> > > Barbirolli, Sir John: in rehearsal & performance
Freitag, 25. September 2020

Barbirolli, Sir John - in rehearsal & performance

Glorious John in Aktion


Label/Verlag: VAI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Was kann es Schöneres für einen Vollblutdirigenten geben, als während der Arbeit den Taktstock gegen die Engelsharfe einzutauschen. Als im Juli 1970 Sir John Barbirolli bei einer Probe mit dem New Philharmonia Orchestra starb, verlor die Welt einen der umsichtigsten und flexibelsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. An der Royal Academy of Music in London zum Cellisten ausgebildet, war er Mitglied des Queen’s Hall Orchestra und des Kutcher-Quartetts, bevor er ein eigenes Streichorchester gründete und selbst zu dirigieren begann. Seinem Debüt in den Vereinigten Staaten 1936 folgte im Jahr darauf die Position des Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker, als Nachfolger von Arturo Toscanini. 1943 kehrte er nach England zurück und übernahm die Leitung des Hallé Orchestra in Manchester und begründete damit eine Ära, in der dieses Orchester zu einem der besten in England avancierte. Sir John Barbirolli war zugleich ein Uraufführungsdirigent englischer Werke: Brittens ‚Sinfonia da Requiem’ sowie Vaughan Williams’ siebte und achte Symphonie, deren Widmungsträger Barbirolli ist, hatten unter seiner Leitung Premiere. Vaughan Williams war es denn auch, der von Barbirolli sagte, er sei jemand, ‚der die trockenen Knochen der Viertel- und Achtelnoten nehmen und ihnen den Lebensatem einhauchen kann.’ Das belegen die vielen Schallplatteneinspielungen und davon legt auch der vorliegende 1963 von der Canadian Broadcasting Corporation produzierte Film Zeugnis ab, der auf DVD erschienen ist. Zu sehen ist Sir John bei Proben und der Aufführung des Joseph Haydn zugeschriebenen Oboenkonzerts. Es spielen Mitglieder des Vancouver Symphony Orchestra und die Oboistin ist keine geringere als Evelyn Rothwell, die musikalische Begnadete und Ehefrau von Barbirolli, die heute hochbetagte Lady Barbirolli.

Das Feilen am Detail

Der Zahn der Zeit ist an dem 42 Jahre alten Film nicht spurlos vorübergegangen. Die Bildqualität der Schwarzweißaufnahmen ist leidlich schlecht, das Bild ist unscharf und in ein ewiges dunkles Dämmerlicht getaucht. Die Tonqualität bietet den für Monoaufnahmen so typischen engen, höhengeschärften Klang und rauscht nicht unerheblich. Die Wiedergabe der Musik jedoch wird dadurch nicht beeinträchtigt und man wird mit aufschlussreichem Bildmaterial über Barbirollis Probenarbeit reich entschädigt. Der Probenabschnitt beschränkt sich auf den ersten Satz des Oboenkonzerts. Barbirolli nimmt sich einzelne Ziffern der Partitur vor und geht alsbald in medias res, was bei ihm Detailarbeit meint. Er, der selbst Orchestermusiker war, hat ein untrügliches Ohr für die Binnenspannung zwischen den Orchestergruppen. Kompakte Klangdichte, aus der sich subtil feingewobene Textur abhebt, das ist Sir Johns Klangideal. Der ehemalige Cellist Barbirolli fordert detailvernarrt differenzierte Bogenführung, Akzentuierungen und Phrasierungen und lässt auch mal die Hörner allein spielen, um intonatorische Spannungen zu überprüfen. Barbirolli kultiviert einen Orchesterklang von hohem ästhetischen Niveau. Er geht gerne auf Fragen aus dem Orchester ein, die aber leider kaum verständlich sind, da bei den Aufnahmen nur das Mikrophon an Barbirollis Pult geschaltet war.

Evelyn Rothwell, die die Musik körperlich mehr verinnerlicht hat als sie nach außen zu tragen, zeigt sich als fast schon schüchterne Person mit archetypischer englischer Zurückhaltung. Umso elanvoller, was sie ihrer Oboe entlockt. Rothwell, die für dieses Konzert eigene Kadenzen beigesteuert hat, pflegt einen geschmeidig-samtenen Ton, der dennoch glasklar klingt und in der hohen Lage nie an Stabilität und Ausdruckskraft verliert und nie zum Näseln wird. Schade nur, dass sie in den Aufnahmen der Proben sehr selten zu sehen ist. Die sich direkt an die Proben anschließende Aufführung des Oboenkonzerts, ebenfalls nur für den Film aufgezeichnet und nicht vor Publikum, ist ein bestechendes audio-visuelles Zeugnis der musikalischen Zusammenarbeit Barbirollis mit seiner Ehefrau. In den Proben bedurfte es weniger Worte, um sich gegenseitig zu verständigen und zu verstehen. Nun in der Aufführung potenziert sich die Spannkraft des Dirigats von Sir John zu einer pulsierend rhythmischen Auslegung des Notentextes, fein akzentuiert, dynamisch sorgsam ausdifferenziert und vor allem im langsamen Satz des Konzerts eben jenen von Vaughan Williams vormals beschworenen Lebensatem hauchend. Die Impulse des Orchesters nimmt Rothwell auf und präsentiert mit ihrer gestochen scharfen Artikulation eine Kunst des Oboenspiels, die nahezu ausgestorben scheint. Allein diese Kunst in Bild und Ton zu erleben, macht diese DVD zu einem wichtigen Dokument.

Die Features sind schnell aufgezählt: Monosound, Schwarzweiß, keine Untertitel, nur ein Einlegeblatt als Booklet und keine Specials oder Bonusmaterial. Herzlich wenig eigentlich, aber dafür darf der Zuschauer knappe 60 Minuten in äußerster Kurzweil vor dem Bildschirm verbringen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Barbirolli, Sir John: in rehearsal & performance

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VAI
1
18.10.2004
Medium:
EAN:

DVD
0089948429395


Cover vergössern

Haydn, Joseph


Cover vergössern

Dirigent(en):Barbirolli, Sir John
Orchester/Ensemble:Vancouver Symphony Orchestra
Interpret(en):Rothwell, Evelyn


Cover vergössern

VAI

Video Artists International (VAI) incorporated in 1983 and became the first US-based company to offer a selection of home video featuring opera, concert and ballet performances from international performance centers. In 1991 VAI began producing compact discs.. In 2001 VAI released its first DVD. Initial VHS releases included ballet films from Russia followed by a series of complete operasstarring Anna Moff, Renata Tebaldi in Tosca and Beverly Sills All these remain best sellers for VAI. Also issued were recitals by Rosalyn Tureck, Anna Russell, Renata Scotto and others. All of these have been issued on DVD.
In the mid-1990?s VAI began a relationship with the Canadian Broadcasting Company that yielded memorable performances, among others, by Joan Sutherland, Jon Vickers, Renata Tebaldi, Jean- Pierre Rampal, Sir Thomas Beecham, Sviatoslav Richter, Martha Argerich, Arturo Benedetti Michelangeli, and Ida Haendel.
In 1998 VAI began a long term agreement with the copyright holders of broadcasts from The Bell Telephone Hour, America?s premiere cultural television program from 1959 to1967. Performers caught live include Renata Tebaldi, Brigit Nilsson, Joan Sutherland, Anna Moffo, Rudolph Nureyev, Leontyne Price, Isaac Stern, Michael Rabin, Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Claudio Arrau, Jorge Bolet, Van Cliburn and other great artists.
1999 saw an arrangement with the Chicago Symphony Orchestra for a series of historic television broadcasts under music giants Fritz Reiner, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Leopold Stokowski and Paul Hindemith.
2003 began a relationship with Showcase Productions which has yielded the best selling ?Ethel Merman and Mary Martin ? The Legendary Ford 50th Anniversary Program? and two legendary ballets featuring Margot Fonteyn.
The television archives of The Boston Symphony Orchestra are now being made available to the world by VAI beginning in 2004. Initial releases feature Sir John Barbirolli, Charles Munch, and Pierre Monteux. Future releases will focus on former music directors Eric Leinsdorf and Seji Ozawa. 2004 brought around working relationships with France?s INA and Italy?s RAI which will see the release of many historic opera and concert videos from the vaults.
As a result of VAI?s presence in the marketplace, independent producers are approaching VAI with projects for production and distribution. ?What the Universe Tells Me?, a documentary on Mahler?s Third Symphony and ?Khachaturian: A Music and His Fatherland? are two fruits of these collaborations.
Aside from the afore mentioned Merman/Martin title, 2004 saw VAI release a Cole Porter Tribute,featuring Merman and other stars of the American Musical Theater. 2005 will see a continuing series of DVD titles to the great musical stars of stage and screen.
VAI CD issues feature rare recordings of Joseph Hoffman, William Kapell and other legendary pianists. The art of singers Jon Vickers, Evelyn Lear, Phyllis Curtin, Renata Tebaldi, and Eleanor Steber are captured in live and studio recordings. Many other legendary singers are featured on disc. VAI has issued a number of historic opera performances including 12 live recordings from the archives of the New Orleans Opera. Recently, VAI has begun issuing live performances from Sarah Caldwell?s legacy with the Boston Opera Company that includes performanes of Joan Sutherland, Marilyn Horne, Beverly Sills, and Jon Vickers. In recent years VAI has begun to record young, outstanding artists as Francesco Libetta and Pietro De Maria. VAI is the official label of the Miami International Piano Festival of Discovery.
VAI has 200 plus DVDs and videos and over 200 CDs in its catalog.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag VAI:

  • Zur Kritik... "Bubbles" at Wolf Trap Festival: Für Fans von Beverly Sills ist dieser - zugegeben kitschlastige - Bühnenmitschnitt ein Muss! Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Fremde, aber reizvolle Ästhetik: Diese Produktion ist technisch mäßig. Schade, denn die Verfilmungen zweier Einakter von Rachmaninow und Rimskij-Korsakow haben einen exotischen Reiz und sind musikalisch überzeugend. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Energiekick für Salzburg: Dieser Schwarz-Weiß-Mitschnitt des ORF bietet eine willkommene Alternative zum optisch weitaus biedereren Festspieldokument von 1966. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von VAI...

Weitere CD-Besprechungen von Erik Daumann:

  • Zur Kritik... Packende Symphonik: Sakari Oramo legt, trotz diskographisch enormer Konkurrenz, mit Elgars Erster Symphonie eine Referenzaufnahme vor. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Fern der tödlichen Realität: Flautando Köln lässt die Tudor-Rose erblühen – nicht in der Farbe des Blutes, sondern im Zeichen eines differenzierten Blicks auf eine musikalisch reiche Epoche. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Rustikale Schönheiten: Die tschechische Aufnahme des 'Spalicek' von Martinu überzeugt durch farbig-markante Spielfreude aller Beteiligten. Weiter...
    (Erik Daumann, )
blättern

Alle Kritiken von Erik Daumann...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Zur Frühgeschichte des Klaviertrios: Die jahrelange Auseinandersetzung mit einem Komponisten kann immer wieder zu fruchtbaren Neuveröffentlichungen führen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Sonaten-Dreigestirn : Schubert letzte drei Klaviersonaten D95, D959 und D960 sind bei Francesco Piemontesi sehr gut aufgehoben. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Zunehmende Kompaktheit: Diese zweite cpo-Veröffentlichung mit Musik des Holländers Leopold van der Pals zeigt vor allem anhand dreier konzertanter Werke die erstaunliche Entwicklung seiner Tonsprache. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Hans Eklund: Symphony No.5 Quadri - Allegro e feroce. Andante sostenuto. Allegro. Andante sostenuto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich