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Dienstag, 16. August 2022

Dallapiccola, Luigi - Tartiniana

Zwölf Töne fürs Publikum


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer behauptet Zwölftonmusik sei grauenhaft, unhörbar, emotionslos und eine schreckliche Erfindung menschlichen Geistes, der kann die Musik von Luigi Dallapiccola nicht kennen. Dallapiccola gehört zu den Gestalten in der Musik des 20. Jahrhunderts, die vollkommen zu Unrecht nur noch dem Namen nach bekannt sind. Die Musikwissenschaft hat den Komponisten nie fallen gelassen, doch die Orchester und Solisten haben es getan. Leider, denn die Musik des Italieners, der 1904 in Istrien geboren wurde und 1975 in Florenz starb, ist Zwölftonmusik fürs Publikum. Während Schönberg im Konzertsaal präsent ist, doch kaum gefällt, könnte Dallapiccola gefallen, doch ist er nicht präsent.
Seit er in den 40ern Schönbergs Technik der Komposition mit 12 gleichberechtigten Tönen ohne harmonisch tonales Zentrum übernahm, ging er doch ganz andere Wege als sein Wiener Kollege. Ähnlich vielleicht nur Alban Berg legte Dallapiccola die der Musik zugrunde liegenden Reihengestalten so an, dass sie die Dissonanz nicht zum alleinigen Prinzip machen, sondern auch Konsonanzen, banal gesprochen also schönere Klänge hervorbringen.

Sinnliche Erfahrung

Gianandrea Noseda, Chef des BBC Symphony Orchestra war beim Label Chandos schon für so manche Entdeckung gut. Mein Favorit ist Ottorino Respighis Ballett ,La Pentola Magica’ – was für Melodien. Jetzt bietet er uns auf höchstem Niveau die Möglichkeit, mehr Musik von Luigi Dallapiccola kennen zu lernen. Dabei handelt es sich mit Ausnahme der ,Tartiniana’ von 1951 ausnahmslos um Werke, die sich der Zwölftonmusik verpflichten oder zumindest sie als eines ihrer Hauptprinzipien anerkennen. Und Respighi ist gar nicht soweit, denn in den ,Symphonischen Fragmenten aus dem Ballett Marsia’ klingt manchmal ein Tonfall durch, der bei Dallapiccolas italienischem Landsmann ebenso hätte auftauchen können. Dass sich dieser so unverkrampft präsentieren darf, liegt mit an der Unbefangenheit und der Selbstverständlichkeit mit der Noseda sich Dallapiccola nähert. Nie hat man den Eindruck, da wolle einer den Hörer belehren, wie komplex und schwierig Musik sein kann. Allzeit ist klar, dass es um die sinnliche Erfahrung geht; die Ohren, der Magen, vielleicht die Nase, sie sind gefragt, der Intellekt kann sich anstrengen, aber auch gerne ausruhen. Von einer starken, die Schönheit jeder Musik beschwörenden Stimmung sind vor allem die Notturni, die Nachtmusiken getragen. Zwar findet sich nur eine als ,Piccola musica notturna’ bezeichnete Komposition auf der Platte, doch Dallapiccola hat in jedes Werk atmosphärisch faszinierende Momente der Nacht eingewoben. Ein musikalisches Flirren und Flimmern verzaubert den Hörer. Ungemein intensiv und zart entfaltet sich die Spannung dieser Momente durch das Spiel der hervorragenden Musiker des BBC Symphony Orchestra wie auch durch die ausgezeichnete, tief in den Raum weisende Akustik. Selbst die wenigen Ausbrüche der ,Piccola Musica Notturna’ können das Misterioso nicht stören.
Zauberhaft ist auch der Beginn der ,Variazioni per Orchestra’ von 1953-54. Das Stück ist eine Orchesteradaption eines Klavierwerks, das Dallapiccola seiner achtjährigen Tochter gewidmet hat. Kurze Stücke sind das und hier kommt einer der Hauptvorzüge der Zwölftonmusik zur Geltung, die farbige, enorm abwechslungsreiche Instrumentation. Da ist das Orchester- dem Klavierwerk weit überlegen.

Einfach hören

Musikalisch von hohem Reiz ist auch Dallapiccolas ,Tartiniana’, besonders wenn sie so frisch und doch edel vorgetragen wird, wie in dieser Aufnahme. Kein barsches Rumreiten auf dem geliehenen Material des Barockkomponisten Tartini wird hier vollzogen, sondern ein Nachdenken über dessen Musik. Immer wieder scheint dem Geiger James Ehnes ein Zitat aus dessen Werken einzufallen, das er selbstverständlich und spontan einbringt. Die sachte Begleitung durch das Orchester lässt diese Musik gut gelaunt doch keinesfalls burschikos wirken.
In jedem Werk finden sich also Anreize genug, sich mit der Musik Dallapiccolas zu beschäftigen. Ach was, beschäftigen, einfach hören sollte man sie, einfach hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dallapiccola, Luigi: Tartiniana

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
22.11.2004
Medium:
EAN:

CD
0095115125823


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Dallapicola, Luigi


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Dirigent(en):Torchinsky, Yuli
Orchester/Ensemble:BBC Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Ehnes, James
Noseda, Gianandrea


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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