> > > Schostakowitsch, Dimitri: Symphony No.7
Dienstag, 11. Dezember 2018

Schostakowitsch, Dimitri - Symphony No.7

Prophetisch


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Roman Kofman ist schon weiter. Der Chef des Bonner Beethovenorchesters gab vor kurzem in einem bekannten Klassikmagazin ein Interview, in dem er betonte, dass Musik kein Geschichtsbuch und kein Raum für ideologische Diskussionen sei. Solche Aussagen muten im Hinblick auf die meisten Interpretationen der Musik von Dmitri Schostakowitsch geradezu ketzerisch an. Vor allem die Symphonien werden häufig zutiefst biographisch empfunden, nach historischen Ereignissen durchhorcht und am Liebsten als warnende Fanale vor der kommunistischen Herrschaft gedeutet. Roman Kofman lehnt diesen Zugang ab und orientiert sich damit in die Zukunft. Denn die Erinnerung an die UDSSR, noch dazu an die Wirklichkeit der Zeit Schostakowitschs, ist längst zum Stereotyp verblasst. Traut man sich nicht neu zu denken, so droht der Musik des Komponisten das gleiche Schicksal. Zum Glück gibt es Musiker wie Kofman, die von diesem Stereotyp nichts hören wollen. Dass Kofman die UDSSR am eigenen Leib erfahren hat, macht seine Entscheidung umso bemerkenswerter.

Brillantester Steigerungsbogen der Symphoniegeschichte

Die Neuinterpretation von Schostakowitschs 7. Symphonie, der sogenannten Leningrader, im Rahmen der Gesamtaufnahme aller Symphonien mit dem Beethovenorchester (MDG) legt überzeugend Bekenntnis für Schostakowitsch den Komponisten und weniger für den Historiker ab. Das Werk wurde zu einem großen Teil während der menschenverachtenden Belagerung Leningrads durch die deutsche Armee 1941 geschrieben und trug ursprünglich programmatische Titel. Diese auf den Krieg deutenden Überschriften strich der Komponist aber wieder. Trotzdem haben viele Interpreten die ganzen deutschen Armeen hier angreifen lassen. Unter den Klängen einer dumpfen Anspielung auf ,Heut geh ich ins Maxim’ von Franz Léhar aus Hitlers Lieblingsoperette ,Die Lustige Witwe’ zieht ein von der kleinen Trommel angefeuerter, bald tobender Marsch gen Leningrad. Dann kommt die rote Armee und wirft sich ihm entgegen. Natürlich gibt es das auch bei Kofman zu erleben, doch nicht als grellste Gruselmusik aller Zeiten, sondern als den brillantest entworfenen Steigerungsbogen der Symphoniegeschichte. Kofman versagt sich Effekte wie bellende Bläser, krächzendes Holz oder schrappende Streicher, die Wirkung kommt aus dem musikalischen Nacheinander, Gegeneinander und Miteinander, ergibt sich fast wie von selbst. Dazu trägt die hervorragende Tontechnik von MDG vieles bei, die ob Stereo oder Mehrkanal der Musik starke Tiefen- und Schichtenwirkungen verleiht. Musikalisch bemerkenswert ist die sanfte Schönheit der Rahmenteile, die das Marschgeschehen einschließen. Innere Einkehr und Ruhe, die im Ausklang des 1. Satzes spürbar werden, prägen auch den 2. Satz und weite Teile des 3. Besonders schön ist der Gesang der solistischen Oboe im 2. Satz. Auch das triumphale Ende der Symphonie lässt Kofman nicht mit platter Siegesgewissheit hinausbrüllen, sondern bindet es sinnvoll in einen musikalischen Entwicklungsbogen ein. Es bedarf keiner grellen Farben, keiner roten Armee, um mit dieser Musik zu beeindrucken.

So ist Roman Kofman mit seiner Version der Leningrader nach den wenig faszinierenden Deutungen der Symphonien 5 und 9 wieder ein richtiger Wurf gelungen. Im Kosmos der zahlreichen Aufnahmen dieses Werks nimmt sich diese 7. ein wenig prophetisch aus. Vielleicht werden in 20 Jahren die meisten Dirigenten Schostakowitsch auf eine vergleichbare Weise interpretieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Symphony No.7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
01.11.2004
74:05
2004
EAN:
BestellNr.:

760623120324
MDG 337 1203-2


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Schostakowitsch, Dimitri


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Dirigent(en):Kofman, Roman
Orchester/Ensemble:Beethoven Orchester Bonn


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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