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Sonntag, 29. Mai 2022

Klangwelten - Brücken zwischen Alter und Neuer Musik

Konzeptmusik


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Programme mit geistlicher Chormusik, die von den meisten Chören bestritten werden, sind häufig wenig einheitlich: Selbstverständlich steht Schütz neben Bach, finden sich Mendelssohn und Komponisten des 20. Jahrhunderts in trauter Nachbarschaft. Das offensichtlich Unterschiedliche, oft genug eigentlich ästhetisch Gegensätzliche bleibt musikalisch unverbunden – allenfalls die nicht immer genug beachtete Textebene kann ein geschlossenes Programm entstehen lassen. Diesem Dilemma hat sich der Windsbacher Knabenchor gemeinsam mit dem Ensemble bach, blech & blues gestellt und versucht, in verschiedenen Komplexen das weit Entfernte unter einen gemeinsamen Bogen zu stellen. Gerahmt wird das Programm von zwei Sätzen aus Monteverdis Marienvesper, dem einleitenden ‚Domine ad adiuvandum me’ und dem ‚Lauda, Jerusalem’. In indirekter Fortführung erklingen im ersten Teil der Platte drei Schütz-Motetten aus den Psalmen Davids und deren zeitlichem Umfeld. Soweit ist weder stilistischer noch ästhetischer Brückenbau notwendig, allenfalls die mit der Klangerfahrung historischer Musizierpraxis gewöhnungsbedürftige Begleitung der Meister des Frühbarock mit üppig gesetztem, modernem Blech deutet in diese Richtung. Interessant ist dagegen ein eingeschobener Satz von Josquin des Préz: In dem Chanson ‚Nymphes, nappés’ zeigt der Bearbeiter Till Fabian Weser eine echte und überzeugende Verbindung zwischen der Musik der Renaissance und modernem, den Idealen und Vorbildern des Jazz verpflichtetem Blechklang. Weniger glücklich scheint das ebenfalls in Brechung frühbarocker Ästhetik platzierte ‚Cantate Domino’ des Litauers Vytautas Miškinis: Seine zwar klanglich gefällige doch bei weitem zu leichtgewichtige Komposition kann sich nicht mit Gehalt und Tiefe der sie umgebenden Stücke messen und bleibt ein Fremdkörper.

Die Stärken

Denn dass die vorliegende Platte durchaus ihrem Anspruch gerecht werden kann, zeigt sich dann im zweiten Teil: Ein eigener Abschnitt widmet sich der Auseinandersetzung mit dem Werk Johann Sebastian Bachs. Da stehen neben einer effektvoll gestalteten Komposition John Hollenbecks, die sich an Bachs Sterbechoral ‚Vor deinen Thron tret ich hiermit’ orientiert und in einer betrachtenden, meditativen Sphäre eine überaus gelungene Verschränkung vokaler und instrumentaler Klanglichkeit präsentiert eine wiederum von Weser besorgte Bearbeitung eben dieses Chorals und eine für Blechbläser bearbeitete Fassung des ‚Contrapunctus Nr. XIX’ aus der Kunst der Fuge. Diese Reihung wird um eine Komposition Steffen Schorns erweitert, die sich verfremdend mit der zahlenmystisch und symbolisch aufgeladenen Musik Bachs in Gestalt eines ihrer zentralen Motive, dem häufig reflektierten B-A-C-H auseinandersetzt.

Die Umsetzung

Wer die typische Klanglichkeit leistungsfähiger Knabenchöre schätzt, wird in dieser Aufnahme sehr gut ‚versorgt’: Die jungen Stimmen bewegen sich mit außerordentlicher Akkuratesse, pflegen eine nahezu perfekte Sprachbehandlung, entfalten einen absolut homogenen, weichen Klang. Wunderschöne Stellen im extremen Pianissimo gehören zu den Höhepunkten: Das klangliche Gegenteil – besonders im Zusammenwirken mit dem dynamisch sehr frisch agierenden Blechensemble eigentlich notwendig – fällt dagegen häufig zu schmal aus, so dass die klangliche Balance nicht immer gewahrt scheint.
Karl-Friedrich Beringer gestaltet in überzeugenden, fein gegliederten Phrasen, die eine detaillierte gestalterische Arbeit deutlich erkennbar werden lassen. In ästhetischer Abgrenzung von allzu direkter Orientierung an den Idealen jener Praxis alter Musik, die sich in den letzten Jahrzehnten etabliert hat, findet er einen in sich geschlossenen Ansatz, der von dem Klang der begleitenden modernen Blechbläser günstig unterstützt wird.
Die Antwort auf die Frage, ob der verbindende, Brücken schlagende Ansatz des Programms eingelöst wird, fällt differenziert aus: Vor allem der intensive zweite Teil, der sich auf anspruchsvolle Weise mit dem Schaffen Bachs auseinandersetzt, prägt den positiven Eindruck. Die Konfrontation der Meisterwerke des Frühbarock mit der wenig aussagekräftigen Komposition Miškinis’ beispielsweise bleibt dagegen ohne rechte Überzeugungskraft.
In jedem Fall bietet die Platte einen Blick auf die notwendige Auseinandersetzung, die immer wieder von den programmatisch arbeitenden Künstlern und Ensembles zu leisten ist – eine anspruchsvolle inhaltliche und ästhetische Konzeption zu finden, die mehr umfasst als die bloße Reihung von Musikstücken verschiedener Epochen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Klangwelten: Brücken zwischen Alter und Neuer Musik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Rondeau
1
01.11.2004
61:28
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4037408020312
ROP2031


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Bach, Johann Sebastian
 - Vor deinen Thron tret ich hiermit - Orgelchoral bearbeitet von Till Fabian Weser
 - Contrapunctus Nr. XIX - aus der Kunst der Fuge, BWV 1080 für Blechbläser instrumentiert von Till Fabian Weser
Bertali, Antonio
 - Sonata à 9 per due chori - für zwölf Blechbläser
Gabrieli, Giovanni
 - Benedictus - Motette für drei vierstimmige Chöre
Hollenbeck, John
 - Demütig bitten - für fünfstimmigen Chor, zwölf Blechbläser und Orgelpositiv
Miskinis, Vytautas
 - Cantate Domino - Motette für vier- bis sechsstimmigen Chor
Monteverdi, Claudio
 - Domine, ad adiuvandum me - Toccata aus der Marienvesper
 - Lauda, Jerusalem, Dominum - Psalm 147 aus der Marienvesper
Monteverdi, Claudio
 - Domine, ad adiuvandum me - Toccata aus der Marienvesper
 - Lauda, Jerusalem, Dominum - Psalm 147 aus der Marienvesper
Préz, Josquin des
 - Nymphes nappés - Chanson für Blechbläser und Baritonsaxophon instr. von Till F. Weser
Schorn, Steffen
 - B A C B - für Blechbläser, Chor und Baritonsaxophon
Schütz, Heinrich
 - Herr, unser Herrscher - Psalm 8 aus den
 - Jauchzet dem Herren, allen Welt - Psalm 100 in der Dresdener Urfassung 1617 für drei vierstimmige Chöre und b.c.
 - Ach Herr, straf mich nicht in deinem Zorn - Psalm 6 aus den


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Dirigent(en):Weser, Till Fabian
Beringer, Karl-Friedrich


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"Dieses Programm zieht jeden in seinen Bann! Von Alter Musik bis hin zu einer eigens für den Windsbacher Knabenchor entstandenen Uraufführung: Verschiedenste Arten von "Klangwelten" treffen in der neuen CD des Windsbacher Knabenchores aufeinander. Bereits die Konzerttournee im Juli 2004 hat eindrucksvoll bewiesen, wie kreativ die Zusammenarbeit mit dem Blechbläserensemble bach, blech & blues und dem Organisten Klaus Singer ist. Werke der Renaissance und des Barock von Meistern wie Josquin des Préz, Claudio Monteverdi oder Johann Sebastian Bach treten in einen Dialog mit der avantgardistischen Klangsprache heutiger Komponisten wie Steffen Schorn oder Vytautas Miškinis. Die CD enthält die Weltersteinspielung des Stückes "Demütig bitten" des New Yorker Komponisten John Hollenbeck. In Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk gelang in der Ansbacher Gumbertuskirche eine exzellente Aufnahme: trotz großer Kontraste zwischen alt und neu sowie laut und leise lassen die Sänger und Bläser unter der Leitung von Karl-Friedrich Beringer den Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Note der CD nie abreißen. "


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Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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