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Mittwoch, 30. November 2022

Prometheus - Musical Variations on a Myth

Feuer, Licht und Plasma


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wir haben dem griechischen Titanen Prometheus eine ganze Menge zu verdanken. Den Mythen nach revoltierte er gegen Zeus um uns Menschen das Feuer zu bringen, ebenso die Kunst, ja es heißt bei Ovid sogar, dass er selbst die Menschen aus Ton formte. Die Folgen sind den Interessierten der griechischen Mythologie bekannt: Zeus ließ Prometheus in seinem Zorn an einen hohen Felsen im Kaukasus ketten, tagtäglich fraß ein Adler seine Leber, die nachts wieder nachwuchs, erst Herakles vermochte Prometheus später aus dieser wirklich misslichen Lage zu befreien.
Soviel zur Legende. Ob dieser aufregenden Geschichte verwundert es nicht, dass auch zahlreiche Komponisten ihre Ehren dem Schöpfer aller Künste entgegenbrachten. Einen musikalischen Streifzug durch mehr als 200 Jahre musikalische Prometheus-Rezeption bietet die vorliegende DVD mit dem etwa einstündigen Film von Christopher Swann.

Beethoven und der Elefant

Dieser Film ist weniger eine Dokumentation, sondern mehr visuelle Interpretation der vier durch die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado live eingespielten Werke. Swann vermittelt im Hintergrund die Geschichte des Prometheus, lässt der Musik aber auch viel Raum ihre eigene Geschichte zu erzählen, die er stets zeitadäquat umzusetzen versucht – was aber leider nur in zwei der vier Fällen gelingt.
Zu Beethovens ’Geschöpfen des Prometheus’ lodern die Feuersbrünste, es steigen glühende Sonnen über der Steppe auf und nieder, Giraffen und Elefanten werfen ihre Silhouetten an den Himmel, Dutzende Pferde auf einer nächtlichen Wiese wiegen ihre Köpfe hin und her. Im Pastorale-Satz der Ballettmusik wird es dann ungleich rustikaler, da wird mit der Sense Korn geerntet und große Landschaftszüge offenbaren sich. Insgesamt eine zu unbekümmerte, natur-naive Darlegung, die mehr unfreiwillige Komik als innovative Beethoven-Interpretation produziert.
Spätromantische Steigerungen erlebt man dann in Liszts sinfonischer Dichtung ’Prometheus’: hier ist Swanns Bildersprache ungleich romantisierender, schwelgerischer. Auf antiken Bildern kämpft Prometheus mit seinen Widersachern, unheilvoll wird gezeigt, wie ein Adler sich in Zeitlupe in die Lüfte erhebt, über einem großen Gebirge zucken schlecht computergenerierte Blitze auf. Liszts Musik passt natürlich trotzdem besser als die Beethovens, dank ihrer Effekte und voluminösen Blecheskapaden, die Abbado und seinen Berlinern herrlich gelingen, aber diese schon kitschige, übertrieben spätromantische Filmumsetzung dient wohl niemandem.

Synästhesie und Abstraktion

Anders wird es dann bei den moderneren Vertretern. Skrjabins sinfonisches ’Gedicht des Feuers’ über Prometheus ist eins seiner berühmtesten Orchesterwerke, obgleich es sehr selten aufgeführt wird. Der Clou der Partitur ist die eigenständige Stimme des ’Lichtklaviers’, welches natürlich unhörbar die Konzertszenerie mit Farben, Farbmischungen und fließenden Übergängen in verschiedene synästhetische Atmosphären taucht. Hier macht sich das Medium der DVD dann wirklich bezahlt, denn die Möglichkeiten dieses Stück sonst auf diese originale Weise zu sehen, sind mehr als begrenzt. An dieser Stelle fährt Swann dann seine Interpretation auch deutlich zurück, überlässt Skrjabin die Regie und seinen Farben und Klängen, die nicht zuletzt dank der hervorragenden Martha Argerich am Flügel auch musikalisch beeindrucken.
Der Aufbruch in die Prometheus-Moderne wird dann durch Luigi Nonos ’Prometeo’ beschritten, mit dem rund 10minütigen Ausschnitt ’Isola seconda: Hölderlin’. Dieses mit keinem der anderen vergleichbare Werk findet dank Swann eine abstrakte neuartige Aufmachung. Keine lodernden Feuer zucken hin und her, es sind Plasma-Flächen, die ineinander fließen, sich spiegeln, die Konturen der Musiker tauchen verzerrt und schillernd kurz auf, manchmal auch nur Abbados filmisch verfremdete Hand. So wie Nono den Zuhörer einen eigenen Weg durch die Musik finden lassen will, streift man hier wie Prometheus als ewiger Wanderer durch den Bildschirm inmitten der wabernden Farbflächen. Eine beeindruckende, kreative, sinnvolle Umsetzung des komplexen Nono-Werks.

Insgesamt ist der Anspruch und die Ausrichtung dieser DVD wirklich zu loben, nur hätte man sich im Falle Beethoven und Liszt ein wenig mehr Distanz und Innovation gewünscht. Extras sind leider ebenso Mangelware, eine echte Dokumentation neben dieser filmischen Musikinterpretation hätte deutlich bereichert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prometheus: Musical Variations on a Myth

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Arthaus Musik
1
20.09.2004
57:00
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
0807280171792
101 717


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Beethoven, Ludwig van
Liszt, Franz
Nono, Luigi
Skrjabin, Alexander


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Dirigent(en):Abbado, Claudio
Orchester/Ensemble:Berliner Philharmoniker
Interpret(en):Argerich, Martha
Ade-Jesemann, Ingrid
Bair-Ivenz, Monika
Krumbiegel, Ulrike
Schadock, Matthias


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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