> > > Antheil, George: Symphony No. 3 "American"
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Antheil, George - Symphony No. 3 "American"

Im Sandkasten des ‚Bad Boy of Music’


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kunst muss schockieren. Dieser Maxime folgend, ließ der junge George Antheil nichts unversucht, um seinem Image als ‚Bad Boy of Music’ gerecht zu werden, wobei nicht andere ihm den Ehrentitel des ‚Bad Boy’ gaben, sondern er selbst sich so in seiner Autobiographie bezeichnete. In dem großen Sandkasten der Symphonie des 20. Jahrhunderts, der in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg aufgeschüttet wurde, sicherte sich George lautstark einen Platz unter den Sandburgenbauern der neuen Musik. Und es waren wahrlich keine Luftschlösser, was Antheil da kreierte. Wo immer er seine Musik aussäte, erntete er Skandale. Fäuste und Ellbögen auf die Klaviertastatur zu hauen war eben neu, ebenso das Rattern eines Flugzeugmotors in einem Ballett. Schließlich warf Antheil mit der ‚Jazz Symphony’ 1925 einen Meilenstein in den Sandkasten und sicherte sich einen Platz in der Geschichte der Symphonik des 20. Jahrhunderts. Das große Geld war damit nicht zu verdienen, wohl aber mit Filmmusik für Hollywood. Musikalisch gesehen wurde aus dem ‚Bad Boy’ ein nahezu ‚Charming Boy’, der fortan die Zähne der Moderne nicht mehr so skandalträchtig bleckte und stilistisch zu einem - Achtung: Wortwitz! – amerikanischen ‚Schostawinsky’ wurde, mag dies noch so pauschal formuliert sein und auch nur ab und an zutreffen. Hierzulande ist George Antheils Musik selten in Konzertprogrammen zu finden. Selten gehörte Musik, das ruft natürlich cpo auf den Plan – und Hugh Wolff mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt. Sie haben bereits Antheils erste, vierte, fünfte und sechste Symphonie für cpo eingespielt und die Aufnahmen wurden von der Kritik einhellig begrüßt. Nun legen Hugh Wolff und das RSO Frankfurt nach mit der dritten Symphonie sowie kürzeren Konzertstücken.

Ideale Kombination

Die Programmauswahl dieser Veröffentlichung ist ideal, präsentiert sie doch George Antheils ‚Americana’ der Jahre 1936 bis 1953 ganz paradigmatisch. Man kann darüber spekulieren, was Antheil mit dem ‚Amerika der Zukunft, kühn, furchtlos, neu’ meinte, als er seine von ihm als ‚amerikanisch’ bezeichnete dritte Symphonie charakterisierte. Vielleicht ist es der frische Wind nach den Zeiten der wirtschaftlichen Krisen Ende der 20er bis hinein in die 30er Jahre? Die parallele Arbeit an Filmmusiken und an der amerikanischen Symphonie in den Jahren 1936 bis 1939 jedenfalls hat deutliche Spuren hinterlassen: die Musik atmet eine Urwüchsigkeit und Spontaneität, die sich von dem Ostküstenintellekt eines Aaron Copland deutlich unterscheidet, der wiederum eine andere Facette einer amerikanischen Musik schuf. Antheils dritte Symphonie ist auch weniger bzw. gar nicht den tradierten Formkonzepten verpflichtet, wenngleich im ersten Satz deutliche Durchführungspartien zu erkennen sind, sondern reiht in sich abgeschlossene Partien, gleichsam symphonische Dichtungen. Ein symphonisches Reisetagebuch, denn Antheil schrieb große Teile der Symphonie während einer ausgedehnten Reise durch Amerika.

Ein bunter Bilderbogen also, musikalisch und handwerklich hinreißend skizziert. Und vom RSO Frankfurt hinreißend ‚undeutsch’ durch den Äther gejagt. Hugh Wolff frönt hier geradezu dem Fanatismus einer detailverliebten Lesart der Partitur. Recht so, weil dadurch die spritzig und subtil orchestrierten Bestandteile der Sätze sich zu einem Ganzen zusammenfügen und die Bildhaftigkeit der Satzcharaktere dennoch individuell heraustritt. Losgelöst von teutonischen Dogmen lässt das RSO Frankfurt keine Gelegenheit aus, spielfreudige Unbefangenheit zu demonstrieren. Da schwelgen die Streicher in Melodienseligkeit, die Schlagwerkgruppe operiert so unbändig rhythmisch und doch so sorgsam punktgenau, da verschmilzt das Holz zu binnengespannter Homogenität und die Blechbläser reizen dynamische Breiten so konturiert artikuliert aus, dass Langeweile zur unpassendsten Beschreibung dieser Einspielung wird. Denn nach dieser Symphonie zünden das RSO und Hugh Wolff noch einige kleine feine Tischfeuerwerke mit Antheils ‚Tom Sawyer Ouverture’ (ein Auftragswerk des St. Louisd Symphony Orchestra zum 70jährigen Bestehen), dem ‚Hot-Time Dance’ (aus einer ‚American Dance Suite’ stammend und als einziger Satz daraus erhalten), der ‚McKonkey’s Ferry Ouverture’ (der das Ölgemälde von Leutze zugrunde liegt, auf dem Washingtons Überquerung des Delaware zu sehen ist) und der Suite zum Ballett ‚Capital of the World’, das auf einer Erzählung Hemingways basiert, in der ein junger Provinzler in Madrid die ernüchternde Realität des Stierkampfes erleben muss. Schmissige Rhythmen, erinnernswürdige Melodien – der bunte Bilderbogen wird von Hugh Wolff mit geradezu pointilistischer nachgezeichnet, transparent und doch flächig klangprächtig vom RSO Frankfurt umgesetzt.

Die Aufnahmen aus dem Sendesaal des HR lassen klangtechnisch keine Wünsche offen. Hier stimmen Balance und Raumklang. Eckhardt van den Hoogens Begleittext, voller Ironie und Wortwitz, bereichert die wachsende Booklet-Literatur im besonderen Maße. Eine diskographisch wichtige Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Antheil, George: Symphony No. 3 "American"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.09.2004
Medium:
EAN:

CD
0761203704026


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Antheil, George


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Dirigent(en):Wolff, Hugh
Orchester/Ensemble:Frankfurt RSO


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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