> > > Bach, Johann Sebastian: Magnificat
Montag, 15. Oktober 2018

Bach, Johann Sebastian - Magnificat

Am Originalschauplatz


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Magnificat von Johann Sebastian Bach, eine tragende Säule des barocken Repertoires, existiert bekanntlich in zwei Versionen: Die bekanntere Fassung steht in D-Dur, die alternative Version in Es-Dur. Zweitere umfasst außer den bekannten zwölf Sätzen vier interpolierte weihnachtliche Stücke, die das Magnificat gewissermaßen liturgisch als Komposition zum weihnachtlichen Vespergottesdienst ‚verorten‘.

Ein attraktiver Programm-Mix

Die weniger bekannte weihnachtliche Fassung erklingt in der vorliegenden Aufnahme. Auch in dem Magnificat in C-Dur von Bachs unmittelbarem Amtsvorgänger im Thomaskantorat, Johann Kuhnau, gibt es diese interpolierten Sätze, interessanterweise über exakt die gleichen Texte. Es ist daher sinnfällig, die beiden Magnificat-Vertonungen zu kombinieren, zumal das Werk Kuhnaus durchaus neben Bachs viel bekannterem Magnificat bestehen kann. Ton Koopman hat bei dem in dieser DVD dokumentierten Konzert beim Bachfest Leipzig in der Thomaskirche nicht nur Bachs und Kuhnaus Magnificat zu Gehör gebracht, sondern auch die Kantate ‚Meine Seele erhebt den Herren‘ BWV 10. Dieser Komposition liegt die deutsche Übersetzung des ‚Magnificat‘ zugrunde; Bach-Kennern und speziell den Organisten wird besonders das Duett ‚Er denket der Barmherzigkeit‘ bestens bekannt vorkommen: Bach hat dieses Stück als einen seiner so genannten ‚Schübler-Choräle‘ auf die Orgel übertragen. Das Programm bietet also eine höchst willkommene Kombination aus einem sehr populären Werk in einer weniger bekannten Fassung, einer selten zu hörenden Bach-Kantate und einer stimmig eingefügten, lohnenswerten Neuentdeckung.

Vom Ungang mit aufführungspraktischen Hürden

Das Bach-Magnificat stellt bekanntlich extreme Anforderungen an die Ausführenden; in der Es-Dur-Version gilt dies noch mehr, denn hier liegt alles noch einen Halbton höher und die Trompeter müssen auf den schwer zu intonierenden hohen Clarini in Es spielen. Namentlich der Eingangschor ist für Chöre ein wirkliches Kriterium – beim schnellen Tempo die Balance der einzelnen Stimmlagen zu erreichen und gleichzeitig die verschnörkelten Melodielinien zu singen, ist ein höchst anspruchsvolles Unterfangen. Es gibt zum Beispiel Stellen, in denen der Alt die führende Stimme sein sollte, was aber ohne ein Richtmikrophon und eine Manipulation durch die Klangtechnik praktisch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das Magnificat gehört daher zu den Werken, die am stärksten für eine solistische oder sehr klein besetzte Ausführung der Bach’schen Chorsätze sprechen. Ton Koopman ist mehrfach, auch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften als Gegner dieser vor allem von Joshua Rifkin propagierten Aufführungspraxis aufgetreten.
Ich will hier diese schon recht lauwarme Suppe nicht wieder aufwärmen und von dem erzielten Resultat ausgehen. Und das ist bei Koopman trotz etwas größerer Chorbesetzung durchaus überzeugend: Sein ‚Amsterdam Baroque Choir‘ ist ein höchst homogener, flexibler Klangkörper, der bestens Bach-erprobt ist. Er meistert die Hürden mit Bravour und Virtuosität. Gleichermaßen auf höchstem Niveau agiert das Amsterdam Baroque Orchestra. Koopman ist ein Dirigent, der die Musiker mit seinem Temperament ansteckt und besonders einen spezifischen rhythmischen Drive zu erzeugen versteht: Ein federnder ‚Barock-Swing‘, der aber niemals inadäquat scheint, denn die Tempowahl ist stimmig und nicht überzogen. Ein Paradebeispiel für den federnden Koopman-Rhythmus ist das ‚Et exsultavit‘ im Bach-Magnificat. Das erlesene Solistenquartett kommt einer Idealbesetzung nahe: Deborah York mit klarem, sicher geführtem Sopran, die Altistin Bogna Bartosz mit ihrer angenehm timbrierten, flexiblen Alt-Stimme, der angemessen zurückhaltende Tenor Jörg Durmüller und Klaus Mertens als Bach-Sänger par excellence.

Bildregie: Mit Blick auf das Wesentliche

Die Bildregie hat Ton Koopmans faszinierenden Dirigierstil, seine Begeisterung ausstrahlende Musizierweise mehrfach sehr gut eingefangen und konzentriert sich auch sonst auf das Wesentliche: Die Musiker. Gratulation an die Klangtechnik: Ob das Publikum in der akustisch nicht unproblematischen Leipziger Thomaskirche auch so viel und so transparent gehört hat, bleibe dahingestellt.
Das Booklet ist eher dürftig ausgestattet, der Einführungstext zu knapp. Trotzdem: Eine DVD voll mit erstklassiger Musik in einer Mixtur aus Bekanntem und weniger Bekanntem, hochklassig und mit ansteckendem Schwung dargeboten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
08.11.2004
EAN:

0880242534194


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Bach, Johann Sebastian
Kuhnau, Johann


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Dirigent(en):Koopman, Ton
Orchester/Ensemble:Amsterdam Baroque Orchestra
Interpret(en):York, Deborah
Bartosz, Bogna
Dürmüller, Jörg
Mertens, Klaus


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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