> > > Henze, Hans Werner: L'Upupa
Montag, 26. August 2019

Henze, Hans Werner - L'Upupa

Henzes Märchenoper


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‚L’Upupa’ – schon der Titel ist Musik. Dazu gibt es eine kleine Anekdote. Hans Werner Henze erzählt dazu, dass er von einem Wiedehopfpärchen, das regelmäßig durch seinen Olivenhain flattert, zu dieser Oper inspiriert worden sei. Henze lebt in Italien, ‚upupa’ ist das italienische Wort für ‚Wiedehopf’.

Kunst der Natur und Welt der Kunst

Mit Flügelschlägen beginnt denn auch Henzes Alterswerk, dessen Partitur immer wieder voller Naturlaute, voll filigraner Imitationen, feiner Lichtschattierungen und mediterranem Flair ist. Er knüpft kompositorisch an die Musiksprache der Vorgängeroper ‚Venus und Adonis’ (1997), die bereits Passagen südländischer Lebenslust enthielt und die Naturschilderungen der 10. Symphonie (2000) an. Diese Werke sind nicht nur in einem entstehungsgeschichtlich engen Zusammenhang, sondern auch inhaltlichem zu sehen.
Der Komponist Henze ist altersweise geworden, er kennt sein Metier, hat sich in nahezu allen Gattungen und Genres bewiesen, hat den Avantgardisten und den politisch engagierten Künstler gegeben, hat Skandale und Triumphe erlebt. All das interessiert in nicht mehr in der Kunst. Man hört es den letzten Werken an, es geht ums Wesentliche. Um Abbilder der Welt – sei es tonmalerisch, metaphysisch oder intellektuell-verspielt. ‚L’Upupa’, im August 2003 mit großem Erfolg bei Publikum und Presse als Auftragswerk der Salzburger Festspiele uraufgeführt, ist Zeugnis dieser Erfahrungen, ist Referenz an die Oper schlechthin, an Kunst als sinnlich-ästhetisches Erlebnis und – last but not least – an das Publikum. Es ist keine brachial-orientierungslose Oper der Gegenwart, die sich in intellektuellen Kopfgeburten verliert, keine akustische Überforderung der Ohren, kein (pseudo-)psychologisches Ungetüm. Nein, ‚L’Upupa’ ist eine auf leichten Schwingen daherkommende Oper, die sich zum Geschichtenerzählen bekennt, zu traditionellen Formen, zur Melodie gar und zu den Möglichkeiten des Zaubers der Musik.

‚L’Upupa’ ist so etwas wie Henzes ‚Zauberflöte’, ein – erklärtermaßen – letztes großes Werk für die Bühne, das sich an Bewährtem orientiert und trotzdem noch einmal den Brückenschlag in die offene Zukunft der Gattung Oper wagt. Henze, der hier sein eigener Textdichter war, erzählt ein orientalisches Märchen, eine Bewährungsprobe, eine Geschichte über Gut und Böse, über Falsch und Richtig, über Toleranz und die Stellung des Menschen im Kosmos. Man kann, wenn man den will, Mozart in diesem Opus immer wieder begegnen, die ‚Zauberflöte’ wird zitiert, die ‚Entführung’ schwingt mit; man kann aber auch andere Bezüge zur Geschichte der abendländischen Oper entdecken, Henze hat zahlreiche Anspielungen und Verweise eingebaut. ‚L’Upupa’ ist ein Bekenntnis zur Geschichte und den Möglichkeiten der großen Tradition der Oper.
Und dennoch, ‚L’Upupa’ ist ein echter Henze. Die Souveränität mit der er dem Orchesterapparat die vielfältigsten Tonfarben zu entlocken weiß, wie er Soloinstrumenten die genau richtige Ausgewogenheit zuschreibt, wie er Melodie, Rhythmus und Ausdruck ausbalanciert ist meisterhaft, atemberaubend. Nur Aribert Reimann ist von den deutschen Komponisten gegenwärtig auf ähnlichem Niveau. Man vergleiche Henzes Oper mit den letzten Bühnenwerken der Trojans, Ruzickas oder Pintschers, um zu sehen, zu hören, mit wie wenig man wie viel erreichen kann, wie unnötig der Orchesterballast ist, wie klar und hell man zum Ziel gelangen kann – und wie wunderbar man für die menschliche Stimme schreiben kann. Denn auch darin verblüfft Henze in ‚L’Upupa’ wieder: sangbare, oft eingängige Gesangspartien, den Interpreten auf den Leib geschrieben, ihre spezifischen Fähigkeiten ausnutzend, große Expressivität erreichend.

Eine Modellproduktion

Womit wir bei der Aufführung selbst wären. Die bei EuroArts erschienene DVD hält die Uraufführungsproduktion fest; ist ein Zusammenschnitt aus mehreren Salzburger Aufführungen. In brillantem Bild und Ton geht dabei nichts verloren, Brian Larges Fernsehregie tut ein übriges, um ein optimales Ergebnis zu garantieren. Wenn es an dieser DVD-Veröffentlichung etwas zu bemängeln gibt, dann nur die spärlichen Feature-Möglichkeiten, die zwar die üblichen Standards bieten, aber keinerlei Hintergrundinformationen zu Werk, Produktion und Interpreten. Gerade bei einer Uraufführung sollte dies Pflicht sein.
Die Produktion selbst stammt von Dieter Dorn, der zusammen mit Jürgen Roses Ausstattung, ein phantasievolles, sinnliches Spiel, voller Tempo und in Erinnerung bleibender Bilder geschaffen hat. Eine Modellinszenierung, an der sich alle Folgeproduktionen werden messen lassen müssen. Dorn konzentriert sich ganz aufs Geschichteerzählen, illustriert dabei Henzes Musik kongenial und schafft es auch noch wirklich spielende Sängerdarsteller zu führen. Zusammen mit Markus Stenz, einem mittlerweile erfahrenen Henze-Dirigenten erster Güte, am Pult der bestechend musizierenden Wiener Philharmoniker, gelingt es, Atmosphäre zu erzeugen, Episoden zu einem Gesamten zusammenzufügen und der farbig-schillernden Partitur zu entsprechen. Humor und Spiel, Märchen und philosophische Tiefe, Kantilene und Sprechgesang, Tanz und Naturimitationen, Märchen und Lehre, alle diese Elemente verschmelzen musikalisch wie szenisch zu einem untrennbaren Ganzen.

Mit Matthias Goerne steht ein junger, schon erfolgreicher Bariton im Zentrum des Geschehens, der mit Sensibilität und Intelligenz seinen Part meistert. Ihm zur Seite ein großartiges Ensemble: mit Laura Aikins glühenden Sopranschattierungen, John Mark Ainsleys lyrisch-warmen Tenor, dessen Leichtigkeit Staunen macht, den kräftigen Bässen von Alfred Muff und Günter Missenhardt, der furiosen Hanna Schwarz, sowie Anton Scharinger und Axel Köhler.
Ein Triumph der zeitgenössischen Oper, vielleicht gar ein Meisterwerk.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Henze, Hans Werner: L'Upupa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
08.11.2004
Medium:
EAN:

DVD
0880242539298


Cover vergössern

Henze, Hans Werner


Cover vergössern

Dirigent(en):Stenz, Markus
Orchester/Ensemble:Wiener Philharmoniker
Interpret(en):Scharinger, Anton
Köhler, Axel
Goerne, Matthias
Missenhardt, Günther
Schwarz, Hanna
Muff, Alfred
Ainsley, John Mark
Aikin, Laura


Cover vergössern

EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... Komponisten-Feuerwerk: Das Silvesterkonzert 2017 ist nicht nur gute Werbung für die Berliner Philharmoniker, sondern auch ein schönes Zeugnis von der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Mutti und Sohn: Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Skalpell und Silberstift: Niveau und Klasse – bei Bělohlávek gewinnen solche Floskeln Sinn. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von Uwe Schneider:

  • Zur Kritik... Beverly Sills' amerikanische Norma: Nach über 30 Jahren ist die Studio-'Norma' von Beverly Sills erstmals auf CD erhältlich. Eine Wiederbegegnung mit jener Zeit, die das Ende des Belcanto-Gesangs einläutete. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Sinfonische Märchenoper: Das Märchen vom Fischer und seiner Frau als spätromantische Oper mit starken sinfonischen Akzenten. Musikalisch überzeugend dargeboten in einem Mitschnitt aus dem Theater Aachen. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Kleine Oper um eine große Primadonna: Entdeckungswürdige, charmante Konversationoper um eine Primadonna des 18. Jahrhunderts, von Gabriel Pierné in kunstvolle, subtile Klangfarben gesetzt. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
blättern

Alle Kritiken von Uwe Schneider...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Er-Hörung vor dem Beethoven-Jahr: Wolfgang Mitterer gießt Alltagsgeräusche in Kunst. Dann schneiden Holzarbeiter streng nach einer Partitur und Hackbrettspieler klettern mitten in eine Sägemaschine. In 'Nine In One' bringt er auf seine unorthodoxe Weise Beethoven zum Klingen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Intime Virtuosität: Felix Blumenfelds Klaviermusik in vorbildlicher Wiedergabe auf einem frühen Steinway-Flügel. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nordischer Impressionismus: Oramo kann Lemminkäinen: Sibelius-Fans dürfen aufhorchen. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich