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Freitag, 19. Juli 2019

Bach, Johann Sebastian - Secular Cantatas

Engelshochzeit und Kaffeehaus


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label BIS aus Schweden, bekannt für allerhand interessante Entdeckungen auf dem Gebiet der skandinavischen Musik, nahm sich ein ehrgeiziges und lohnenswertes Projekt vor: die Gesamteinspielung der Kantaten Johann Sebastian Bachs. Als musikalischer Anwalt fungiert das Bach Collegium Japan unter der Leitung des Cembalisten Masaaki Suzuki. Zu Beginn dieses Vorhabens fragten sich einige, ob das denn was werden könne, Bach-Kantaten, interpretiert von japanischen Musikern. Das Bild von ziellos umherirrenden asiatischen Gaststudenten an deutschen Musikhochschulen und deren oft grausame Aussprache des Deutschen mochten wohl die Folie für diese – wie sich relativ schnell herausstellte – Vorurteile sein. Das Bach Collegium Japan strafte die Skeptiker Lügen: Was bisher produziert wurde (und das ist eine ganze Menge) genügt höchsten Standards und kann wohl mit den Einspielungen von John Eliot Gardiner und Ton Koopman in der Spitzenklasse der Bach-Interpretationen locker mithalten.
Auf der vorliegenden CD sind nun zwei weltliche Kantaten aufgenommen, die Hochzeitskantate ‘O holder Tag, erwünschte Zeit’ BWV 210 und ‘Schweigt stille, plaudert nicht’ BWV 211, die sogenannte ‘Kaffeekantate’, Bachs wohl in heutiger Zeit erfolgreichste weltliche Kantate. Um Bachs Parodieverfahren zu zeigen, bildet die Hochzeitskantate ein hervorragendes Beispiel, geht man doch von fünf verschiedenen Fassungen dieses Stückes aus. Die ‘Urfassung’, zeitlich vor 1729 angesetzt, wurde noch weitere vier Mal für verschiedene Anlässe verwendet und je nach Verwendungszweck textlich angepasst. Die einzige vollständige Fassung dieser Kantate ist die anlässlich einer Hochzeit entstandene Umarbeitung, die wohl 1741 aufgeführt wurde. Trotz dieses Anlasses handelt der Text primär von der Musik und ihrer Kraft, menschliche Herzen zu bewegen; mit nur wenigen Anspielungen wird wohl auf den Bräutigam eingegangen, der als Kunstförderer erscheint.

‘Englische’ Hochzeit

Die englische Sopranistin Carolyn Sampson erfüllt ihren Solopart in dieser Kantate mit Bravour; wie engelsgleich klingt ihre glockenhelle Stimme, frei von aller Erdenschwere. Schon die Anfangsworte ‘O holder Tag, erwünschte Zeit…’ scheint wie in die freie Luft zu entschweben, leicht und filigran ihre Tongebung, klar und verständlich die Diktion. Als kleines Manko dieses luftig-leichten Gesangs ist anzumerken, dass einzelne Wortteile manchmal zu verhaucht klingen, wenn Carolyn Sampson möglichst wenig Gewicht auf diese Silbe legen möchte. Die Sopranistin verfügt jedoch über ein hohes Maß an stimmlicher Beweglichkeit, um ihre Stimmfarbe der Affektenwelt einer bestimmten Arie anzupassen. So ähnelt ihre verdunkelte Stimme in der Arie ‘Schweigt, ihr Flöten, schweigt, ihr Töne’ dem samtigen Timbre der Traversflöten, während sie in der Abschlussarie ‘Seid beglückt, edle beide’ ihre ganze stimmliche Leuchtkraft auspackt.
Auch die beiden weiteren Solisten überzeugen in der Kantate BWV 211, der ‘Kaffeekantate’, die wohl für das Zimmermann´sche Kaffeehaus in Leipzig 1734 geschrieben wurde. In diesem kleinen ‘Dramma per musica’ treten der Vater Schlendrian und dessen Tochter auf, ferner ist ein Erzähler beteiligt, der von außen die Handlung schildert. Sowohl der Tenor Makoto Sakadura als Erzähler als auch Stephan Schreckenberger als Vater geben ein mehr als zufriedenstellendes Bild ab. Sehr deutlich in der Diktion, bemüht sich Sakadura nicht nur um eine vorbildliche Textverständlichkeit, sondern erfüllt den Part des neutralen Beteiligten mit Leben und versteht zudem, dem erzählten Geschehen durch sein Timbre einen leichten Touch Ironie zu verleihen. Der Bassist Stephan Schreckenberger verfügt über das nötige Stimmpotential, um den Vater zum einen wütend, zum anderen einschmeichelnd erscheinen zu lassen. Die Vokalsolisten ist insgesamt überzeugend und harmonieren sehr gut, da auch der Bassist eine eher helle Stimmfarbe besitzt und somit nicht als krasses Gegenteil von Frau Sampson erscheint.

Transparentes Spiel im ‘richtigen’ Tempo

Das Bach Collegium Japan mit seinem Leiter Masaaki Suzuki am Cembalo kann auch in dieser Aufnahme voll und ganz überzeugen. Die Musiker versuchen – im Gegensatz zu anderen Ensembles, die das Ideal einer ‘historisierenden Aufführungspraxis’ vertreten – ein möglichst weiches, rundes Klangbild zu erschaffen; die Ruppigkeit, die man andernorts pflegt, wird hier zugunsten eines samtigen Klanges vermieden. Auch wirken die von Suzuki angeschlagenen Tempi weder gehetzt noch zu langsam. Ihm geht es nicht auf sportiven Drive, sondern um eine fließende, natürliche Tempogestaltung, die einem als einzig ‘richtige’ erscheint. So können Melodielinien sanglich abphrasiert werden, der Musik bleibt genug Raum zu atmen. Trotzdem bleibt das Spiel der Musiker stets energisch und zupackend, Langweile kommt hier an keiner Stelle auf; dies vielleicht eine der Erfahrungen, die der Ensembleleiter bei Ton Koopman gesammelt haben mag.
Auch klanglich ist diese Produktion durchaus solide. Man kann das Stimmgewebe sehr gut verfolgen, die Balance des Ensembles ist durchweg lobenswert. Soloinstrumente werden nicht künstlich nach vorne geholt, sondern können sich im Satzverband natürlich profilieren. Alles scheint wie aus einem Guss, transparent und (für historische Instrumente) in einem sehr runden Klangbild. Das Booklet versorgt den Hörer mit genügend interessanten Hintergrundinformationen. Alles in allem also eine mehr als nur gelungene Erweiterung in der Reihe der Gesamtaufnahme von Bachs Kantaten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Secular Cantatas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BIS Records
1
14.10.2004
62:05
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
7318590014110
BIS501411


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Bach, Johann Sebastian
 - O holder Tag, erwünschte Zeit - Hochzeitskantate BWV 210
 - Schweigt stille, plaudert nicht - Kaffeekantate BWV 211


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Dirigent(en):Suzuki, Masaaki
Orchester/Ensemble:Bach-Collegium Japan
Interpret(en):Sampson, Carolyn
Sakurada, Makoto
Schreckenberger, Stephan


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"Mit der Kaffee- und der Hochzeitskantate hat Suzuki sich gleich zwei der populärsten weltlichen Kantaten Bachs ausgesucht, um neben der Reihe der geistlichen auch den Zyklus der weltlichen Kantaten komplett einzuspielen. Daneben ist diese CD das BIS-Debüt für die britische Sopranistin Carolyn Sampson, wohlbekannt unter allen Barockmusik-Liebhabern als eine der überragenden Spezialistinnen unserer Zeit."


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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