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Dienstag, 25. Juni 2019

Debussy, Claude - Préludes pour piano

Feuerwerk im November


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Debussys facettenreiche poetische Gedankenwelt spiegelt sich abgesehen von der eigentlichen Musik auch in der eigenartigen Betitelung seiner ,Préludes' wider: Was stellt sich ein Komponist vor, der seinen Stücken Titel gibt wie ,Was der Westwind sah' (,Ce qu'a vu le vent d'ouest' - ja, was war es wohl, was der Westwind gesehen hat?) oder ,Die versunkene Kathedrale' (,La cathédrale engloutie' - worin und weshalb zum Himmel versinkt denn eine Kathedrale?). Bei anderen Préludes steht eher Sensorisches im Mittelpunkt, etwa wenn es um mediterrane (Abend-) Stimmung geht (,Les sons et les parfums tournent dans l'air du soir', ,La terasse des audiences du clair de lune', ,La puerta del Vino' oder auch ,La sérenade interrompue', eine eigenartige Serenade, die sich immerzu selbst unterbricht). Es gibt eher Düsteres (,Feuilles mortes' - welke Blätter), aber auch Skurriles (etwa das berühmte ,General Lavine - excentric' oder ,Hommage à S. Pickwick Esq. P. P. M. P. C.'). Dass Debussy die Titel nicht über den Noten gedruckt sehen wollte, sondern dahinter (damit die Menschen erst die Musik kennen lernen sollten und dann den Titel erfahren), war wohl nicht wirklich ernst gemeint - zumindest taugt dieses Konzept schon bei der zweiten Aufführung nicht mehr. Es ist eher dazu geeignet, den ,poetischen Überbau', die poetische Stimmung des Gesamtwerkes zu verstärken oder zumindest zum Nachdenken darüber anzuregen.

Die poetische Bandbreite, die Debussy hier einem Pianisten anbietet, ist exorbitant, selbst dann, wenn man bedenkt, dass sich hier alle Stücke unter dem Begriff des Impressionismus zusammenfassen lassen. Der Pianist Evgeny Koroliov hat hier in einer Doppel-CD gleich beide Bände eingespielt, dazu noch ein weiteres Prélude (,Les soirs illuminés par l'ardeur du charbon' - ,Der Himmel, erleuchtet von der Glut der Kohlen', ein sehr kurzes Stück, das 2001 bei einer Versteigerung aus Privatbesitz aufgetaucht ist und das Debussy 1917 in Kriegszeiten auf Anregung eines Kohlenhändlers geschrieben haben soll), das hier als Ersteinspielung angekündigt wird.

Auf der Suche nach inneren Werten

Koroliov, der bisher Musik ganz verschiedener Epochen eingespielt hat, jedoch vor allem mit Kompositionen J. S. Bachs für Aufmerksamkeit gesorgt hat, scheint in den Préludes eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede hervorheben zu wollen. Das Exaltierte, Extreme und Polarisierende ist seine Sache nicht, er ist gewissenhaft, sehr ernst in seiner Herangehensweise und scheint fast eine Art Misstrauen zu hegen gegen alles, was glänzt und glitzert - kein Mann für Scheinwelten also, sondern eher für die tiefen, düsteren Seiten des Universums. Und so wundert es auch nicht, dass gerade die Stücke bei Koroliov am überzeugendsten ausfallen, die eher zu den ernsthafteren gehören, in denen Brillanz und Extrovertiertheit eher außen vor bleiben - wie etwa ,Feuilles mortes' und ,La cathédrale engloutie'. Nun enthalten diese Bände allerdings auch Stücke, die ohne eine Freude an der Virtuosität und an der Brillanz, am Glanz und Glitzer einen Teil ihrer Überzeugungskraft und Poesie einbüßen, ja bei denen eine funkelnde Virtuosität unabdingbarer Teil des ganzen Konzeptes ist - wie beispielsweise ,Feux d'artifice', das ,Feuerwerk', bei dem Debussy durchaus recht programmatisch nachgezeichnet hat, wie am Nachthimmel Funken sprühen und immer wieder neue Feuerwerksraketen in dem Himmel steigen. Fehlt die Brillanz und Farbe, wirkt das Stück recht freudlos. Koroliov scheint ,innere Werte' auch da zu suchen, wo man sich ohne schlechtes Gewissen an schönen Dingen erfreuen kann. Gleichzeitig zeigt er an den etwas introvertierteren Stücken, dass seine poetische Farbpalette durchaus beachtlich ist - es ist wohl eher eine Frage des Wollens und nicht so sehr des Könnens, also eine Frage der persönlichen Prioritäten.

Ähnliches gilt für den Aspekt des Verspielten, der bei zahlreichen dieser Stücke immer wieder auftaucht - nicht nur das Schalkhafte bei ,General Lavine - excentric' (bei dem sich Debussy anscheinend von einem sich wie eine Marionette bewegenden Clown hat anregen lassen), sondern auch in einzelnen, teilweise wie eingeschoben wirkenden Momenten. Wenn sich eine Serenade immer wieder selbst unterbricht, ist das durchaus eine etwas kuriose Angelegenheit. Eine andere Art von Verspieltheit zeigt Debussy beispielsweise in ,La puerta del Vino', wo er - wie auch in einigen anderen Kompositionen - an die Tradition des spanischen Gitarre-Spielens anknüpft. Dieses ,Pseudo-Improvisierende', an das Debussy hier anspielt und das er stellenweise für Klavier sozusagen transkribiert hat, suggeriert auch agogische und anderer gestalterische Freiheiten, die sich Koroliov allerdings nicht zunutze macht. Debussy scheint hier stellenweise ein wenig zu karikieren, es gibt eine freundlich-ironische Distanz, mit der Debussy an bestimmte Dinge anspielt, was von Koroliov allerdings nicht aufgegriffen wird. Koroliov ist ein sehr ernsthafter Pianist, mit einem großen Hang zum Mysteriösen, ohne sich dabei völlig im Nebulösen zu verlieren. Darin liegt seine eigentliche Stärke, wie man es auch auf dieser CD hören kann. Der mediterranen Art der Lebensfreude (die durchaus auch die Freude an Oberflächlichkeiten mit einschließt) scheint er letztlich mit einer nicht zu überspielenden Skepsis gegenüberzustehen.
Der Klang ist für Tacet-Verhältnisse etwas dumpfer als gewohnt, das Beiheft bietet Informationen zu Stücken und Pianist in drei Sprachen (e, d, f).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Debussy, Claude: Préludes pour piano

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
2
01.10.2004
Medium:
EAN:

CD
4009850013105


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Debussy, Claude


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Interpret(en):Koroliov, Evgeni


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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