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Sonntag, 15. Dezember 2019

Sweelinck, Jan Pieterszoon - Organ & Keyboard Music

Aus dem Vollen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal schöpft Siegbert Rampe aus dem Vollen, wenn er Kompositionen für Tasteninstrumente von Jan Pieterszoon Sweelinck präsentiert: Er spielt auf zwei historischen Orgeln, einem Cembalo, einem Virginal und zwei verschiedenen Clavichorden. Durch den Einsatz dieses reichen Instrumentariums verhindert er ein Manko manch anderer ‚Claviermusik‘-Recitals: Den Eindruck von Monochromie, der leicht zu Langeweile führt. Die CD ist dramaturgisch geschickt geplant; die Wahl des jeweiligen Instrumentes ist gut durchdacht und überzeugt durchwegs. Auch die Werkauswahl wird dem Anspruch eines repräsentativen Sweelinck-Recitals gerecht, umfasst einige der allerbekanntesten Werke (eine Echo-Fantasie, die ‚Fantasia Crommatica’, die ‚Lachrimae’-Variationen, etc.) und weniger Bekanntes, aber Beispielhaftes für bestimmte Genres (Liedvariation, Orgeltoccata, Choralbearbeitung, Pavane).

Ein internationaler Brückenbauer

Jan Pieterszoon Sweelinck ist eine der wichtigsten und einflussreichsten Gestalten in der Geschichte der Musik für Tasteninstrumente um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Durch seine Werke und besonders durch seine ungewöhnlich ausgedehnte pädagogische Tätigkeit wurde er zum Brückenbauer zwischen verschiedenen nationalen Traditionen. Er war mit wichtigen englischen Komponisten seiner Zeit persönlich befreundet, beispielsweise John Bull und Peter Philips; die hoch entwickelte englische Tastenmusik ist folglich eine seiner primären Inspirationsquellen neben der zeitgenössischen italienischen Musik. Zu Sweelincks Schülerkreis gehörten führende Vertreter der norddeutschen Organistenschule, allen voran Samuel Scheidt und Heinrich Scheidemann.
Die Kompositionen Sweelincks verlangen dem Interpreten ein hohes Maß an Virtuosität ab. Hier folgen sie dem Modell seiner englischen Vorbilder, doch bei Sweelinck kommt ein zweites Element stärker zum Tragen, nämlich die reiche Kontrapunktik. Darin ‚outet’ er sich als der Tradition seines Landes verpflichteter Niederländer. Zugegeben: Sweelinck ist im Plattenkatalog recht gut vertreten, sogar Gesamteinspielungen gibt es; wer Sweelinck lieber mittels einer einzigen CD kennen lernen will, der sollte die vorliegende Produktion wählen.

Siegbert Rampe in seinem Element

Siegbert Rampe ist ohne Zweifel einer der führenden und versiertesten Interpreten von barocker Musik für Tasteninstrumente. Bei Sweelinck ist er zu Hause, das ist seine Musik. Er trifft den Tonfall, bleibt technisch nichts schuldig und liefert ebenso ausgereifte wie bis ins letzte Detail ausgefeilte Interpretationen. Ich kann und will hier gar nicht auf alle Schönheiten dieser Aufnahme eingehen; Rampe und die Tontechniker haben sie jedenfalls zu einem einzigartigen Klangfest gemacht, in dem eigentlich die vielen Instrumente in den Mittelpunkt gerückt werden. Wann hat man schon Gelegenheit zum unmittelbaren Vergleich zwischen Einem Cembalo, einem Virginal und einem Clavichord? Immer wieder, so auch im brillant geschriebenen Einführungstext, zeigt sich Siegbert Rampes besonderes Faible für das ‚am zartesten besaitete’ aller Tasteninstrumente, eben das Clavichord. Man muss schon die Lautstärke ziemlich erhöhen, um dieses Instrument gut zu hören, aber das klangliche Ergebnis ist allemal faszinierend. Die Variationen über ‚Mein junges Leben hat ein End’ erhalten durch dieses Instrument etwas Fragiles, Flüchtiges, das diesem Variationensatz sehr gut ansteht.
Auf die hervorragende Qualität des Begleittextes habe ich schon hingewiesen. Instrumente und Registrierungen sind en Detail beschrieben, Fotos sind beigegeben. Wer sich für die Tastenmusik und das zugehörige Instrumentarium der Zeit um 1600 interessiert, der sollte sich diese luxuriöse Aufnahme unbedingt besorgen, lieber heute als morgen...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sweelinck, Jan Pieterszoon: Organ & Keyboard Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
01.11.2004
79:01
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623125626
MDG 341 1256-2


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Sweelinck, Jan Pieterszoon


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Interpret(en):Rampe, Siegbert


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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