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Samstag, 10. Dezember 2022

Rossini, Gioacchino - Il Turco in Italia

Rossini von seiner besten Seite


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Um es gleich vorneweg zu sagen: ein überaus spielfreudiges Ensemble mit guten bis hervorragenden Sängern, ein aufgewecktes Orchester, eine einfallsreiche, herrlich überdrehte Regie (Cesare Lievi), ein gleichermaßen ökonomisches wie originelles Bühnenbild (Tullio Pericoli) und eine Opera buffa, die es wert wäre, öfters auf dem Spielplan zu stehen.

Die Entstehung

Rossini komponierte ‘Il Turco in Italia’ im Jahr 1814, zwei Jahre vor seinem großen internationalen Durchbruch mit dem ‘Barbiere di Seviglia’. Im Vorjahr hatte er sich mit ‘Tangredi’ und ‘L’Italiana in Algeri’ sehr erfolgreich an den wichtigsten Opernhäusern Italiens etabliert und befand sich auf einem ersten Höhepunkt seiner Karriere. ‘Il Turco’ war für Rossini ein Flop. Das Publikum nahm ihm übel, dass er nach der gefeierten ‘L’Italiana’ gleich eine zweite Türkenoper hinterher schrieb, wenngleich die Libretti völlig verschieden waren. Auch gab es den unhaltbaren Vorwurf, die Oper sei ein ‚Pasticcio’, also die bloße pragmatische Verwertung von Material aus früheren, weniger erfolgreichen Werken. Das Gegenteil war der Fall: ‘Il Turco’ war eine völlige Neukomposition ohne Übernahmen einzelner Teile aus früheren Opern, was für Rossini eher untypisch war. Vielleicht lässt sich der Misserfolg dieser aus heutiger Sicht bemerkenswert modernen Opera buffa auch daraus erklären, dass es in ihr nicht sonderlich um Liebe geht, auch wenn es zunächst so aussieht, sondern hauptsächlich um Macht und Eitelkeiten. Zumindest gibt es kein starkes Liebespaar und keinen wirklichen Sieg der Liebe. Ganz Rossini-typisch wird dies alles aber mit großer Leichtigkeit und Heiterkeit erzählt, ganz besonders in der vorliegenden Inszenierung.

Die Handlung

Die Handlung ist denkbar simpel: Selim, ein türkischer Fürst, kommt als Tourist nach Italien. Gleich am Strand begegnet er der schönen Italienerin Fiorilla, die er dann auch sofort umwirbt und die erstaunlich schnell seinem Charme erliegt. Was er nicht weiß, ist, dass die selbstbewusste Fiorilla die Männerverführung geradezu als Sport betreibt. Die Schwierigkeiten mit Fiorillas gutmütigem Ehegatten, der dem Treiben seiner Frau endlich einmal Einhalt gebieten will und der die beiden belauert, sind vorprogrammiert. Perfekt wird das Dilemma, als sich die Zigeunerin Zaida als verstoßene Braut des Selims offenbart und sich mit der Konkurrentin anlegt.
Doch dies ist nur der Kern der Geschichte. Die Oper ist zugleich eine Komödie über das Schreiben einer Komödie und sie ist ‘Theater im Theater’. Gleich zu Beginn erscheint der Dichter – in der vorliegenden Inszenierung sogar mit drei stummen Doubles - auf der Suche nach einem Stoff für eine Opera buffa. Er beobachtet die auftretenden Figuren, notiert sich ihre Geschichten und spinnt diese weiter, indem er immer wieder manipulierend eingreift und das Geschehen operndramaturgisch geschickt zu lenken versucht. So entsteht ein Verwirrspiel der Handlungsebenen. Spätestens, wenn die Opernfiguren am Ende des erstens Aktes den Dichter verprügeln, weil sie ihn für das Durcheinander verantwortlich machen, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion endgültig.

Das Bühnenbild

Virtuos spielt die Regie nicht nur bei der Personenführung sondern auch beim witzig stilisierten, sehr klar gehaltenen Bühnenbild mit dem Rahmen des ‘Theaters im Theater’. Zentrum des Geschehens ist eine hölzerne, spitz zulaufende Bretterbühne. Alle Bühnenumbauten sind gelungen in die Szene integriert und die Dichter im weißen Frack fungieren sinnfällig als Kulissenschieber. Nur wenige Requisiten und eine differenzierte Lichtregie ergänzen wirkungsvoll die Szene.

Die Sänger

Cecilia Bartoli als Fiorilla beeindruckt mit großartiger übermütiger Spielfreudigkeit. Mit viel Einsatz und Ausstrahlung flirtet sie, spielt die ganze Bandbreite ihrer Verführungskünste aus, gerät in Rage über die unerwartete Nebenbuhlerin Zaida und beißt (!) diese am Ende des ersten Aktes sogar in den Hintern. Stimmlich gelingt es ihr, die vielfältigen Ausdrucksnuancen äußerst farbenreich und klangschön umzusetzen. Ihre virtuosen Koloraturen wirken nie als Selbstzweck, sondern sind perfekt in den Ausdruck eingebunden. Wirkliche Brüche oder Selbstzweifel kennt ihre Fiorilla allerdings nicht, was sie sehr stark macht, aber auf Dauer auch recht unmenschlich erscheinen lässt. Selbst in ihrer Reuearie am Schluss bewegen sie mehr die Schande durch die angedrohte Scheidung und der Statusverlust, als die Liebe ihres Gatten. So wird deutlich, dass es ihr bei allem Spiel mit Liebe und Erotik letztlich nur um Macht geht.

Ruggero Raimondi als Selim überzeugt nicht ganz in gleichem Maße. Er singt seine Partie souverän, doch ist sein Stimmtimbre etwas matt. Schauspielerisch ganz in seinem Element ist Raimondi, wenn er den Charmeur alter Schule mimt oder bisweilen eine herrschaftliche Grandezza durchschimmern lässt. Dagegen merkt man deutlich, dass die komisch-naive Überzeichnung, die ihm der Regisseur oft abverlangt, um zu zeigen, wie auch er der Fiorilla verfallen ist, nicht hundertprozentig von Herzen kommt. Vermutlich sollen seine übertrieben lächerlichen Kostüme dies kaschieren.
Als grandioser Darsteller erweist sich Paolo Rumetz in der Rolle des Don Gironio. Ihm gelingt es, aus dem weichherzigen, trotteligen Ehegatten eine anrührende tragisch-komische Figur zu machen, bei der jede Geste emotional motiviert ist und die Komik dadurch entsteht, dass er einfach nicht anders kann. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch Reinaldo Macias, der den Don Narciso, den Ex-Liebhaber Fiorillas, als herrlich selbstverliebten und in seiner Eitelkeit gekränkten Beau spielt.
Oliver Widmer übernimmt den singenden Hauptpart im Dichterquartett. Sein Poeta ist ein agiler, kühler, immer grinsender Macher, der nur den Fortgang der Oper und die nächste Pointe im Sinn hat. Mitleid mit seinen Figuren kennt er nicht und das vermeindliche Happy-End kreiert er nur, weil es die Komödien-Dramaturgie so verlangt. Seine Figur bleibt eindimensional, nachdenkliche Blicke wirken chargiert, doch unterstreicht dies alles nur seine kühle Distanz zum Geschehen. Dazu passt es auch, dass er häufig in den Sprechgesang verfällt.

Die Regie folgt konsequent den Spielregeln der Commedia dell’arte, auf die das Libretto zurückgeht, indem sie auf eine psychologische Entwicklung der Figuren verzichtet. Am Schluss der Oper ist wieder alles beim Alten und Fiorilla flirtet in den Armen ihres Gatten erneut mit Don Narciso.
Das auffallend junge Orchester des Züricher Opernhauses unter Leitung von Franz Welser-Möst begeistert mit temperamentvollem Schwung, feinsinnigem Witz, differenzierter Gestaltung und gut ausbalanciertem, glasklarem Klang. Auch sie präsentieren Rossini eindeutig von seiner besten Seite.

Die sechsseitige DVD-Hülle im Papp-Schuber ist außergewöhnlich schön gestaltet und mit vielen Szenenfotos versehen, das Booklet recht informativ. DVD-Untertitel finden sich in fünf Sprachen, (dt./engl./franz./jap./span.), jedoch nicht in Italienisch. Die Kameraführung ist hervorragend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Stefan P. Krämer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioacchino: Il Turco in Italia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
13.12.2004
140:00
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
0807280036992
100 369


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Rossini, Gioacchino


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Dirigent(en):Welser-Möst, Franz
Orchester/Ensemble:Orchester des Opernhauses Zürich
Interpret(en):Bartoli, Cecilia
Stollwitzer, Gerald
Enz, Bruno
Tsarev, Valery
Raimondi, Ruggero
Macias, Reinaldo
Rumetz, Paolo
Widmer, Oliver
Schmid, Judith


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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