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Mittwoch, 23. September 2020

Bach, Johann Sebastian - Cantatas Vol.16

Die es uns nicht leicht machen


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es gibt zwei Herren auf dem Markt für Bachs Vokalmusik, die können einen schön ärgern. Der eine heißt Masaaki Suzuki und ist Japaner, der andere heißt Ton Koopman und ist Holländer. Wahrlich mit den Herren hat man es nicht leicht, man sitzt da und sitzt und hört und hört und sitzt und was kommt raus? Eben, immer das gleiche peinliche Gelobe. Da haben es sich beide zur Mammutaufgabe gemacht, das gesamte Kantatenwerk des Thomaskantors aufzunehmen und anstatt dem höhnenden Kritiker den Gefallen schwerer Ermüdungserscheinungen zu tun, sind sie, obwohl schon ein gut Stück gediehen, immer noch 1. Klasse. Suzuki (BIS) feierte gerade kleines Jubiläum mit der silbernen Nr. 25, Ton Koopman (Challenge Classics) ist zwar erst bei Nr. 16, doch füllt er eine CD-Box gleich mit drei CDs. Die eine vor der anderen Gesamtaufnahme zur Referenz zu erklären, fällt schwer und täte der einen oder anderen Unrecht. Beide zu haben, wäre ein Traum. Da könnte man Koopmans weichere Chorstimmen manchmal den kernigeren Japanern vorziehen. Oder je nach Laune die fleischigere Begleitung des Bach Collegium Japan gegen die sanfte, unaufgeregte Gestimmtheit des Amsterdam Baroque Orchestra ersetzen.

Eine Stimme für jeden Arien-Charakter

Koopman stellt in seiner 16. Folge Werke aus dem 3. Jahrgang von Bachs Leipziger Kantaten vor. Wie immer sind sie vom Bach-Spezialisten Christoph Wolff im sorgfältigen Booklet kompetent beschrieben worden. Berühmte sind darunter, die Kantate ,Ich habe genug’ BWV 82 etwa oder ,Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust’ BWV 170. Die gleichnamige Eröffnungsarie singt Bogna Bartosz, die mir bisher noch an keiner Stelle aufgefallen ist. Bedauerlich, denn die Altistin fügt sich nahtlos in den fließenden Duktus von Streichern und Oboe ein und verschmilzt auf diese Weise mit der instrumentalen Begleitung zu einer regelrechten Meditation. In der letzten Aria ,Mir ekelt mehr zu leben’ geht Bartosz mehr aus sich heraus, um den Affekt des Textes deutlich zu machen. Wollte man an der ganzen Kantate etwas verbessern, so wäre es vielleicht das Tempo, das sich in der zweiten Aria fast träge gibt. Gut daran getan hat Koopman, für die Einspielung zwei verschiedene Tenöre zu engagieren. Zu sanft wäre Paul Agnews Stimme für die Arie ,Erschrecke doch, du allzu sichre Seele’ aus BWV 27 gewesen, die dem Tenor James Gilchrist und damit einer herberen, mit fast gemeinem Unterton auftretenden Stimme anvertraut ist. Agnew hingegen darf seinen hellen Tenor für ,Geliebter Jesu, du allein’ in BWV 16 aufsparen.

Auch bei den Altistinnen wählt Koopman seine Stimmen nach Werkcharakter aus und führt mit Annette Markert einen Alt ein, der im Vergleich zu Bogna Bartosz dunkler, reifer und ernsthafter klingt. Das gibt der Todessehnsucht der Arie ,Willkommen, will ich sagen, wenn der Tod ans Bette tritt’ aus BWV 27 mehr dringendere Bedeutung als bei einer jungen Stimme. Vor allem im Kontrast zur engelsgleichen Erscheinung des Soprans von Johannette Zomer ist die Wirkung hervorragend. Weniger glücklich bin ich mit dem Bass Klaus Mertens. Seine Stimme hat mir zu wenig Gefühl, strahlt mir zu wenig Wärme aus. Doch diese Zutaten sind für die herrliche Arie ,Schlummert ein, ihr matten Augen’ mitsamt einer tönenden, vollmundigen Tiefe oberstes Gebot. Mertens wirkt etwas matt und gekünstelt. Wie unvergleichlich klingt hier Siegfried Lorenz, der vor zwei Jahrzehnten zwar weder Originalklang und deutlichste Artikulation kannte, doch diesen Traum von Musik zu vermitteln verstand wie kein Zweiter. Wer also neben den Kantatenzyklen von Suzuki und Koopman noch ein wenig Platz hat, der kann ja die alten Leipziger Aufnahmen von Max Pommer (Capriccio) dazwischen stellen. Zumindest bei ,Ich habe genug’ sind sie eine Konkurrenz, ansonsten sind Ton Koopmans Vorzüge fast schon erschreckend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol.16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
3
15.07.2004
Medium:
EAN:

CD
0608917221626


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Koopman, Ton
Orchester/Ensemble:Amsterdam Baroque Orchestra
Interpret(en):Prégardien, Christoph
Agnew, Paul
Gilchrist, James
Markert, Annette
Bartosz, Bogna
Rubens, Sibylla
Piau, Sandrine
Zomer, Johannette
Mertens, Klaus


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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