> > > Marian Anderson: A Portrait in Music
Montag, 26. August 2019

Marian Anderson - A Portrait in Music

Endlich erlebbar


Label/Verlag: VAI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Segnungen des digitalen Zeitalters: Dank flinker Bildbearbeitungsprogramme und billiger Fertigungstechniken erreichen uns Aufnahmen aus längst vergessenen Epochen in einer Qualität, die man kaum fassen mag. Gerade im Klassik-Sektor wird die Tür in eine Welt der Legenden aufgestoßen und erhält die nachwachsende Generation endlich die Gelegenheit, die kultische Verehrung gegenüber den Stars des frühen zwanzigsten Jahrhunderts auf ihre Berechtigung abzuklopfen. Noch größer dürfte die Freude bei den beinharten Anhängern früher Diven und dahingeschiedener Helden sein, bekommen sie doch ein Menü serviert, von dem Sie niemals erwartet hätten, es interessiere außer ihnen und einer handvoll Historikern auch nur eine einzige Person. Leider lässt sich andersherum eben auch schamlos und unkompliziert aus dem brennenden und schwer zu befriedigenden Interesse an jedem weiteren Puzzleteil im Mosaik der Geschichte Profit schlagen. Auch ‘A portrait in music’ muss sich diesen Vorwurf gefallen lassen.

Was nicht bedeuten soll, Marian Anderson sei einer näheren Betrachtung nicht würdig – wer diese Frau nicht kennt, hat sowohl eines der wichtigsten Kapitel im Buch der US-amerikanischen Gesangsgöttinnen, als auch eine bedeutende Protagonistin im Emanzipationskampf der unterdrückten schwarzen Minderheit verpasst. Ihr Aufstieg vom armen Wunderkind zum Kassenschlager der 40er und 50er Jahre ist geprägt von der Solidarität ihrer Klasse (erst die Spenden ihrer Kirchengemeinde erlaubten ihr eine musikalische Ausbildung), dem Widerstand rassistischer Kleingeister (ihr wurde einzig und allein aufgrund ihrer Hautfarbe das Studium an einer örtlichen Musikschule verweigert) und schließlich dem einstimmigen Zuspruch der Kollegen. Ob Toscanini nun tatsächlich den Ausspruch getätigt hat, man finde eine Stimme wie die ihre nur ‘einmal in hundert Jahren’, wird nicht mehr eindeutig eruiert werden können – wichtiger ist indes, dass es wahr sein könnte.

Anderson selbst machte sich ohnehin nicht viel aus der ihr entgegen gebrachten Hingabe und lebte in der tourneefreien Zeit ein abgeschiedenes und stilles Leben auf dem Land, welches nur durch die gelegentlichen Besuche ihres festen Begleiters Franz Rupp unterbrochen wurde. Eine schöne Stelle diese Dokumentation ist gerade deswegen eine häusliche Szene, in welcher die beiden am Klavier verschiedene Stücke proben. Unhektisch und freundschaftlich geht es da zu und es tut auch gar nichts zur Sache, dass die Situation selbstverständlich keine natürliche, sondern eine gestellte ist. Denn aus allem, was man hier sehen kann und aus den wenigen Fakten kann man sich das höchst lebendige Bild einer liebenswerten und von Grund auf guten Persönlichkeit zusammensetzen, der Ruhm und Reichtum nichts und die Liebe zu Musik und Mitmensch alles bedeuteten. Die durchweg ungekürzten musikalischen Beiträge reichen bereits aus, einen Teil der Faszination zu erklären, die von Stimme und Erscheinung dieser Frau ausging: Die Hände streng wie zum Gebet gefaltet und nur mit dem Gesicht den vokalen Vortrag unterstützend war sie das beste Beispiel für eine alte Schule, die noch daran glaubte, dass Kontrolle, nicht Exaltiertheit die wahre Kunst des Liedgesangs darstellte. Und es gehört mehr als nur ein Hauch von Genie dazu, ‘He’s got the whole world in his hands’ gleich drei mal vorzutragen, ohne den Hörer auch nur einmal zu langweilen. Dennoch fühlt man sich von den insgesamt 43 Minuten dieser DVD betrogen. Denn nicht nur kommt sie lieblos ohne jegliche Extras (wie zum Beispiel Untertitel wenigstens in englischer Sprache) und mit einem falschen Tracklisting im schmucklosen Beipackzettel daher, besteht sie außerdem nicht aus einer ausführlichen Dokumentation, sondern drei schlicht aneinander gereihten Fernsehfeatures, von denen die beiden letzten nur für ganz hartgesottene Liebhaber brauchbar sind.

Spielt all das eine Rolle? Nicht wirklich. Denn seien wir mal ehrlich: Als Fan einer nicht aktuell im Mediengewitter erstrahlenden Künstlerin gäbe man seine gesamt Plattensammlung für gerade diese Art von Dokument. Marian Anderson sehen und singen zu können ist ein Genuss und als solches ist es unabhängig von eventuellen schnöde-finanziellen Motivationen ein Verdienst, diesen Genuss aus dem Bereich der reinen Vorstellung in den des real Erlebbaren zu überführen. Anderson starb 1993 im Alter von 96 Jahren, dank der hier zusammengetragenen Aufnahmen wird ihrer Kunst ein sogar noch deutlich längeres Leben beschieden sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von tocafi,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Marian Anderson: A Portrait in Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VAI
1
13.09.2004
Medium:
EAN:
DVD
0089948427896

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Händel, Georg Friedrich
Schubert, Franz


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Interpret(en):Anderson, Marian
Rupp, Franz


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VAI

Video Artists International (VAI) incorporated in 1983 and became the first US-based company to offer a selection of home video featuring opera, concert and ballet performances from international performance centers. In 1991 VAI began producing compact discs.. In 2001 VAI released its first DVD. Initial VHS releases included ballet films from Russia followed by a series of complete operasstarring Anna Moff, Renata Tebaldi in Tosca and Beverly Sills All these remain best sellers for VAI. Also issued were recitals by Rosalyn Tureck, Anna Russell, Renata Scotto and others. All of these have been issued on DVD.
In the mid-1990?s VAI began a relationship with the Canadian Broadcasting Company that yielded memorable performances, among others, by Joan Sutherland, Jon Vickers, Renata Tebaldi, Jean- Pierre Rampal, Sir Thomas Beecham, Sviatoslav Richter, Martha Argerich, Arturo Benedetti Michelangeli, and Ida Haendel.
In 1998 VAI began a long term agreement with the copyright holders of broadcasts from The Bell Telephone Hour, America?s premiere cultural television program from 1959 to1967. Performers caught live include Renata Tebaldi, Brigit Nilsson, Joan Sutherland, Anna Moffo, Rudolph Nureyev, Leontyne Price, Isaac Stern, Michael Rabin, Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Claudio Arrau, Jorge Bolet, Van Cliburn and other great artists.
1999 saw an arrangement with the Chicago Symphony Orchestra for a series of historic television broadcasts under music giants Fritz Reiner, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Leopold Stokowski and Paul Hindemith.
2003 began a relationship with Showcase Productions which has yielded the best selling ?Ethel Merman and Mary Martin ? The Legendary Ford 50th Anniversary Program? and two legendary ballets featuring Margot Fonteyn.
The television archives of The Boston Symphony Orchestra are now being made available to the world by VAI beginning in 2004. Initial releases feature Sir John Barbirolli, Charles Munch, and Pierre Monteux. Future releases will focus on former music directors Eric Leinsdorf and Seji Ozawa. 2004 brought around working relationships with France?s INA and Italy?s RAI which will see the release of many historic opera and concert videos from the vaults.
As a result of VAI?s presence in the marketplace, independent producers are approaching VAI with projects for production and distribution. ?What the Universe Tells Me?, a documentary on Mahler?s Third Symphony and ?Khachaturian: A Music and His Fatherland? are two fruits of these collaborations.
Aside from the afore mentioned Merman/Martin title, 2004 saw VAI release a Cole Porter Tribute,featuring Merman and other stars of the American Musical Theater. 2005 will see a continuing series of DVD titles to the great musical stars of stage and screen.
VAI CD issues feature rare recordings of Joseph Hoffman, William Kapell and other legendary pianists. The art of singers Jon Vickers, Evelyn Lear, Phyllis Curtin, Renata Tebaldi, and Eleanor Steber are captured in live and studio recordings. Many other legendary singers are featured on disc. VAI has issued a number of historic opera performances including 12 live recordings from the archives of the New Orleans Opera. Recently, VAI has begun issuing live performances from Sarah Caldwell?s legacy with the Boston Opera Company that includes performanes of Joan Sutherland, Marilyn Horne, Beverly Sills, and Jon Vickers. In recent years VAI has begun to record young, outstanding artists as Francesco Libetta and Pietro De Maria. VAI is the official label of the Miami International Piano Festival of Discovery.
VAI has 200 plus DVDs and videos and over 200 CDs in its catalog.


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