> > > Honegger, Arthur: Johanna auf dem Scheiterhaufen
Samstag, 4. Dezember 2021

Honegger, Arthur - Johanna auf dem Scheiterhaufen

Johanna singt nicht


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oft besungen, beschrieben und dramatisiert, gemalt und verfilmt, die Geschichte der Jeanne d´Arc. Die vorliegende Aufnahme dokumentiert den Mitschnitt einer Aufführung des dramatischen Oratoriums ‘Jeanne au bucher’ von Arthur Honegger, in der Alten Oper Frankfurt, von 1991. Die deutsche Fassung der Einspielung heißt ‘Johanna auf dem Scheiterhaufen’.
Honegger, der von 1892 bis 1955 lebte, und wesentliche Beiträge für das musikalische Repertoire des 20. Jahrhunderts schuf, folgte einer Anregung der Tänzerin Ida Rubinstein. Die von Michail Fokin privat in der Tanzkunst unterrichtete Dilletantin tanzte bedeutende Titelrollen in Creationen für Diaghilews Ballets Russes, einige von ihr angeregte oder in Auftrag gebebene Ballette werden bis heute aufgeführt. Honegger nahm die Anregung auf, auch die von Ida Rubinstein stammende Idee, sich an der Ästhetik mittelalterlicher Mysterienspiele zu orientieren. Paul Claudel (1868 bis 1955), der bildmächtige, dem Katholizismus verpflichtete französische Dichter und Dramatiker, der es als seine Aufgabe sah, ‘alle Dinge in Gott zu einen’, sollte den Text schreiben. Er lehnte zunächst ab mit der Begründung, dieser Stoff habe bereits genügend Bearbeitungen erfahren. Durch eine Vision aber, die Claudels erfuhr, er sah ein Mädchen, das mit gefesselten Händen das Kreuz schlug, änderte sich seine Meinung, und er schrieb den Text. Honegger konnte mit der Komposition des dramatischen Oratoriums beginnen, die er 1935 abschloss. 1938 fand in Basel die konzertante Uraufführung statt, eine szenische Realisation ging erst 1942 in Basel sehr erfolgreich über die Bühne.

Die Darstellung der französischen Nationalheldin wurde auf dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation als Zeichen nationalen Widerstands gedeutet. Daraus erklärt sich, dass nach dem Ende des zweiten Weltkrieges das Werk auf den Spielplänen vieler Opernhäuser stand. Roberto Rosselini inszenierte das Stück mit Ingrid Bergmann in der Titelrolle 1953 in Neapel. Die Hauptrollen in diesem, zwischen Mysterienspiel, Schauspiel, Oper und Oratorium changierenden, Musiktheater sind für Schauspielerinnen und Schauspieler geschrieben. Chor und Orchester übernehmen mitunter die Begleitung fast melodramatischer Szenen, illustrieren die Texte der Sprecher, und schaffen als Soundinstrumentarium Klangflächen, die stark an Filmmusiken erinnern.
In Honeggers Musiksprache mischen sich Stilelemente der Gregorianik, des romantischen Chorgesanges, aber auch Jazzelemente fließen ein, an tänzerische, populäre Klänge der Music-Hall kann man denken, ariose Melodiebögen für die Solistinnen und Solisten wechseln mit grotesken musikalischen Figuren für die Charakterisierung des mittelalterlichen Mysterienspielspektakels. Die Dramaturgie des Stückes ist eine Entfaltung des Titels. Gemäß der Annahme, dass im Augenblick des Todes der Lebensfilm in rasantem Tempo in der Wahrnehmung abläuft, führt ein Sprecher in der Rolle des Bruders Dominique, Begründer des nach ihm benannten Ordens der Dominikaner, Jeanne zu den Stationen ihres Aufstieges, ihrer Triumphe, ihrer Anfeindungen, und letztlich ihres Martyriums. Die Deutung geht dahin, dass es nicht Menschen, sondern Bestien sind, die ihren Tod verlangen, so sitzt ein Schwein als oberster Repräsentant dem Gericht vor, dessen Protokolle ein Esel führt.
Im weiteren Verlauf treten groteske Volksfiguren auf, Engel, Heiden, Heilige und Helden. Diese Anlässe, und insbesondere die Schlussszene, wenn die Heilige Jungfrau ihren Trost in Soprankantilenen verströmt und dagegen der Satan vergeblich sich um die standhafte Heldin bemüht, geben dem Komponisten viele Möglichkeiten, sein musikalisches Maß auszureizen.

Die vorliegende Konzertaufnahme vereint ein Ensemble, das keine Wünsche offen lässt. Mit schönen Sopranen Juliane Claus als Heilige Margarethe, und Barbara Zintl als Jungfrau Maria. Birgit Remmert leiht der Heiligen Katharina ihre beeindruckende Altstimme. Christian Hees gibt den Schweinerichter, in Solostimmen für Tenor und Bass Jan Hammar und Konrad Paul. Siegfried Heinrich, seit 1961 Leiter der Festspiele in Bad Hersfeld, leitet dazu den Frankfurter Kinderchor Neeber-Schuler, den Hersfelder Jugendsingkreis, den Hersfelder Festspielchor und das Radio Symphony Orchester aus Krakau.
Leider fand sich wohl für die gesprochenen Dialoge kein geeigneter Regisseur. Susanne Altschul als Jeanne, Olaf Schröder als Dominique, Hannelore Seezen, Thomas Otto und Ralf Friedrich Voß als weitere Sprecher kommen über die gepflegte Aufregung des frommen Weihnachtsspiels nicht hinaus. Mehr Distanz hätte Wunder an Intensität bewirken können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Honegger, Arthur: Johanna auf dem Scheiterhaufen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
1
13.09.2004
Medium:
EAN:

CD
9120012231528


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Honegger, Arthur


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Dirigent(en):Heinrich, Siegfried
Orchester/Ensemble:Radio-Sinfonieorchester Krakau
Interpret(en):Seezen, Hannelore
Voß, Ralf Friedrich
Paul, Konrad
Hees, Christian
Hammar, Jan
Zintl, Barbara
Remmert, Birgit
Claus, Juliane
Schröder, Olaf
Altschul, Susanne


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VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


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