> > > Nystroem, Gösta: Symphony No.4 & Sinfonia Tramontana
Freitag, 5. März 2021

Nystroem, Gösta - Symphony No.4 & Sinfonia Tramontana

Shakespeare in Schweden


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Werke Shakespeares gehörten im 19. Jahrhundert zum Grundstock literarischer Bildung des Bürgertums. Wer konnte mit ‘Macbeth’, ‘Der Sturm’, ‘Othello’ oder ‘Hamlet’ nichts anfangen? Und was lag dann für Komponisten näher, als ein Drama von Shakespeare zur literarischen Grundlage etwa einer Symphonischen Dichtung oder einer Oper zu machen.
Doch konnte man auch nach dem Zweiten Weltkrieg davon ausgehen, dass das Konzertpublikum ‘seinen’ Shakespeare noch kannte? Um Gösta Nystroems ‘Vierte Symphonie’ mit dem Untertitel ‘Sinfonia shakespeariana’ aus den Jahren 1951/52 zu verstehen ist dies gar nicht nötig, denn bis auf den Titel scheint sich hinter dem Werk kein konkretes Programm zu verstecken, auch wenn Nystroem in seinen Skizzen den drei Sätzen Zitate aus einigen Werken Shakespeares voranstellte, um den Stimmungsgehalt der Musik mit literarischen Schlaglichtern zu verbinden. Ist diese Symphonie also Programmmusik? Wahrscheinlich in einem ebenso vagen Sinn wie die Tondichtungen von Strauss, denn Ausführungen des Komponisten, welche musikalischen Komponenten analog zu literarischen Inhalten zu verstehen seien, existieren nicht. Wir haben folglich ein musikalisches Werk vor uns, das im Titel auf außermusikalische Inhalte verweist, jedoch keine genauen Rückschlüsse zulässt.

Stilpluralismus und Rückgriff auf neoklassizistische Elemente

Hört man die hier aufgenommenen Symphonien des Schweden Gösta Nystroem (1890–1966), werden wir erinnert an Strawinsky, Bartok, Hindemith, zuweilen auch an die französischen Impressionisten (hier eingeschlossen auch bildende Künstler, denn Nystroem, nebenbei erfolgreicher Maler und Zeichner, ließ sich nicht nur durch musikalische Vorbilder anregen). So stellt sich seine Musik zuweilen als der bildenden Kunst ähnlich dar: Oberflächen werden gezeichnet, Klanggrundlagen in Form von Ostinati erschaffen, auf denen dann musikalisch ‘gezeichnet’ werden kann. Im Großen und Ganzen bewegt sich Nystroem jedoch in verhältnismäßig traditionellen Bahnen, sowohl in harmonischer als auch formaler Hinsicht.
Die rhythmische Frische und klangfarbliche Vielfalt werden vom Malmö Symphony Orchestra unter der Leitung von B. Tommy Andersson optimal herausgearbeitet. Die Musiker finden unter Andersson die richtige Mischung aus sachlicher Prägnanz in der Hervorhebung neoklassizistischer Elemente, wie auch in den romantischen Kantilenen, die auf eine Verwurzelung in der traditionellen schwedischen Musik verweist. Das Orchester scheint sehr gut aufeinander abgestimmt, Schwächen in Intonation oder Balance gibt es keine. Stellenweise wirkt Nystroems Musik jedoch etwas statisch, es bewegt sich wenig; abgelöst werden diese etwas verharrenden Lento-Blöcke von rhythmisch pointierten Allegro-Abschnitten, in denen auch die Schlaginstrumente, vor allem die Pauke, entscheidenden Anteil hat. Auch klangfarblich arbeitet der Komponist diesen Part differenziert aus, Pauken-Glissandi verleihen den Farbschattierungen des übrigen Orchesters eine weitere Nuance.
Auch die knapp fünfzehn Jahre später entstandene ‘Sinfonia tramontana’ (‘Sechste Symphonie’) lebt von glasklaren Instrumentalfarben, rhythmischer Vielfalt und Prägnanz und formaler Geschlossenheit, die sich durch kontrastierende Abschnittsbildung und Wiederholungsteilen ergibt. Auch hier überzeugt das Malmö Symphony Orchestra durch eine lebhafte Darstellung, man merkt den Musikern die Erfahrung mit Musik des 20. Jahrhunderts an. Die Phrasierung ist gut aufeinander abgestimmt, das Blech klingt nicht zu vordergründig, Linien werden ausgesungen und Spannungsbögen über weite Strecken gespannt.

Beste Klangqualität

Auch wenn Nystroems Symphonien stellenweise etwas spröde und statisch daherkommen, so ist B. Tommy Anderssons Interpretation dieser beiden Symphonien von Lebhaftigkeit und Detailreichtum geprägt. Nebenstimmen werden hörbar, die Balance des Orchesters ist durchweg vorbildlich. Die Tontechniker von BIS Records haben hier einmal mehr exzellente Arbeit geleistet, denn auch die dynamische Differenzierung erscheint vorbildlich und Extreme werden nicht gescheut. Auch die Tiefe des Orchesters wird hörbar, kurz: Diese Produktion ist sehr zu empfehlen. Auch wenn Nystroem nicht zu den bekanntesten schwedischen Komponisten gehört, so lohnt es sich doch, einen kleinen Einblick in sein Schaffen zu bekommen. Diese CD bietet hierfür eine optimale Gelegenheit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nystroem, Gösta: Symphony No.4 & Sinfonia Tramontana

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BIS Records
1
14.10.2004
54:56
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
7318590010822
BIS501082


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Nystroem, Gösta
 - Symphonie Nr. 4 - Sinfonia Shakespeariana
 - Sinfonia tramontana - Symphonie Nr. 6


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Dirigent(en):Andersson, B Tommy
Orchester/Ensemble:Malmö Symphony Orchestra


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"Nystroem war einer der großen schwedischen Symphoniker des vergangenen Jahrhunderts. Übrigens war er auch ein talentierter Maler und verbrachte einige Zeit seines Lebens als Portraitmaler in Kopenhagen und Paris, sofern er nich mit Carl Nielsen zu Fußballspielen ging... Mit 35 Jahren entschloß er sich endgültig zu einer Musikerkarierre, obwohl er seine Reisen als Maler fortsetzte. So ist z.B. die 6. Symphonie von seinen Eindrücken der Provence inspiriert. Auch Literatur vermochte ihn zu beindrucken; den Sätzen der 4. Symphonie sind Sätze aus Shakespeares Dramen vorangestellt. Weitere Nystroem-Symphonien auf BIS 500682 und 500782 "


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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