> > > Janácek, Leos: Moravian folk poetry in songs
Dienstag, 21. Mai 2019

Janácek, Leos - Moravian folk poetry in songs

Ermüdende Volkslieder


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neben dem Namen Leoš Janáček machte mich vor allem der Name Iva Bittová neugierig auf diese CD. Die tschechische Sängerin, Geigerin und Komponistin, leider wohl eher ein Geheimtipp in der zeitgenössischen Musikszene, brachte bereits einige fulminante Soloalben heraus (absolut hörenswert: ‘Ne Nehledej’ bei BMG), auf denen sie mit einer schwer zu beschreibenden Synthese aus slawischer, jiddisch beeinflusster Folklore und experimenteller Musik voller wilder, mitreißender Rhythmen beeindruckt. Dabei entlockt sie ihrer Stimme geradezu unglaubliche, zwischen Zwitschern und Zirpen, Lachen und Schluchzen, exaltierter Stimmakrobatik und zartem, melodischem Gesang wechselnde Klänge, während sie gleichzeitig eine außerordentliche Virtuosität auf ihrer Geige (manchmal auch Bratsche) beweist.

Ein solches Vorwissen weckt natürlich hohe Erwartungen an die vorliegende Aufnahme. Leoš Janáček (1854 – 1928) komponierte die ‘Mährische Volkspoesie in Liedern’, einen Zyklus von 53 kurzen Volksliedbearbeitungen, für eine Singstimme und Klavier. Hier singt ihn Iva Bittová, begleitet vom tschechischen Škampa-Quartett in einer Transkription für Gesang und Streichquartett, zu der die Interpreten noch einige Veränderungen und Klangeffekte hinzugefügt haben. So singen oder pfeifen beispielsweise in manchen Liedern auch die Mitglieder des Streichquartetts, oder es folgt auf die Gesangsstrophen noch ein instrumentales Nachspiel, das bei Janáček nicht vorgesehen ist. Die Frage, welche Bearbeitungen von wem stammen, lässt sich im Wesentlichen nur erraten und aus den sparsamen Kommentaren des Booklets herausinterpretieren, das trotz seiner extremen Dicke, die es fast unmöglich macht, es in die Hülle zu zwängen, nur wenig hilfreichen und informativen Text bietet. Immerhin sind die Texte aller 53 Lieder in drei Sprachen – tschechisch, englisch, französisch – abgedruckt.

Kein Wiedererkennen

Nach einigem Hören der CD stellt man ernüchtert fest: auf den besonderen Janáček-Charakter, den man in seinen Opern und Orchesterwerken ebenso wie in seiner Kammermusik oder seinen Klavierwerken sofort unverkennbar heraushört, wartet man vergeblich. Und dies scheint nicht nur an der Komposition selbst zu liegen, auch wenn Janáček offenbar darauf bedacht war, die Volkslieder möglichst authentisch und unverfälscht zu vertonen und sie nicht zu sehr mit seinem eigenen Stil zu färben.
Ein ganz anderes Hörerlebnis stellt sich nämlich ein, wenn man zum Vergleich die Solo-Rezital-CD ‘Love Songs’ der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kožena (erschienen bei der Deutschen Grammophon) hört. Dort wählte sie unter anderem sieben Lieder aus Janáčeks ‘Mährischer Volkspoesie’ aus, die sie gemäß der Komposition mit Klavierbegleitung singt. Allein durch die Klangfarbe des Klaviers erinnern hier die Lieder viel stärker an Janáček als in der Version mit Streichquartett, und der Ton wird zeitweise ähnlich düster-melancholisch wie etwa in seinen Klavierzyklen ‘Auf verwachsenen Pfaden’ oder ‘Im Nebel’. Hinzu kommt die zarte und sensible Spielweise des Pianisten Graham Johnson, die in starkem Kontrast zu der häufig etwas ruppigen Interpretation des Škampa-Quartetts steht.
Hört man die Lieder direkt nacheinander in beiden Fassungen, ist es kaum zu glauben, wie unterschiedlich sie klingen, gerade weil der originale Notentext – abgesehen von den erwähnten Bearbeitungen – unverändert bleibt. Obwohl die Harmonien Ton für Ton identisch sind, offenbaren sich zwei völlig unterschiedliche Charaktere, und gleichzeitig wird deutlich, wie viel schöner und dem Werk angemessener die Version von Magdalena Kožena und ihrem Klavierpartner ist.

Gleichförmig und unverändert

Am meisten jedoch enttäuscht der Gesang Iva Bittovás. Ihre sonst so ungeheuer flexible, scheinbar zu allem fähige Stimme beschränkt sich hier auf einen hohen, kehlig-gepressten Tonfall, der sich während des ganzen Liedzyklus’ nicht verändert, obwohl er bereits nach spätestens 20 Liedern ermüdet. Möglicherweise ist dies die traditionelle folkloristische Singweise, orientiert an eben dem urtümlichen Volkston, dem die Lieder entstammen und von dem sie geprägt sind. Dennoch wird diese Interpretation dem Werk meiner Ansicht nach nicht gerecht, denn indem Janáček, wenn auch sehr behutsam, die Volksmusik in Kunstmusik verwandelte, legitimierte er gleichzeitig auch eine künstlerische, sich von den Ursprüngen distanzierende Interpretation. Und die könnte man sich kaum überzeugender realisiert vorstellen als von dem herrlich weichen, klaren und beweglichen Mezzosopran der Kožena. Wünscht man sich bei ihr, sie hätte noch viel mehr als nur diese sieben Lieder der ‘Mährischen Volkspoesie’ eingespielt, so tendiert man bei der Bittová-Škampa-Interpretation leider eher zum baldigen Ausschalten der CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Verena Scharstein,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janácek, Leos: Moravian folk poetry in songs

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
18.10.2004
EAN:

0099925379421


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Janácek, Leos


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Interpret(en):Bittowá, Iva
Fischer, Pavel
Lukásová, Jana
Sedmidubský, Radim
Polák, Lukás
Kosa, Martin
Kaplan, Martin
Fiala, Josef


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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