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Mittwoch, 23. Oktober 2019

Nachtwanderer - Lieder von Brahms, Hensel, Wolf & Strauss

Spätromantik zur Nacht


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ob Musik enttäuscht oder einen Hochgenuss darstellt, hängt zuweilen von der Höreinstellung ab. Das trifft auch für diese Einspielung zu. Misst man sie mit den Kriterien der Klassik-Megastars, kann man sich den Kauf sparen. Man würde nicht zu seinem Recht kommen... nehmen wir einmal diese Haltung ein...

Orthografische Anmerkungen

Widmen wir uns dem Booklett. Das Cover ist zunächst einmal attraktiv gestaltet, nicht nur aufgrund der Fotos der Sängerin, sondern auch durch das luftige Design. Auch der Titel ‘Nachtwanderer’ macht neugierig. Je länger man das Heftchen aber in Händen hält, desto mehr fällt einem das Imperfekte, das nicht ganz so Glatte auf. Das Papier hat an der Falz Knicke, ist von der Qualität in die Sparte anspruchsvoller Heimanwender einzuordnen. Bei den Texten setzt sich der Eindruck fort. Hier hat Ann-Katrin Naidu persönlich die Einführung in Künstler und Werk in die Hand genommen. Der Stil ist – offen gesprochen – grob gehobelt, und bei der Endredaktion war man auch nicht ganz erfolgreich: ‘Ann-Katrin Naidu ist mit ihrem umfang reichen.Konzertrepertoire [sic] regelmäßig in den USA und vielen Ländern [!] zu hören.’ Man hat sich Gedanken gemacht – so bei der Wahl der Überschrift ‘Biografische Anmerkungen’ für die Vorstellung der Interpreten. Das wirkt aber aufgesetzt. Schwingt da nicht falsche Bescheidenheit der jungen Künstler mit? Wir lassen es bei ‘Anmerkungen’, in Wahrheit ließe sich über uns ein Roman schreiben?; bzw. Fotoserien anfertigen. Besonders gern präsentiert sich Frau Naidu selbst, einmal auf der Sitzgruppe des Konzerthauses, einmal in Nahaufnahme. – Die Liedtexte wurden immerhin zweisprachig abgedruckt. Dann aber fragt man sich, wieso ein Liedtext fehlt. Wer hat hier geschlafen?

Hallende Schritte

Hat das Kritikerauge sein Feld gejätet, ist das Kritikerohr an der Reihe. Und man rät richtig, wenn man vermutet, dass auch ihm kein Unkraut entgeht... Wo fangen wir an? Gleich beim ersten Eindruck. ‘Über die Heide’ galoppiert der Flügel recht schwerfällig. Das Instrument hinterlässt keinen guten Eindruck. Der in Klaviertechnik nicht bewanderte Kritiker würde sich die Hämmer als schon recht durchgeschlagen vorstellen. Das Spiel von Robert Kulek scheint sich dem anzugleichen. Vielleicht kann man dem schlaffen Instrument auch einfach nicht mehr Spannung entlocken. Für Kammermusik ist meinem Empfinden nach auch die Resonanz zu gigantisch.
Um gleich beim Instrument zu bleiben: Welch seltsam Geräusch vernehmen wir ‘Am Sonntag Morgen’ gleich zu Beginn? Es scheint etwas mit der Pedalmechanik zu tun zu haben. Zitieren wir doch den Dichter des ersten Liedes, Theodor Storm: ‘Über die Heide hallet mein Schritt; Dumpf aus der Erde wandert es mit.’ Ach, apropos ‘wandern’, wessen Schritte sind denn das beim letzten Brahmslied am Schluss irgendwo hinten in der Rudolf-Oetker-Halle zu Bielefeld? Ist es der Tontechniker, der sich hier verewigen wollte? Fazit: Bei der Hardware gibt es noch Nachholbedarf.

Schwerkraft

Die Schwerfälligkeit des Flügels ist auch dem Gesang von Frau Naidu eigen. Die ‘Alte Liebe’ klingt gar nicht so leicht und spielerisch, wie es das ‘neue Glück’, die ‘Jasmindüfte’ und die Arpeggien der Klavierbegleitung dieses Brahms-Liedes assoziieren ließen. Hier ist es eher der ‘Taube’ und nicht des Sperlings Flug, der durch den Gesang geschildert wird. Auch in der Vokalfärbung tendiert Naidu stark zum Dunkel-Trüben, die Heide wird zur ‘Hoide’, der Himmel ist ein ‘Hümmel’, statt leise ist Strauss’ ‘Nacht’ ‘laüse’. Die alles beherrschende Schwerkraft zieht auch die Intonation in Mitleidenschaft. So in Heines ‘kühler Nacht’, wo sich die ‘junge Nachtigall’ vor ‘lauter Liebe’ im Ton vergreift.

Wirken lassen

Nun haben wir all unseren Spott und Hohn über die beiden jungen ‘Nachtwanderer’ ausgegossen. Aber: Wer dermaßen im Auge des Nächsten wühlt, wisse um die Krähenschwärme, die er auf sich selbst zieht! Darum wechseln wir nun unsere Hörerwartung radikal und lassen uns einmal ganz auf die Eigenheiten dieser Einspielung ein. Lassen uns mit in den Abgrund ziehen von der Gravitation. Und auf einmal ist alles wie ausgewechselt, Schwarz erscheint weiß, aus dem Negativ wird ein Positiv.

Rauschmittel

Wir hören vor allem eine betörende Mezzostimme, an deren Struktur und Charakter wir uns nicht satthören mögen. Es ist gerade das Schwerfällige, Schwergewichtige, Schwer-Mütige, das uns berauscht. (Seltsam, dass eine schlanke Frau eine derartige ‘Rubens-Stimme’ beherbergt.) Wir suchen nach treffenden Bildern, von körperreichem roten Wein, schwerflüssigem, dunklem Waldhonig. Wir möchten im See dieser Stimme ersaufen, uns unter ihrer Massigkeit begraben lassen. Und wir wundern uns, wenn manche Unsauberkeit auf uns wirkt wie eine Verstärkung des Tiefenrausches. Wenn das ‘laüse’ an uns hinabperlt wie ein edler Tropfen. ‘Dunkel klingen meine Lieder’ – je öfter man die Einspielung hört, desto mehr Gefallen findet man an ihr, freundet sich mit ihren Schwächen an und kommt zu dem Eindruck, dass hier Text, Komposition, Klavierspiel und Gesang ein eigenes, durchaus stimmiges Gesamtbild abgeben, das Bild von der Melancholie, der getrübten Leidenschaft. Auch der zunächst befremdliche Selbstdarstellungstrieb der Sängerin passt in die Selbstbezogenheit der romantischen Gedichte. – Man erlege sich übrigens ein Nachthörgebot auf, um diese CD adäquat zu genießen.

Geheimfavorit

Nachsatz: War es Zufall, dass gerade der Text von Fanny Hensels ‘Der Eichwald brauset’ im Druck vergessen wurde? Hier zeigen sich die Interpreten von einer ganz anderen Seite, einer stürmischen, aufbrausend-rasanten. Dieses Lied ist mein persönlicher Favorit. Nur55 Sekunden lang wütet der Sturm im Eichwald, dann ist alles wieder still. Man stimmt Ann-Katrin Naidu zu: in der Tat verdienen die Lieder der Schwester Felix Mendelssohn-Bartholdys mehr Beachtung.

Alles in allem: Wir haben vor Augen und Ohren die Vorstellung der jungen Sängerin Ann-Katrin Naidu und ihres Begleiters Robert Kulek mit einer sehr persönlichen Interpretation spätromantischer Lieder. Eine mit Liebe erstellte Produktion des jungen Labels genuin, der – bei allen offenbarten Schwächen – besondere Sympathie gehört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nachtwanderer: Lieder von Brahms, Hensel, Wolf & Strauss

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Genuin
1
01.11.2004
43:10
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
426003625507
GMP 04507


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Brahms, Johannes
 - Über die Heide op.86 Nr.4 -
 - Alte Liebe op.72 N1 -
 - Mädchenlied op.10 Nr 5 -
 - Am Sonntag Morgen op.49 Nr.1 -
 - Liebestreu op.3 Nr. 1 -
 - Meine Lieder op.106 Nr.4 -
 - Therese op.86 Nr.1 -
 - Die Mainacht op.43 Nr.2 -
 - Immer leiser wird mein Schlummer op.105 Nr.2 -
 - Der Tod, das ist die kühle Nacht op.96 Nr.1 -
Hensel, Fanny
 - Der Eichwald brauset -
 - Die Mainacht op.9 Nr.6 -
 - Nachwanderer op.7 Nr.1 -
Strauss, Richard
Wolf, Hugo
 - Die Nacht -
 - Das verlassene Mägdlein -


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Interpret(en):Naidu, Ann-Katrin
Kulek, Robert


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"So wurde Ann-Katrin Naidu in "opernnetz.de" beschrieben: Man nehme atemberaubende Schönheit, erotische Ausstrahlung, eine volle dunkle Mezzostimme und leidenschaftliches Temperament zusammen und la voilá: da steht Ann-Katrin Naidu ... Auf dieser CD hat sie ihre ganz persönlichen Favoriten zusammengestellt, melancholische, zutiefst bewegende Lieder von Brahms, Hensel, Wolf und Strauss. Und immer wieder taucht das gleiche Thema auf: die unheimliche, die erlösende, die magische, die todbringende Nacht. Dazu ein Zitat aus der "Stuttgarter Zeitung": Ihr schöner Mezzosopran mit der samtenen, bis in Alt-Regionen reichenden Tiefe und der mühelos bewältigten, runden Sopranhöhe kommt ihr sehr zustatten ... So wurden "Liebestreu op. 3" und "Immer leiser wird mein Schlummer op. 105" mit der ergreifenden Steigerung des "Komm, oh komme bald" zu aufragenden Begegnungen mit dem Leid unerfüllter Liebe. "


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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