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Sonntag, 5. Dezember 2021

Beethoven, Ludwig van - Symphonien

Beethoven offengelegt


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das schwedische Label BIS plant, in den nächsten Jahren einen Zyklus der Sinfonien von Beethoven zu produzieren. Nun stellt sich die Frage, ob eine solche Gesamteinspielung wirklich lohnenswert und nötig ist in Anbetracht der Überfülle an Aufnahmen dieser Werke, die im Schallplattenhandel erhältlich sind. Man fragte schon bei Sir Simon Rattles Beethoven-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern nach dem Sinn dieser Produktionen, den einige Kritiker – für mich nachvollziehbar –auch nicht unbedingt zu erkennen vermochten. Denn auf historischem Instrumentarium sind uns mit den Einspielungen unter John Eliot Gardiner und Roger Norrington (die alten Aufnahmen mit den London Classical Players) Referenzaufnahmen zugänglich, auf modernen Instrumenten ist die preiswerte Edition mit David Zinman und dem Tonhalle Orchester Zürich immer noch in den vordersten Rängen zu verzeichnen. Wieso also schon wieder Beethovens Sinfonien? Betrachtet man die vorliegende CD aus Schweden, fällt einem sofort die Kennzeichnung als ‘Super Audio CD’ auf; ob allerdings die Aufnahmetechnik in Surround-Qualität eine neue Einspielung legitimiert?

Unglaubliche Transparenz

Hört man nun diese Platte, so wird einem recht schnell bewusst, dass es sich bei dieser Produktion eben nicht um eine unter vielen Beethoven-Interpretationen handelt, sondern um eine in mindestens einem Punkt herausragende Einspielung. Denn die Transparenz dieses Orchesters ist schier unglaublich – auch in Stereo-Qualität. Der finnische Dirigent Osmo Vänskä, seit knapp zwei Jahren Chefdirigent des Minnesota Orchestra, hat hier Großartiges geleistet. Die Balance zwischen den einzelnen Instrumenten und die Durchsichtigkeit des Satzes sind einfach exzellent. Die Musiker setzen die von Vänskä geforderte Transparenz in erstaunlicher Weise um, möglicherweise helfen Vänskä hier seine Erfahrungen als Klarinettist in verschiedenen Orchestern.
Seine Interpretation der Vierten Sinfonie in B-Dur op. 60 setzt sich vor allem von anderen Deutungen in der optimalen Durchhörbarkeit des Satzes ab. Vänskä wählt hier eher gezügelte Tempi, vermeidet einen Parforce-Ritt durch die Partitur, wie er andernorts vollzogen wird. Allerdings fällt das im Höreindruck kaum auf, denn man nimmt einfach viel mehr wahr als in anderen Einspielungen. Somit erscheint auch das – im Vergleich etwa zu Zinman – etwas reduzierte Tempo im Kopfsatz durchaus schlüssig, denn um die kompakte Satzstruktur in all ihrer Vielfalt optimal realisieren und wahrnehmen zu können, ist eine kleine Reduzierung des Tempos notwendig (ein Gedankengang, der besonders für Celibidache eine große Rolle spielte, bei dem das Tempo jedoch oft allzu sehr zurückgenommen wurde). So hört man hier einen so in sich gerundeten Holzbläserapparat wie man ihn wohl noch nie (zumindest auf Tonträgern) wahrnehmen konnte. Hier stehen die zweiten Oboen, Klarinetten und Fagotte in vorbildlichem Verhältnis zu den ersten, alles scheint kompakt und in sich geschlossen. Unterstrichen wird dies durch die filigrane Phrasierung der Holzbläser; diese vollbringen hier eine glanzvolle Leistung. Auch in Bezug auf dynamische Nuancen ist diese Einspielung vielen anderen überlegen.
Der Notentext wird von Osmo Vänskä und dem fabelhaften Minnesota Orchestra nicht nur detailgenau befolgt, sondern vor allem in subtilster Nuancierung zum Klingen gebracht. Allerdings werden Sforzandi und Fortepiani nicht so vehement und zupackend musiziert wie das von Kollegen praktiziert wird, die auf historische Instrumente zurückgreifen. Auch fehlt es stellenweise ein wenig an Biss, um die Schärfen des Tonsatzes plastisch hervortreten zu lassen. Hört man jedoch an manchen Stellen Stimmen, die einem vorher nie aufgefallen waren, so wird dies gleich wieder ausgeglichen. Osmo Vänskä schafft es zudem, einen ungeheueren Sog zu entwickeln, so beispielsweise im Kopfsatz der Fünften Sinfonie in c-Moll op. 67. Nicht nur, dass das omnipräsente Motto hier wirklich ständig hörbar bleibt, der Finne vermag, diesem Satz eine Dramatik zu verleihen, die nicht auf Pathos oder vordergründigen Effekt zielt, sondern auf eine Deutung, die Einzelelemente stets in den größeren Zusammenhang einbettet, jedem Partikel seinen Platz im großen Ganzen gibt. Es entsteht so eine leidenschaftliche Interpretation, zuweilen kraftvoll und vor allem mit herrlich phrasierten Melodiebögen. Man hat den Eindruck, als könnte es gar nicht anders musiziert werden.

Runder Orchesterklang

Das Minnesota Orchestra macht mit dieser Einspielung deutlich, wie viel noch von der alten Mär der ‘Big Five’, der fünf großen Orchester in den USA, zu halten ist: Heute muss man wahrscheinlich eher von – grob geschätzt – ‘Big Nine’ sprechen. Die Musiker aus Minnesota gehören auf alle Fälle dazu. Denn sie verfügen nicht nur über ein sehr hohes Maß an Spielkultur, auch die Phrasierung und vor allem die Balance und Transparenz des Klangs sind mehr als vorbildlich. Hier stimmt einfach das Verhältnis der Instrumentengruppen zueinander und der Einzelstimmen untereinander perfekt. Einen so homogenen und kompakten Klang wie ihn Vänskä hier hervorzuzaubern versteht, findet man nur selten. Das große Kunststück ist hierbei vor allem, einerseits die Einzelstimmen hörbar zu machen und gleichzeitig zu garantieren, dass sich das Klangbild nicht aus einzelnen Elementen zusammen setzt, sondern sich zu einem geschlossen Klang fügt. Dass dies Osmo Vänskä gelingt, verdient höchste Anerkennung.

Surround-Klang – braucht man das?

Es stellt sich natürlich die Frage, ob diese Einspielung in Mehrkanaltechnik besser klingt als in Stereo-Qualität. Das bleibt wohl – wie so vieles – Geschmackssache. Meiner Meinung nach lässt sich diese CD mit einer herkömmlichen Stereoanlage genauso gut genießen. Denn die wahren Vorzüge, die ungeheuere Durchsichtigkeit und die nuancenreiche Realisierung der Dynamik, kommen auch hier bestens zur Geltung.
Wenn Vänskä auch interpretatorisch keine ausgesprochen individuellen Wege geht, so doch zumindest hinsichtlich der klanglichen Realisierung. Bei dieser CD werden Stimmen deutlich, die sonst oft etwa hinter zu starken Blechbläsern untergingen. Allein schon deshalb lohnt sich der Kauf dieser CD. Einen so vielschichtigen Klang wird man wohl bis zur Veröffentlichung der nächsten Beethoven-Sinfonien bei BIS nur schwerlich vernehmen – außer im Konzert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Symphonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
BIS Records
1
15.12.2004
67:03
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
7318599914169
bis501416


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Beethoven, Ludwig van
 - Symphonie Nr. 4 B-dur op. 60 -
 - Symphonie Nr. 5 c-moll op. 67 -


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Dirigent(en):Vänskä, Osmo
Orchester/Ensemble:Minnesota Orchestra


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"Das Minnesota Orchester blickt auf eine stolze Tradition zurück; zu seinen Dirigenten zählten Eugene Ormandy, Dimitri Mitropoulos und Antal Dorati. Seit 2003 ist Osmo Vänskä der 10. Chefdirigent dieses Orchesters. Und sofort begann er, mit diesem Klangkörper die erste Mehrkanal-Aufnahme aller Beethoven-Symphonien einzuspielen. Beide Werke wurden auf der Europa-Tournee von Orchester und Dirigent im Frühjahr 2004 gespielt; die Interpretationen wurden von der Kritik überall in Europa sehr gelobt."


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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