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Montag, 6. Dezember 2021

Brahms, Johannes - Sonatas for Violoncello and Piano

Innige Harmonie – Brahms und Whisky


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einige Instrumentalwerke von Johannes Brahms weisen auf textliche Komponenten hin, sei es durch die Verwendung von (Volks-)Liedelementen, Chorälen (wie in den Choralvorspielen op. 122) oder dem Voranstellen einiger Gedichtzeilen wie im zweiten Satz der Klaviersonate op. 5. Eine besondere Beziehungsvielfalt zu Textelementen weist die Violinsonate op. 78 auf, wegen ihres Rekurses auf Brahms´ Lieder op. 59 mit dem Beinamen ‘Regenliedsonate’ versehen. Besonders im dritten Satz dieser Sonate zitiert der Komponist das Regenlied op. 59/3 und Nachklang op. 59/4.
Die Konzeption dieser Aufnahme besteht darin, diesen ‘Beziehungszauber’ (wie ihn Thomas Mann in der musikalische Struktur von Werken Brahms´ erkannte) deutlich zu machen: Neben die Verarbeitung in der Violinsonate op. 78 – hier in der Bearbeitung für Violoncello und Klavier – sind die ‘Quellen’, sprich: die Lieder op. 59 gestellt, freilich in einer Einrichtung für Cello und Klavier. Auch die diese CD abschließende Cellosonate in e-Moll op. 38 scheint Teil der stringenten Konzeption zu sein, da Brahms auch hier auf vorliegendes Material zurückgreift: im dritten Satz ist das Fugenthema aus Bachs ‘Kunst der Fuge’ abgeleitet, das Hauptthema des ersten Satzes mit dem Contrapunctus IV aus dem selben Werk verwandt. Allein die Auswahl der Werke scheint also durch eine durchdachte Konzeption schlüssig und mehr als gelungen.

Perfektes Zusammenspiel in jeglicher Hinsicht

Wenn zu dieser ästhetischen Freude des Hörers ein wahrhaft einzigartiges Klangergebnis hinzukommt, wie dies hier der Fall ist, kann man beinahe von einem Geniestreich sprechen. Denn der Cellist Peter Hörr und seine Begleiterin, die Pianistin Cora Irsen, nehmen durch ihr in jeder Hinsicht absolut perfektes Zusammenspiel ein. Schon der Anfang von op. 78 klingt wie aus einer fernen nebelverhangenen Traumwelt, wenn das G-Dur ganz dunkel, samtig, weich, ‘mollig’ das Ohr des Hörers streichelt, sich Cello und Klavier zu einer Einheit verbinden, die ein wohliges Gänsehautgefühl erzeugt. Hier wird musiziert mit Tiefe, Leidenschaft, romantischem Impetus, ohne in effektheischenden Pathos abzugleiten.
Die dynamische Abstimmung der beiden Interpreten ist fabelhaft, ihr gemeinsames Atmen, Phrasieren und Aussingen der Melodiebögen beispielhaft. Einzigartig, wie hier perlende Läufe vom Klavier ohne merklichen Unterschied vom Cello übernommen und weitergeführt werden. Dieses Duo verschmilzt – höchstes Ziel der Interpretation von kammermusikalischen Werken – zu einer Einheit, ohne dass jeder Beteiligte seine eigene Stimme aufgibt. Auch wenn das Klavier die Führung übernimmt, bleibt die Cellostimme präsent, der feinfühlige Cellist Peter Hörr erfüllt jede Note mit drängender Leidenschaft und glühender Empfindung. Man hat den Eindruck, als würden allein in den drei Sätzen der G-Dur-Sonate alle Ausdrucksmöglichkeiten aufgeboten, von überschäumender Freude, bizarren Schattenspielen, zu tiefer, lyrischer Sanglichkeit und aufgewühlter Erregung.
Auch in technischer Hinsicht sind die beiden Interpreten über jede Kritik erhaben. Jede technische Schwierigkeit scheint für den Cellisten Peter Hörr wie auch die fabelhafte Pianistin Cora Irsen, deren Klavierpart beileibe nicht so von Blatt gespielt werden kann, nicht zu existieren. Irsen verfügt über die bei Kammermusikern essentielle Fähigkeit, ihr Spiel in Balance mit dem Partner zu bringen. Von kraftvollem, starken Anschlag bis zu fein perlenden Läufen bietet sie ein Schaustück an pianistischer Technik, um die Ausdrucksmöglichkeiten der Werke optimal umzusetzen. Auch die Tempi sind hier fließend und natürlich, nie gehetzt oder zäh. Das ‘Adagio’ der Sonate op. 78 wird langsam und innig, jedoch nicht schleppend genommen, die Allegri bleiben durch eine organische Tempogestaltung in ihrer Reichhaltigkeit der musikalischen Bezüge durchsichtig.

Kantilenen von seltener Schönheit

Auch die Liedbearbeitungen gelingen den Interpreten absolut überzeugend. Peter Hörr ‘singt’ auf seinem Cello wunderbar elegisch und einfühlsam; die Stimmungen der Lieder werden auch ohne Text dem Hörer unmittelbar erfahrbar.
Weiteres Glanzlicht dieser Produktion ist die Cellosonate in e-Moll op. 38, ein zu den eher frühen Werken Brahms´ gerechnetes Stück, das in seiner Klanglichkeit die Möglichkeiten der beiden Partner voll ausnutzt, auch wenn sich eine solch erstaunliche organische Verschmelzung der Instrumente wie in op. 78 nicht ganz zeigt.

Erstaunliche Klangqualität

Zu dem hervorragenden Eindruck dieser Produktion trägt zu einem nicht geringen Teil die erstaunlich gute Klangqualität bei. Die Instrumente verschmelzen zu einer Einheit, ohne dass das Klangbild jemals breiig zu werden droht, die Transparenz des Satzes bleibt in jedem Augenblick gewahrt. Die Techniker von Dabringhaus und Grimm haben auch hier wieder beste Arbeit geleistet, um die natürliche Akustik und die feinen dynamischen Schattierungen dieser bestechenden Interpretationen ohne technische Hilfsmittel in aller Unmittelbar auf CD zu bannen. Hier klingt alles, als ob die Musiker direkt vor einem säßen und ein kleines Hauskonzert veranstalteten, direkt und ungemein präsent.
Diese tief empfundenen Interpretationen voller elegischer Harmonien und lyrischen Melodien sind wohl die besten musikalischen Untermalungen für einen nebligen Winterabend im wohlig-warmen Wohnzimmer, im Sessel mit einem Gläschen Whisky sitzend: Brahms, wie er so richtig Spaß macht und unter die Haut geht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sonatas for Violoncello and Piano

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
01.09.2004
63:45
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
760623119724
MDG 643 1197-2


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Brahms, Johannes


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Interpret(en):Hörr, Peter
Irsen, Cora


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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