> > > Calmus Ensemble: Carmina Fati
Samstag, 24. August 2019

Calmus Ensemble - Carmina Fati

Quer durch alle Epochen


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Knabenchöre bringen ziemlich viele Kinder hervor. Meistens ist auch noch eine Frau daran beteiligt. Wer wollte sie zählen, all die Männerensembles mit Sopranerweiterung, die den Thomanern, den Regensburger Domspatzen oder den Wiener Sängerknaben entsprossen. Singer Pur könnte man nennen – hier waren die Regensburger Domspatzen die Erzeuger oder das Ensemble Amarcord – allesamt ehemalige Leipziger Thomaner. Leipzig ist auch die Geburtsstadt des Calmus Ensemble und bis heute sind die fünf Herren mit Dame ihrer Stadt verbunden. Die neueste Aufnahme entstand in der akustisch großräumigen Leipziger Lutherkirche.

Geistliches aus 1000 Jahren

Das Programm der CD (Querstand) ist amorph und krankt gar etwas an der willkürlich erscheinenden Zusammenstellung. Der übergeordnete Titel ,Carmina Fati’, was Gesänge des Schicksals bedeutet, trägt nicht eben zur Klärung des Problems bei. Einen Konsens stellt lediglich die offensichtliche oder gedachte geistliche Orientierung der Gesänge her. Epochen und Musikstile tauscht das Calmus Ensemble nach dem Prinzip der Abwechslung gegeneinander aus. So beginnt die CD mit einem gregorianischen Choral aus dem 10. Jahrhundert, etwas lieblos und wenig ätherisch von den Männern vorgetragen. Darauf folgt ein Kyrie, das jenes Material zur Grundlage nimmt, welches eben als einstimmige Meditation erklungen war. Das Werk von Ludwig Böhme (geb. 1979), Bariton des Calmus Ensembles, gebraucht eine einfache, kaum fordernde Tonalität, die die Sänger immer im Fluss halten. Das Stück gefällt sich in archaischen Quart- Quintfortschreitungen ebenso, wie in Anklängen an süßliche deutsche Romantik, die in Form eines deutschsprachigen Einschubes in die lateinische Komposition daherkommt.

Zweifelhafte Schönheiten

Wer an der Ästhetik dieses Stückes zweifeln mag, den wird wohl auch Siegfried Thieles ,Gesang der Geister über den Wassern’ nicht zum Glaubenden machen. Vor allem die exponierten, schrillen Höhen des Soprans verzücken das Ohr nicht eben, da mag sich Anja Lipfert auch noch so viel Mühe geben, nicht zu piepsig zu klingen. Stücke solch zweifelhafter Schönheit oder mäßig interessante Kompositionen finden sich leider zu viele auf der CD. Auch Manfred Schlenkers Bonhoeffer-Motette bleibt in ihrem Verlauf zu brav, um zu überraschen. Das Werk arbeitet sich etwas ab an den viel gehörten Worten ,Von guten Mächten’ und anderen Texten Dietrich Bonhoeffers.
Das Calmus Ensemble lässt sich von der stark hallenden Akustik der Lutherkirche tragen. Die Tontechnik hilft den Sängern aber, nicht im Off zu verdämmern, sondern holt sie sehr direkt ans Ohr. Hier fällt Singen leicht, doch wird es nicht einfacher, sich verständlich zu machen. Gerade im Ensembleklang gehen viele Konsonanten unter. Solistisch ist jeder Sänger problemlos zu verstehen. Den Renaissance-Sätzen eines Palestrina oder Dufay kommt die räumliche Entfaltung der Töne entgegen, es entstehen prächtige Klangflächen, wie sie von den Komponisten erdacht zu sein scheinen. Das Calmus Ensemble setzt auf einen schlanken, klaren Ton. Ein Vibrato lässt die Stimmen nur in Ausnahmefällen erzittern. Gerade die Männerstimmen klingen dadurch bisweilen etwas fahl und glatt. Wärmere Klangfarben fehlen vor allem dem ,Pater noster’ Giuseppe Verdis. Die Interpretation entbehrt jeglichen Schmelzes, jeglicher Italianità. Das Werk scheint unbedingt nach einem vollen, sattdunklen Chorklang zu rufen.

Einen solchen könnte auch das ,Nachtlied’ von Max Reger vertragen, mit dem die CD nach zwei Ausschnitten aus der um 600 Jahre älteren ,Messe de Notre Dame’ von Guillaume de Machaut schließt. Man kann allerdings Regers Chromatik auch in der kühlen Darstellung dieser Einspielung etwas abgewinnen. Verschmalzt zu werden, braucht man beim Calmus Ensemble jedenfalls nicht zu fürchten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Calmus Ensemble: Carmina Fati

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
22.07.2005
Medium:
EAN:

CD
4025796004014


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Böhme, Ludwig
Dufay, Guillaume
Kröger, Olav
Lasso, Orlando di
Machaut, Guillaume de
Palestrina, Giovanni Perluigi
Reger, Max
Schlenker, Manfred
Thiele, Siegfried
Verdi, Giuseppe


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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