> > > Beethoven, Ludwig van: Symphonies 5, 6 "Pastorale"
Freitag, 7. Oktober 2022

Beethoven, Ludwig van - Symphonies 5, 6 "Pastorale"

Beethoven im Geschwindigkeitsrausch


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Über zehn Jahre lang, bis 1999, war Michael Gielen Chefdirigent des Südwestfunk-Sinfonieorchesters Baden-Baden. Der SWR dokumentierte die Beethoven-Interpretationen des von vielen als ‘Geheimtipp’ geschätzten Dirigenten in einer DVD-Reihe in drei Folgen mit je drei Symphonien. Die Konzertmitschnitte der 5. und 6. Symphonie entstanden im Jahr 1997, indem Gielen seinen 70ten Geburtstag feierte, die 4. Symphonie wurde 2000 aufgenommen.

Der Dirigent

Seinen Ruf als außergewöhnlicher Dirigent erlangte Gielen in seiner Zeit als Chefdirigent und Direktor der Frankfurter Oper von 1978-1987. Er dirigierte zahlreiche bedeutende Inszenierungen von Regisseuren wie Ruth Berghaus, Hans Neuenfels, Jürgen Flimm, Harry Kupfer, Alfred Kirchner und Volker Schlöndorff und galt besonders als Spezialist für Neue Musik wie auch als strenger Verfechter der Werktreue. Zeitgleich leitete er das Symphonieorchester von Cincinnati, mit dem er eine vieldiskutierte Aufnahme von Beethovens ‘Eroica’ im Originaltempo einspielte und damit den Streit um die Metronomangaben in Beethovens Werken neu entfachte. Bereits in den 50er Jahren gehörte er zu den Ersten, die die landläufige Meinung, Beethovens Metronom sei defekt gewesen, infrage stellten. Entgegen der der Spätromantik verhafteten Interpretationspraxis der Zeit, präsentierte er einen ungewöhnlich schnellen, unpathetisch modernen Beethoven, ganz ohne Anklänge an jegliche ‘Feierstundenästhetik’. So auch in der vorliegenden Aufnahme.

Die Interpretation

Mittlerweile sind schnelle Tempi bei Beethoven kein Novum mehr. Gardiner beispielsweise übertrifft hin und wieder sogar die Metronomangaben des Komponisten. Was Gielens Beethoveninterpretation darüber hinaus charakterisiert, ist vor allem ihre radikale Sachlichkeit, ihre Buchstabentreue gegenüber der Partitur und ihre klangliche Durchsichtigkeit und Helligkeit. Seine Interpretation zielt weniger auf die Stimulierung von vielfältigen, gegensätzlichen Emotionen, sondern auf Klarheit der Struktur. Spannung erzeugt er nicht mit den musikalisch-rhetorischen Mitteln der Romantik, sondern durch Stringenz: Sein Grundtempo geht recht genau von Beethovens angegebener Metronomzahl aus, er verzichtet weitgehend auf Tempowechsel und Agogik, wo sie nicht notiert sind und macht an ‘poco ritardando’-Stellen auch wirklich nur kleine Verzögerungen. So bleibt die Musik in beständigem Fluss und gewinnt durch das ungewohnt schnelle Tempo einen bemerkenswerten Drive, der sich in den schnellen Sätzen geradezu zum mitreißenden Geschwindigkeitsrausch entwickelt. Bei musikalischen Motiven und Figuren toleriert Gielen keinerlei Unschärfe und Verschwommenheit im Spiel, auch nicht, um einen musikalischen Gestus zu unterstreichen. Die instrumentalen Klangfarben entfalten bei ihm nie die Qualität von Tonmalerei und deutlich dominieren im Gesamtklangbild die höheren Instrumente gegenüber den tieferen. All dies folgt der Grundintention des Dirigenten, nicht allzu viel romantischen Geist und – bei aller Ernsthaftigkeit - kein Pathos und keine Bedeutungsschwere aufkommen zu lassen. In den langsameren Sätzen vermisst man bei dieser reduzierten Klangsinnlichkeit allerdings öfters ein tragendes Gesamtkonzept.

Für Schumann war Beethovens Vierte mit ihrer merkwürdig düsteren Einleitung und ihrem Verzicht auf Monumentalität die ‘griechisch schlanke’ unter den Symphonien Beethovens. Neben ihrer hellen Grundstimmung charakterisiert sie vor allem das klar konturierte Spiel mit musikalischen Gegensätzen. Gielen musiziert die Ecksätze äußerst jugendlich temperamentvoll und überzeugend. Im zweiten Satz beeindruckt vor allem das Klarinettensolo und die Spannung zwischen der lyrischen Grundstimmung und dem drängenden, pochenden Tutti-Motiv im Forte, das wie eine Reminiszenz der Ecksätze wirkt.

Die Fünfte ist sicherlich die populärste Symphonie der Musikgeschichte und zugleich diejenige, die am meisten mit außermusikalischen Deutungsansätzen überfrachtet wurde. Beethoven selbst gab dafür den Anstoß mit seinem Ausspruch ‘So klopft das Schicksal an die Pforte!’. Auch die zyklische Anlage der Sätze durch die satzübergreifenden thematischen Verknüpfungen und die so charakteristische Entwicklung ‘durch die Nacht zum Licht’, die im triumphalen Finalsatz mündet, haben zu allen Zeiten programmatische Deutungen angeregt. Anders als seine Kollegen spielt Gielen das ‘Schicksalsmotivs’ im ersten Satz nicht wuchtig und breit aus. Er verzichtet darauf, den musikalischen Fluss massiv zu zerstören und hinterfragt die gängige Praxis: ‘Warum kann [das Schicksal] denn nicht schnell klopfen? Es ist halt ungeduldig.’. Auf den ersten Blick wirkt seine gesamte Interpretation sehr zurückgenommen und nüchtern, da er auf Schockeffekte und extreme klangliche Gegensätze verzichtet. Bei mehrmaligem, konzentriertem Hören öffnet sie aber die Ohren für die musikalische Struktur dieses oft als überhört empfundenen Werkes und entwickelt daraus oft eine ganz eigene Spannung.

Auch mit der 6. Symphonie widersetzt sich Gielen den traditionellen Hörerwartungen, indem er nicht darauf abzielt, idyllische Assoziationen zu wecken. Nie gerät er in die Nähe von Tonmalerei oder gar Programmmusik. Durch die schnellen Sätze trägt wieder ein wacher, angeregter Duktus, während die langsamen Teile etwas bedeutungslos vorbeirauschen. Insgesamt muss man sagen, dass sein sachliches Gesamtkonzept, das nur wenig klangsinnliche Gestaltung erlaubt, bei der Pastoralsymphonie am wenigsten greift.

Die Features

Deutlich merkt man der Bildqualität und der Kameraführung an, dass sie nur eine ordentliche Dokumentation liefern will und keinerlei künstlerischen Ambitionen hegt. Freilich regt das biedere Freiburger Konzerthaus, in dem die Mitschnitte gemacht wurden, auch optisch nicht sonderlich zu mehr an. Die Tonqualität ist gut. Das schlichte Booklet, bringt auf zwei Seiten Informationen zu den Werken und zum Dirigenten, doch bleiben diese recht basal und allgemein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Kritik von Stefan P. Krämer,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Beethoven, Ludwig van: Symphonies 5, 6 "Pastorale"

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:

DVD


Cover vergössern

Beethoven, Ludwig van


Cover vergössern

Dirigent(en):Gielen, Michael
Orchester/Ensemble:SWR Sinfonieorchester Baden-Baden


Cover vergössern

EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... In Gala-Form: Einen stimmungsvollen Sommerabend aus dem Wolkenturm bringt diese DVD nach Hause. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Komponisten-Feuerwerk: Das Silvesterkonzert 2017 ist nicht nur gute Werbung für die Berliner Philharmoniker, sondern auch ein schönes Zeugnis von der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Mutti und Sohn: Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von Stefan P. Krämer:

blättern

Alle Kritiken von Stefan P. Krämer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich