zusammenspiel absolut perfekt, alles wirkt minutiös einstudiert und sorgfältig ausgeführt; die Musiker haben es tatsächlich verstanden, die Musik auf den Punkt zu bringen. Neben der geschlossenen Ensembleleistung wissen vor allem die fetzigen Blechbläserpassagen und das stets brillante Schlagzeug zu begeistern. Erstaunlich ist neben der stets unbändigen rhythmischen Energie tatsächlich die geradezu orchestrale Klangfülle, die das Ensemble zu erzeugen vermag. Der aus Uruguay stammende Schauspieler Juan Carlos Tajes wirkt bei seiner Rezitation zwar authentisch; der etwas eindringlich weinerliche Tonfall ist jedoch vielleicht etwas zu viel des Guten in Sachen emotionaler Nachempfindung. Geschmackssache! Darüber hinaus bietet die SACD bereits in der Stereo-Version ein gestochen scharfes Klangbild, das von Störgeräuschen aus dem Publikum nur marginal beeinträchtigt wird. In der Mehrkanalversion entfalten der 2003 entstandene Mitschnitt darüber hinaus noch ein Mehr an Plastizität.

Bedeutendes Plädoyer!

Die Einführungstexte hat der Ensembleleiter selbst verfasst; hier bleiben – trotz zufriedenstellendem Umfang und Versionen in vier Sprachen – doch einige Wünsche offen. Zum einen irritiert die Anordnung, die – ohne plausiblen Grund – von der Trackreihenfolge stark abweicht, zum anderen bekommt man zwar aufschlussreiche Informationen, vermisst aber manchmal Grundlegendes. So wurde zwar eine Namensliste aller Ensemblemitglieder beigesteuert, jedoch findet sich bei keinem Stück die genaue Besetzung angegeben. Das soll den Wert der CD, die ein bedeutendes Plädoyer für die Musik des Silvestre Revueltas darstellt, nicht schmälern. Auch als Einstieg in die Welt der Klassik bestens geeignet!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Revueltas, Silvestre: Homenaje a Revueltas - Chamberworks

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Channel Classics
1
19.01.2005
66:21
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
723385211044
CCS 21104


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Revueltas, Silvestre


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Dirigent(en):Herbers, Werner


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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