> > > Beethoven, Ludwig van: Symphonies 1, 2, 3 "Eroica"
Dienstag, 7. Dezember 2021

Beethoven, Ludwig van - Symphonies 1, 2, 3 "Eroica"

Kleine Geste mit grosser Wirkung


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wären nicht die erwähnten optischen Makel, könnte man die DVD uneingeschränkt empfehlen.

Trockenfrüchte - Datteln, Feigen, Rosinen, Aprikosen, Mangos, Apfelringe, Bananenscheiben. Sie alle haben eines gemeinsam: Einst waren es herrlich anzusehende Früchte an sonnenlichtdurchfluteten Gewächsen, an Palmen, Weinstöcken, Apfelbäumen. Doch sie waren nicht zum sofortigen Genuss bestimmt, nicht zum wunderbar erfrischenden Biss ins Fruchtfleisch an sommerlich sengenden Tagen. Sondern ihr Schicksal war es, aufgehoben zu werden, und dazu zunächst aller Flüssigkeit durch Trocknung beraubt zu werden. Im Prinzip hatten sie so ihren schnell genossenen Brüdern und Schwestern eines voraus: Sie wurden nahezu unbegrenzt haltbar, ja, im übertragenen Sinne könnte man sagen, unsterblich. Eines Tages allerdings würde irgendjemand eine knisternde Packung in irgendeinem Geschäft kaufen, die Plastikfolie aufreißen und der Tüte nach und nach Datteln, Feigen, Rosinen, Aprikosen, Mangos, Apfelringe oder Bananenscheiben entnehmen. Wahrscheinlich würde es draußen dann eher kalt und finster als sommerlich sengend sein. Er aber säße drinnen in der gemütlichen Stube und genösse die Früchte, jede einzelne, langsam, ohne Hast. Ihre Konsistenz: recht trocken. Ihr Geschmack: von hoher Konzentration.

Über Jahre sendete der SWR Aufzeichnungen mit seinem Rundfunkorchester im Fernsehen. Teilweise handelte es sich um Konzertmitschnitte, teilweise waren dies ‘trockene’ Aufführungen, allein für die Ausstrahlung bestimmt. Michael Gielen war regelmäßig von der Partie, und Beethovens Sinfonien wurden in en Jahren 1998 und 2000 produziert. Alles wurde, wie es sich für eine öffentliche Rundfunkanstalt gehört, archiviert, trocken gelegt. Nur wenige kunstbeflissene Zuschauer würdigten diese Art Sendungen, die sich in den Programmzeitschriften im Kleingedruckten versteckten. Wen interessiert auch, bei aller Liebe, ein Konzert am Bildschirm, bei mangelhafter Tonqualität und ohne rechte Konzertatmosphäre. Nun, die Zeit der DVD kam, und der SWR sah offenbar das neue Medium als glückliche Fügung, war es doch nun möglich, die verstaubten Sendungen in idealer Form neu zu verpacken: platzsparend, preiswert und dazu technisch ohne Abträglichkeiten. Auf eine DVD passen sage und schreibe drei Beethovensche in Ton und Bild, das macht ganze drei DVD für eine Gesamtauflage der Sinfonien.

Das Medium DVD

Nun stehen also die drei DVD im heimischen Regal, und man kann sich nach Lust und Laune die Klassiksendungen ansehen, wann immer einem danach ist. Was hat man davon? Zunächst: die Klangqualität ist die einer CD. Hier gibt es nichts auszusetzen. Das SWR-Orchester spielt absolut professionell und die Interpretation ist überzeugend. Allein vom Audioanteil lohnt sich der Kauf. Nun der visuelle Anteil: Welchen Gewinn bringt das Sehen, wenn es sich um eine Sinfonie und nicht um Musiktheater handelt? Wozu bei den Mühen der Tonerzeugung mitleiden, anstatt sich in den Ohrensessel zurückzulehnen und die Augen zu schließen? Jeder, der in Sinfoniekonzerte geht, weiß, wie spannend es ist, gerade den zu beobachten, der keinerlei Musik hervorbringt: den Dirigenten. Michael Gielen zu beobachten ist nicht uninteressant. Den Orchestermusikern beim Spiel zuzusehen, ist keine notwendige Voraussetzung für den Genuss einer Sinfonie, aber befriedigt doch die Neugier und so etwas wie den latenten Psychoanalytiker in uns. Menschen zu beobachten bei Tätigkeiten, die eine emotionale Beteiligung fordern, ist immer spannend. Jeder, der Beethovens Sinfonien kennt, kann bestätigen: Man hört sich nie satt. Wie ist das beim Sehen? Jedenfalls entdeckt man auch hier jedes Mal neue Details und erlebt auf der anderen Seite zahlreiche déja-vus.

Das Auge hört mit

Die besprochenen Aufnahmen stammen aus den Jahren 1998 (2. Sinfonie) und 2000 (1. und 3. Sinfonie). Die Unterschiede in der optischen Präsentation sind groß. Um es auf einen Nenner zu bringen: 1998 war alles schmucker. Es ist kein Augenschmaus, die Musiker bei den beiden späteren Einspielungen auf einer zerkratzten schwarzen Bühne sitzen zu sehen. Auch die Präsenz der Kameraleute ist störend. Ganz anders der Eindruck bei der zweiten Sinfonie. Hier wird auf festlich leuchtendem Parkett gespielt. Zur Atmosphäre trägt der Charakter eines Konzertmitschnitts bei. Die beiden anderen Sinfonien wurden vor befremdend leeren Rängen gegeben – und, was noch mehr befremdet, der Eindruck eines Konzertes durch Einblendungen von applaudierendem Publikum zu erreichen versucht. Kameraführung und Schnitt sind in allen Aufnahmen routiniert und angemessen. Aber auch hier besticht die Wiedergabe der zweiten Sinfonie durch besondere Dramatik. Hier werden nicht nur standardmäßig Tutti- und Solostellen durch Totale und Nahaufnahme unterschieden sowie die Melodieträger ins Visier genommen. Kameraführung und Schnitt bringen eigene Gestaltungskraft ein. Genial gelungen ist die Dramaturgie an den spannungsvollen Nahtstellen von Reprise und Coda in den Ecksätzen. An der Wirkung haben selbstredend auch Komponist und Musiker ihren Anteil.

Den Musikern auf die Finger schauen

Das Spiel des SWR-Orchesters ist professionell und unaufdringlich. Man gewinnt bisweilen den Eindruck, die Musiker seien ganz und gar nicht auf optischen Effekt ausgerichtet. Das fängt bei der unspektakulären Kleidung und Frisierung an und setzt sich beim konzentrierten Spiel ohne jede Effekthascherei fort. Vielleicht ist dies durch den Charakter eines Rundfunkorchesters bedingt. Das steht dann allerdings im Widerspruch zur vorliegenden, audiovisuellen Wiedergabe.
Allein die erste Flötistin fällt aus dem Rahmen, die jeden einzelnen Ton mit einem Engagement anbringt, dass einem Angst und Bange wird. Ganz die Ruhe in Person dagegen die jüngere zweite Flötistin. Bleiben wir bei der Beobachtung der einzelnen Musiker: In der selben Sitzreihe überzeugt durch Ernsthaftigkeit und Emotionalität der erste Oboist. Und, wenn wir die Aufnahmen vergleichen: Hatte der junge Hornist nicht 1998 noch eine Brille getragen? War er da nicht noch ganz schüchtern, und jetzt, zwei Jahre später, so souverän? Wo bleibt der Cellist mit der auffälligen schwarzen Brille und der ebensolchen Schmalzsträhne, der 1998 so kraftvoll in die Saiten gegriffen hatte? Und wo war die muskulöse Kontrabassistin 1998? Man freut sich, die Musiker wiederzuerkennen, den Klarinettisten, der sich bis auf die Kürze der Haare wenig veränderte, den Fagottisten mit wechselnden Haarschnitten, das eingespielte Duo am ersten Pult der ersten Violinen.

Gielens Pultdiät

Gielen selbst scheint ebenfalls unterschiedlich gut drauf gewesen zu sein. Ist bei der zweiten Sinfonie noch Emotion, ein Lächeln, Ansporn, kraftvolle Gestik da, so ist in den beiden übrigen Sinfonien alles auf eine seltsam lethargische Motorik reduziert. Es ist erstaunlich, wie temperamentvoll das Orchester auf Gielens sparsame Gestik reagiert. Die Musiker scheinen Gedanken lesen zu können. Höchstwahrscheinlich kommt hier eine besondere, gewachsene Chemie zwischen Orchester und Dirigent zum Tragen – und effektive Probenarbeit.

Beethoven auf den Punkt gebracht

Die Interpretation besticht vor allem durch Konsequenz und Stringenz. Ganz im Beethovenschen Geist werden Höhepunkte gezielt aufgebaut und wieder entladen. Die sehr logische und strukturierte Musiksprache des Klassikers wird folgerichtig ausgeleuchtet. Drive entwickelt das Orchester trotz und vielleicht gerade aufgrund der Zurücknahme des Dirigenten. Während im Kopfsatz der ersten Sinfonie das Orchester leider seinen eigenen Tempofluss entwickelt und dem Takt davoneilt – das beginnt schon im kurzen Motiv der Oboe, bei dem die Punktierung nicht ausgehalten wird – ist die treibende Motorik im ersten Satz der zweiten Sinfonie ungeheuer packend. Da flackern Läufe auf und verflüchtigen sich, pulsieren funkensprühende Tremoli, explodieren hochpräzise Sforzati auf Nebenzeiten. Das entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Wären nicht die erwähnten optischen Makel, könnte man die DVD uneingeschränkt empfehlen. Die etwas sparsam wirkende Gestik Gielens erzielt höchste Wirkung bei den Spielern – ähnlich wie bei den eingangs erwähnten Trockenfrüchten. Nicht nur an kalten Winterabenden sollte man die knisternde Plastikverpackung öffnen und sich einen der 12 darin abgepackten Sätze in aller Ruhe gönnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Kritik von ,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Beethoven, Ludwig van: Symphonies 1, 2, 3 "Eroica"

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:

DVD


Cover vergössern

Beethoven, Ludwig van


Cover vergössern

Dirigent(en):Gielen, Michael
Orchester/Ensemble:SWR Sinfonieorchester Baden-Baden


Cover vergössern

EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... In Gala-Form: Einen stimmungsvollen Sommerabend aus dem Wolkenturm bringt diese DVD nach Hause. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Komponisten-Feuerwerk: Das Silvesterkonzert 2017 ist nicht nur gute Werbung für die Berliner Philharmoniker, sondern auch ein schönes Zeugnis von der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Mutti und Sohn: Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von :

blättern

Alle Kritiken von ...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Bach mit Herz und Seele: Claire Huangci empfiehlt sich mit ihrem neuen Album für weitere Bach-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich