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Montag, 6. Dezember 2021

Verdi, Giuseppe - Falstaff

Britischer Humor


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Giuseppe Verdis letzte Oper ‚Falstaff’, das von Shakespeare inspirieret Meisterwerk um die ‚lustigen Weiber von Windsor’ und den sie eitel umwerbenden, dann mit List mehrmals genarrten Trunkenbold Falstaff, erlaubt mancherlei Sichtweise. Von der turbulenten Komödie bis hin zur altersweisen Einsicht, dass alles Spaß sei auf Erden, wie es in der bekannten Schlussfuge der Oper heißt. Ein schwieriger Spagat, an dem schon viele Inszenierungen gescheitert sind. In einer konzertanten Aufführung stellt sich das Problem anders: wie transportiert man hier Ironie und Ernst, Spaß und philosophische Reflexion?

Im Mai 2004 fanden im Londoner Barbican Centre drei konzertante Aufführungen mit dem London Symphony Orchestra unter ihrem Chefdirigenten Sir Colin Davis statt, das hauseigene Lable hat den Mitschnitt nach bemerkenswert kurzer Produktionszeit, in exzellenter technischer Qualität herausgebracht. Während große Lables über Produktionskosten und Fertigungswege lamentieren und Opernproduktionen ganz eingestellt haben, zeigt das LSO zum wiederholten Male, wie einfach es sein kann erfolgreich überzeugende Produktionen zu veröffentliche – zumal wenn der Preis für den Käufer stimmt. Ein Modell das zur dringenden Nachahmung empfohlen sei!
‚Falstaff’ also im live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführungsserie. Das vermeidet die atmosphärelose Studioatmosphäre, an der so viele Opernproduktionen der letzten Jahrzehnte krankten. Im Spielen und Singen ohne Unterbrechungsmöglichkeit steigen die Konzentration, aber auch die Spontaneität und die Wirkung des Zusammenwirkens der Künstler untereinander. Nicht erst die geschliffenen und espritvollen Ensembles der vorliegenden Aufnahme belegen dies trefflich. Sir Colin macht gerade hier den enttäuschenden Eindruck seiner ältern Studioaufnahme des Werkes von 1991 vergessen; was dort, trotz größtenteils großartiger Sängerbesetzung, steril klang, lebt nun; was vor 14 Jahren eher eine akademisch-trockene Auslotung der Partitur war, dringt nun voller Turbulenz und Detailfreude in Deutungsregionen vor, die mehr sind als das bloße musizieren der Noten.

Colin Davis’ Erfahrung

Das LSO folgt Colin Davis aufmerksam, immer wieder blitzen die Solostimmen auf, es blinkt und glitzert vor Virtuosität in dieser Umsetzung; das hat Tiefe und Hintersinn, ist keine billige Buffo-Routine, sondern vitale Auslotung von Verdis vielleicht ausgeklügeltster Partitur. Davis und das Orchester entdecken ungeahnte Klangfarben in den Instrumentalmischungen, halten das Geschehen mit Raffinesse in Bewegung und zeigen mit ihrem jederzeit transparenten Orchesterklang ganz nebenbei die Meisterschaft von Verdis Orchesterbehandlung. Diese Explosion von Einfällen, das Gefühl für Timing und die immer wieder energiegeladenen Episoden machen aus dieser Aufnahme ein kurzweiliges, höchst vergnügliches Hörvergnügen, dem auch die besinnlichen Momente nicht fehlen.
Die Sänger dieser Aufführung sind klug ausgewählt. Es sind nicht die zwangsläufigen Plattenstars, die mehr ihres Namens, denn ihrer Rollenfähigkeiten wegen besetzt wurden, wie dies in den letzten Jahren immer mehr bei den großen Plattenfirmen der Fall war (und die sich dann wunderten, wenn sich kein künstlerischer Erfolg einstellen wollte). Nein, hier hat man nach Kompetenz, Stimmtyp und Charakter besetzt, hat auf die Abmischung der Stimmen untereinander geachtet, hat junge, hoffnungsvoll aufstrebende Interpreten integriert und eine überzeugende, geschlossene Ensembleleistung erreicht.

Vokales Glück

Michele Pertusi gibt einen köstlichen, vielschichtigen Titelhelden voll vokaler Brillanz. Er hat Persönlichkeit, kann den arroganten Ignoranten ebenso heraushängen lassen, wie er berührende Töne der Verletzlichkeit findet. Stimmlich ist sein volltönender, fülliger Bassbariton über jeden Zweifel erhaben. Bewundernswert, wie er die großen Linien formt und wie pointiert er die Parlandopassagen gestaltet (‚Quand’ero paggio’). Seine mächtige Stimme ist dabei nicht nur ungewöhnlich intonationssicher, sondern auch in der Lage mit Farbschattierungen und grandioser Dynamikkontrolle die unterschiedlichen Stimmungslagen zu illustrieren.
Als Ford steht ihm Carlos Alvarez mit stimmlichen und interpretatorischen Möglichkeiten kaum nach. Auch er formt mit vokalen Mitteln einen überzeugenden, herrlichen Charakter. Seine Stimmbeherrschung ist bemerkenswert, mit seinem grandiosen Monolog ‘E sogno? O realtà?’ im zweiten Akt, stiehlt er Pertusi fast die Show als Hauptprotagonist. In Timing, Ausdruck und stimmlicher Perfektion bleiben keine Wünsche offen.

Bülent Bezdüz als Fenton und Maria Josè Moreno als Nannetta geben ein charmantes, heimliches Liebespaar, mit wunderbar lyrischen Tönen und auffallend guter Gesangstechnik in ihrem zweigeteilten Duett des ersten Aktes (‚Pst, pst Nannetta’). Ana Ibarras Alice klingt mit ihrem herben Sopran mehr als kompetent, hält die Fäden des Verwirrspiels geschickt zusammen, läßt aber leider etwas stimmliche Eigencharakteristik vermissen. Jane Henschels Mrs Quickly funktioniert mit ihrer etwas flatterhaften Höhe als komischer Charakter überzeugender, denn als stimmliches Wunder. Ergänzt wird das Ensemble von hervorragenden Mitstreitern in den übrigen Rollen: Marina Domashenko (Meg Page), Peter Hoare (Bardolfo), Darren Jeffrey (Pistola) und Alasdair Elliott (Dr Cajus) wissen ihre Charaktere plastisch zu gestalten und stimmlich überzeugend in die Ensembles zu integrieren.

Am Ende dieser furiosen Neuaufnahme von Verdis ‚Falstaff’ staunt man ohnehin über die rundum gelungene Ensembleleistung, die, trotz aller bemerkenswerten Einzelleistungen, dominiert. Das ist auch das Verdienst von Colin Davis, der das Geflecht der Stimmen von Orchester und Sängern mit scheinbarer Leichtigkeit zu einer Einheit verschmelzen läßt, die der Partitur jeglichen Verdacht von aufgesetzter Künstlichkeit nimmt. Es ist die Ernsthaftigkeit, mit der dieses reiche Meisterwerk Verdis angegangen und umgesetzt wird und die – fast möchte man sagen: mit britischem Understatement – erst den Esprit und Hintersinn der versöhnlich endenden Tragikomödie offen legt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: Falstaff

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
2
01.01.2005
Medium:
EAN:

CD
0822231102823


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Verdi, Giuseppe


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Dirigent(en):Davis, Sir Colin
Orchester/Ensemble:London Symphony Orchestra
Interpret(en):Pertusi, Michele
Jeffrey, Darren
Hoare, Peter
Elliott, Alasdair
Bezdüz, Bülent
Moreno, Maria Josè
Domaschenko, Marina
Ibarra, Ana
Álvarez, Carlos
Henschel, Jane


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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