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Sonntag, 5. Dezember 2021

Lortzing, Albert - Der Waffenschmied

Lortzingmissverständnis


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Albert Lortzings Bühnenwerke sind weitestgehend vergessene Schätze der Satire des 19. Jahrhunderts von höchster musikalischer und bühnenwirksamer Qualität. Mit der Wiederveröffentlichung der erstmals 1992 auf Calig erschienenen Studioproduktion des Bayerischen Rundfunks von Lortzings komischer Oper ‚Der Waffenschmied’ wird eine Lücke im Katalog der derzeit lieferbaren Aufnahmen geschlossen. Die Einspielung folgte, wie beim BR üblich, einer – allerdings nicht sonderlich erfolgreichen – konzertanten Aufführung in selber Besetzung in München. Doch, das sei gleich vorweg genommen, dieser ‚Waffenschmied’ ist interpretatorisch nicht auf der Höhe des sonst vom BR gewohnten Niveaus.

Zwei Aspekte nehmen der gesamten Einspielung von ihrer möglichen Wirkung: da wäre zum einen das große Missverständnis Lortzings Oper bierernst zu nehmen, jegliche satirischen Zwischentöne zu eliminieren und mit einfallslosem Gleichmaß die einzelnen Nummer ohne dramatisches Sinn herunter zu musizieren. Zum anderen aber sind die Sängersolisten in weiten Teilen äußerst problematisch. An die spielfreudige und pointierte (derzeit leider nicht erhältliche) EMI Aufnahme aus den 1960ern mit Kurt Böhme, Hermann Prey, Lotte Schädle und Gerhard Unger reicht die biedere Lesart dieser Produktion zu keinem Zeitpunkt heran.

Die zwei Stunden Lortzing werden von Leopold Hager ohne Gespür für die Lebendigkeit und den Variationsreichtum der Partitur, die in ihrer Nummernhaftigkeit schnell zur bloßen Abfolge des Immergleichen werden kann, angegangen. Die oft Mozartnahe Instrumentationskunst Lortzing blitzt kaum auf, statt dessen gibt es monotone Akkordbegleitungen, ohne Kraft geführte Gegenstimmen und Solobläser, die nicht dominieren dürfen. In den Orchestertutti sind oft kaum noch die einzelnen Stimmen erkennbar; man höre als eines von vielen Beispielen hierfür das orchestrale Nachspiel zur Introduktion. So beliebig und espritlos wie er hier klingt ist Lortzing wahrlich nicht. Wie kann nur das brillante Sextett des zweiten Aktes (‘Der Mann scheint nicht bei Sinnen’) so eintönig und vorhersehbar klingen, wie dabei der Wort- und Kompositionswitz verloren gehen? Und darf der Marsch des dritten Aktes so akzentlos dahingehudelt sein? Hier hat jemand deutlich keinen Zugang zu Lortzings Musiksprache gefunden.

Der Humor der Musik kommt mehr als einmal zu kurz. Das liegt auch an den Sängern. John Tomlinson etwa als Hans Stadinger, ehemals eine Paraderolle deutscher Spielbässe, hat zwar brav deutsch gelernt und ist vokal noch auf der Höhe seiner Kunst (kaum zu glauben, wie flexibel diese Stimme einmal klang, wenn man etwa an seine verheerenden Bayreuthinterpretationen der letzten Jahre denkt), doch ihm fehlt der spielerische Umgang mit dem Text und den kurzen Notenwerten Lortzings. Seine berühmteste Nummer (‘Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar’) klingt schwerfällig und ist mit zu deutlichem Operngestus vorgetragen, die Couplet-Form mitsamt ihrer satirischen Zuspitzung bleibt dabei völlig auf der Strecke. Hier ist ein Sängerdarsteller gefordert, aber kein mit seinem Stimmmaterial protzender Bass. Das gilt für fast alle Passagen Tomlinsons, dem der für diese Rolle nötige Balanceakt zwischen Singen und Darstellung nur bedingt gelingt.

Schlichtweg eine Zumutung ist der Tenor des Norwegers Kjell Magnus Sandvé, der um 1990 eine kurze europäische Karriere hatte. Ihm mangelt es an so ziemlich allem, was ein Spieltenor benötigt: souveräne Textbehandlung, eine flexible Stimme, Phrasierungsverständnis, eine sicher Höhe und nicht zuletzt Spielwitz. Schon sein erstes Lied (‚Man wird ja einmal nur geboren’) zeigt seine in der oberen Region unangenehm eng werdende, gepresst wirkende Stimmführung. Im Lied von ‚Jungen Springinsfeld’ im zweiten Akt, wird das stellenweise regelrecht unangenehm für die Ohren. Mit Claes H. Ahnsjö oder Norberth Orth hätte man da seinerzeit in München wahrlich bessere Alternativen vor Ort gehabt.

Boje Skovhus, damals am Anfang seiner internationalen Karriere stehend, ist da als Graf von Liebenau schon souveräner. Wenngleich auch er stilistisch nicht immer sicher wirkt und manche Höhe nicht natürlich, sondern eher technisch ersungen klingt. Vom Kavaliersbariton der späteren Jahre, der ihn zu recht zu einem führenden Sänger seines Faches machte, ist er jedoch noch merklich entfernt. Lediglich Ruth Ziesak, wie Skovhus ebenfalls in einer ihrer frühen Aufnahmen, kommt - im Rahmen von Leopold Hagers einfallslosem Dirigat - annähernd an das Ideal eines Spielsoprans heran. Ihre Phrasierung ist vorbildlich, ihr Parlando pointiert und die Spitzentöne ihres hell-timbrierten Soprans sind effektsicher plaziert. Ihre Arie zu Beginn des dritten Akts (‘Wir armen, armen Mädchen’) ist der vokale Höhepunkt der Aufnahme. Allein, es fehlt ihr etwas an Persönlichkeit und Ausstrahlung, um die gesamte Aufnahme dominieren zu können. Unauffällig bleibt Ursula Kunzs Irmentraud, die aber immerhin ihre Ariette (‘Welt Du kannst mir nicht abhanden kommen’) tadellos singt.

Geradezu peinlich hingegen sind die geradebrechteten Dialoge: hier lesen (teils fremdsprachliche) Sänger vor dem Mikrophon brav einen Text ab ohne dessen Sinn zu verstehen. Aber wie sollten sie das auch bei den wieder einmal vorgenommenen werkentstellenden Kürzungen? Solche Dinge sind es, die unangebrachte Vorurteile über die angebliche biedermeierliche Belanglosigkeit der Lortzingschen Bühnenwerke fälschlicherweise untermauern. Wem die Schuld hierfür zukommt – Leopold Hager oder gar einem (ungenannten) Produktionsdramaturgen – ist nicht festzustellen.

Die Ausstattung der 2-CD-Box ist eher spartanisch, mit einem kleinen Einführungstext von Jürgen Schläder (dessen merkwürdige Thesen teils sehr diskutabel wären) und einem Trackverzeichnis. Inhaltsangabe und Libretto fehlen ebenso wie Informationen zu den Ausführenden oder der Aufnahme selbst. Der Klang ist derjenige einer typischen Opern-Rundfunkproduktion der Zeit: technisch einwandfrei, aber atmosphärelos und mit Hang zur Sterilität (vor allem in den Dialogen). – Wer ernsthaftes Interesse an Lortzing hat, sollte auf die Wiederveröffentlichung der alten EMI-Aufnahme hoffen, um nicht durch eine schlechte Interpretation die Lust an diesem kleinen Meisterwerk zu verlieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lortzing, Albert: Der Waffenschmied

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
01.12.2004
120:29
1996
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
881488408126
PH04081


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Lortzing, Albert
 - Der Waffenschmied - The Armorer of Worms Komische Oper in drei Akten


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Dirigent(en):Hager, Leopold
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester
Interpret(en):Ziesak, Ruth
Skovhus, Boje
Tomlinson, John
Kunz, Ursula
Hausberg, Martin
Schulist, Andreas
Hillebrand, Rudolf
Sandvé, Kjell Magnus


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"Der Waffenschmied von Albert Lortzing, eine Opernrarität. Hier in einer Einspielung mit John Tomlinson, Ruth Ziesak, Boje Skovhus, Kjell Magnus Sandvé und Ursula Kunz. Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Leopold Hager"


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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