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Montag, 17. Juni 2019

Howard, Leslie - Rare Piano Encores

Poesie und Tastensport


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leslie Howard ist schon seit vielen Jahren in besonderer pianistischer Mission unterwegs, bei der es unter anderem darum geht, die musikalische Welt von dem Vorurteil zu befreien, bei der so genannten ,Lied-Bearbeitung' und ,Paraphrase' für Klavier handele es sich um ,leichte Muse'. Dieses Unterfangen Howards ist nicht ganz leicht, gibt es doch genügend Beispiele in der Klavier-Literatur, die genau dieses Vorurteil bestätigen: so erweist sich so manche Lied-Bearbeitung, also etwa ein Schubert-Lied in einer Klavier-Version, als schlichter Klavierauszug - wobei die poetische Idee, die im Original zum großen Teil durch die Besonderheiten der menschlichen Stimme vermittelt wird, geradezu zwangsläufig abhanden kommt. Oder aber die Paraphrase, meist eine Art auskomponierte Improvisation über Opern-Themen, wurde scheinbar einzig zu dem Zweck komponiert, tastensportliche Fähigkeiten der Extraklasse an den Tag zu legen und mit rauschenden Kaskaden über acht Oktaven reihenweise Biedermeier-Groupies ohnmächtig werden zu lassen. So etwas galt im 20. Jahrhundert mehr und mehr als unschicklich und wurde fortan auf vergleichbare Art von Pop-Stars erledigt.

Dabei ist gerade die Lied-Bearbeitung eine ganz seriöse, höchst subtile Kunst, in der - wie Liszt immer wieder betonte - die poetische Idee oft gerade sogar nur dann bewahrt werden kann, wenn man eben keinen möglichst ,originalgetreuen' Klavierauszug anfertigt, sondern Veränderungen vornimmt, die den Besonderheiten des Instrumentes gerecht werden. Als Liszt beispielsweise Schuberts ,Erlkönig' für Solo-Klavier transkribierte, ging es unter anderem darum, die vier Charaktere (Erzähler, Vater, Kind, Erlkönig) voneinander klanglich unterscheidbar zu machen - was im Original durch die menschliche Stimme problemlos möglich ist. Und so kam Liszt beispielsweise die Idee, die Stellen des gruselig-schmeichelnden Erlkönigs durch Arpeggios auszudrücken und ihn damit deutlich von den anderen Passagen abzuheben, gleichzeitig aber auch das Perfide in der Figur des Erlkönigs zu erfassen - ein eigentlich ganz einfaches Mittel mit erstaunlichem Effekt.

Der Auf- und Ab- und Aufstieg der Paraphrase

Leslie Howard macht im Beiheft zum Teil den Niedergang der 78-U.p.M.-Schallplatte für das weitgehende Verschwinden der Transkriptionen und Paraphrasen aus der musikalischen Welt verantwortlich, weil von da an erst längere Sonaten ohne lästiges Seitenwechseln angehört werden könnten und damit die kurzen Charakterstücke und Virtuosenstücke in Sachen Popularität in den Hintergrund traten. Es gibt jedoch auch eine andere Ursache, die in einem folgenschweren musikwissenschaftlichem Versäumnis liegt: Denn als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste große Gesamtausgabe der Werke Liszts (der wohl trotz einiger Fehlgriffe als einer der Protagonisten dieses Genres schlechthin gelten darf) erschien, da hatte man nur einige wenige von insgesamt mehreren hundert seiner Transkriptionen und Bearbeitungen mitabgedruckt. Der weitaus größte Teil wurde schlicht nicht berücksichtigt. Da sich aber spätere Ausgaben oft genug auf die wissenschaftliche Gesamtausgabe bezogen, führte das zu der eigenartigen Situation, dass man in großen Bibliotheken bis vor wenigen Jahren noch gute Aussichten hatte, alte Liszt-Transkriptionen und -Paraphrasen in alten Frühdrucken aufzutreiben - Stücke, die es schon seit vielen Jahrzehnten nirgends zu kaufen waren und auch nicht gespielt wurden, weil kaum jemand wusste, dass es diese Stücke überhaupt gab.

Leslie Howard ist in der Tat einer derjenigen, die seit langem tapfer diesem musikwissenschaftlichen Irrsinn trotzen, so auch hier, wobei Howard diesmal zwischendurch auch einige selten gespielte Original-Kompositionen interpretiert. Dabei hat er vor allem Komponisten in den Blick genommen, die man normalerweise nicht sofort mit dem Klavier assoziiert, so etwa Richard Wagner mit seinem etwas konventionellen ,Album-Blatt (in das Album der Fürstin M.)', Anton Bruckner (,Erinnerung') oder Gioacchino Rossini (,Petit Caprice').

Die Könige und ihr Hofstaat

Was die Qualität der Kompositionen angeht, bietet die CD allerdings wenige Überraschungen: die besten Stücke stammen hier von den Paraphrasen-Königen Franz Liszt (,Valse de concert sur deux motifs de Lucia et Parisiana' von Donizetti sowie ,Soirées de Vienne No. 6. Valse -caprices d'après Franz Schubert') sowie Ferruccio Busoni (Serenade ,Deh vieni alla finestra' aus Mozarts Don Giovanni). Hier wird besonders deutlich, wie sehr gerade in der Paraphrase die Kunst des sinnvollen Komprimierens von Bedeutung ist, ja man kann beinahe sagen, je begrenzter der Raum ist, desto klarer muss die Aussage sein, gerade wenn die Materialfülle hoch ist - eine These, der Howard aber nur bedingt zugetan scheint, denn gerade die Wechsel in harmonischer Hinsicht oder als Frage und Antwort oder auch der Gegensatz von Entschlossenheit und Verspieltheit etwa - all das zeigt er nur sehr zurückhaltend, geradezu so als ob er einen langen Sonatensatz Zeit hätte, einen schwebenden Zustand am Ende in eine klare Aussage zu rücken. Dabei hat Liszt dem Interpreten praktisch alle Vorlagen an die Hand gegeben - wobei wir hier möglicherweise einem Phänomen begegnen, über das Busoni sich mal in einem bemerkenswerten Aufsatz über Paraphrasen geäußert hat. Dort vertrat er die These, der Grund dafür, dass Paraphrasen oft ein technisches, unpoetisches Image haben läge daran, dass sie oft genug auch unpoetisch gespielt würden. Hauptursache dafür sei ihr meist exorbitant hoher technischer Schwierigkeitsgrad, der auch poetisch veranlagten Pianisten kaum Reserven lasse, sich auf Dinge jenseits des rein technischen Aspektes zu konzentrieren.
Dieser Eindruck drängt sich auch ein wenig bei Leslie Howard auf. Zwar hat er im engeren Sinne keine technischen Probleme, allerdings ist sein Anschlag gerade bei den extrem schwierigen Stücken wenig variabel. Es fehlt auch oft das verspielte, nonchalante Element, der poetische Duft. Andererseits zeigt Howard dann bei weniger virtuosen Stücken wie Max Regers ,Mariä Wiegenlied', dass er durchaus Sinn und Gespür hat für die musikalisch bewegenden Momente jenseits von reiner Virtuosität und Tastenakrobatik. Schön ist auch Busonis Serenade ,Deh vieni alla finestra' aus Mozarts Don Giovanni (an dieser Stelle in der Oper steht Don Giovanni unter dem Fenster einer neuen Flamme und trällert ein Lied zur Mandoline). Hier gelingt es Howard in der Transkription, den ,Mandolinenpart' und den ,Gesangspart' am Klavier klanglich sauber zu trennen und tatsächlich den Eindruck von zwei gleichzeitig ablaufenden, aber dennoch verschiedenen musikalischen Abläufen zu vermitteln, was wahrlich nicht so einfach ist - mit gerade mal zehn Fingern. Im ,Viennes Dance No 2 on motifs by Eduard Gärtner', bearbeitet von Ignacy Friedman, fällt es Howard nicht ganz leicht, das Wiener musikalische Idiom zu erwischen. Howards Interpretation von ,Soirées de Vienne No 6, valse-caprice d'après Franz Schubert' leidet darunter, dass es zu den späten Lieblingsstücken Vladimir Horowitz' gehörte, der im späten Alter damit noch groß für Furore gesorgt hat, unter anderem auch deswegen, weil er gerne den Schluss dieses Stückes nochmals virtuos bearbeitete - eine Bearbeitung der Bearbeitung sozusagen...

Einige weitere Stücke der CD werden sicherlich nicht nachhaltig in die Geschichte eingehen, so etwa Anton Rubinsteins ,Valse-caprice', ein ausgesprochen redundantes Stück, oder aber ,Blithe Bells' nach Johann Sebastian Bach, komponiert von Percy Grainger. Leslie Howard hat auch zwei eigene Stücke beigesteuert, darunter eine Opern-Paraphrase zu ,La Wally' von Catalani, ein Thema, das durch den Film ,Diva' seinerzeit auch bei sonst eher klassikfernem Publikum für bildungsbürgerliche Verzückung sorgte. Howard hätte man bei der Bearbeitung allerdings mehr Mut gewünscht, konzentriert er sich doch sehr auf gebrochene Akkorde und Arpeggios, die zwar durchaus zum Handwerkszeug eines ausgebufften Improvisators gehören, aber eben nur als Mittel zum Zweck. Da drängt sich doch fast der Eindruck auf, als ob der Schatten Liszts eher einschüchtert als ermutigt.
Im Beiheft (e, fr, de) äußert sich Leslie Howard über das Genre der Transkription im Allgemeinen und geht kurz auf die einzelnen Stücke ein, teilweise mit interessanten Hinweise auf spezielle pianistische Probleme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Howard, Leslie: Rare Piano Encores

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
13.09.2004
EAN:

0034571151090


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Bruckner, Anton
Busoni, Ferruccio
Friedmann, Ignaz
Gershwin, George
Grainger, Percy
Grieg, Edvard
Howard, Leslie
Liszt, Franz
Moszkowski, Moritz
Rachmaninoff, Sergej
Reger, Max
Rossini, Gioacchino
Rubinstein, Anton
Siloti, Alexander
Wagner, Richard


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Interpret(en):Howard, Leslie


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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