> > > Strauss, Richard: Suite for orchestra: Der Bürger als Edelmann op.60
Sonntag, 25. Oktober 2020

Strauss, Richard - Suite for orchestra: Der Bürger als Edelmann op.60

Unendlich spritzig und witzig


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jede Stimme ist hier eingebettet in einen schillernden Ensembleklang und dennoch bleibt jedes Detail gut hörbar.

Auch wenn sich zwei äußerst geistreiche Köpfe wie Strauss und Hofmannsthal zusammentun, um ein etwas ungewöhnliches Theaterprojekt aus der Taufe zu heben, muss diesen nicht unbedingt glänzender Erfolg beschieden sein. So erging es dem musikalisch-literarischen Doppelgespann mit der ab 1911 in Angriff genommenen Verbindung der Komödie Molières mit der Neudichtung ‘Ariadne auf Naxos’. Die Verbindung von Theater und Oper in einem Werk kam beim Publikum 1912 nicht sonderlich gut an. Auf den mit Schauspielmusik von Strauss geschmückten ‘Le Bourgois Gentilhomme’, den ‘Bürger als Edelmann’ sollte – als eine in das Theater eingelagerte Oper – ‘Ariadne auf Naxos’ folgen. Diese ist uns heute als eigenständige Oper bekannt, nachdem das ehrgeizige Projekt von Hofmannsthal und Strauss in die Hose ging. Auch eine zweite Fassung, eine von Hofmannsthal eingerichtete Bearbeitung Molières mit 17 Bühnenmusik-Nummer von Strauss. Doch auch dieser war die Gunst des Publikums nicht hold und so stellte Richard Strauss aus dieser Bühnenmusik eine aus neun Nummern bestehende Suite zusammen.

Hochklassige Spielfreude

Diese Suite für Orchester ‘Der Bürger als Edelmann’ op. 60 bildet das Hauptwerk der vorliegenden Aufnahme mit dem lettischen Dirigenten Paavo Järvi und der Deutschen Kammphilharmonie Bremen. Bereits nach den ersten Takten ist man schier überwältigt von der Spielfreude, die diese Musiker an den Tag legen. Strauss’ mit vielen Augenzwinkern versehene Partitur erweckt das Ensemble unter Järvi atemberaubend detailreich und schwungvoll zum Leben. Der in der Ouvertüre dargestellte Neureiche Jourdain wird hier in seinen ungelenken und unpassenden Bewegungen schonungslos nachgezeichnet, der Humor, den Strauss hier unglaublich spritzig musikalisch ausdrückt, mit Delikatesse und Sinn für feinste Schattierungen umgesetzt. Man merkt sofort, wie sehr dieses Werk dem jungen Letten am Herz liegt (was im Booklet zudem kurz angesprochen ist). Das von Strauss geforderte Kammerensemble kann hier mit instrumentatorischen Schmankerln nur so um sich werfen, besonders wenn sich die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen sich der Sache annimmt. Järvi und die Musiker schaffen es auf schier unnachahmliche Weise, eine Ensemblehomogenität herzustellen und trotzdem jede einzelne Stimme – wenn ihr eine kleine Hervorhebung gebührt – zart aus dem Kollektiv heraustreten zu lassen. Besonders der Witz und die Einfühlsamkeit der Musiker besticht hier auf ganzer Linie: mit soviel zuweilen trockenem, zuweilen bissig-bärbeißigem Humor nehmen Järvi und das Orchester den vermeintlichen Edelmann Jourdain auf die Schippe. Die Artikulation und Phrasierung steht hier im Dienste des Ausdrucks; sforzati und staccati kommen wie hingetupft, schwere Blechbläserakkorde (z.B. in der Ouvertüre) klingen als spielte hier die Blechbatterie eines ausgewachsenen Symphonieorchesters. Allein die feine Delikatesse und superbe Technik, die die Musiker hier zeigen, verdient höchste Lorbeeren.
Der Anfang des dritten Satzes ‘Der Fechtmeister’ mit der irre schnellen Linie in der Trompete kommt einzigartig leicht und fließend daher. Nimmt man sich die Partitur vor, so kann man nur staunen über die scheinbar mühelos herunterpurzelnden Linien in Trompete oder später im Klavier. Järvi trifft für jede Nummer das richtige Tempo und lässt die zündenden Details von Strauss plastisch hervortreten, ohne dass man den Eindruck hat, dass hier mit dem Zeigefinger auf jede schöne oder interessante Stelle gedeutet wird. Besonders lustig geht es dann im letzten Satz, dem ‘Diner’, zu. Augenzwinkernde Zitate aus ‘Rheingold’ oder Selbstzitaten aus dem ‘Rosenkavalier’ oder ‘Don Quichote’ stehen hier neben raffiniert instrumentierten Tanzsequenzen, die von Ideenreichtum nur so sprühen, genauso wie die Interpretation von Paavo Järvi und dem Kammerorchester aus Bremen.

Neben diesem selbst eher in zweiter Reihe stehenden Werks (zumindest was die Zahl der Aufführungen und Aufnahmen betrifft, nicht hinsichtlich des kompositorischen Wertes) gibt es noch zwei Werke, denen sich nun wirklich fast niemand widmet: Das Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Streichorchester und das Sextett aus der Oper ‘Capriccio’. Auch bei diesen Werken versprüht die Kammerphilharmonie Bremen so viel Leidenschaft und Spielfreude, dass man diese CD gar nicht mehr aus der Anlage nehmen möchte – oder zumindest für jede triste Stunde bereithält. Denn nach dieser vorzüglichen Aufnahme hat man garantiert wieder gute Laune.

Klangtechnisch in der Champions League

Das hervorragend disponierte und vor allem höchst kunstvoll und subtil balancierte Orchester wurde von den Technikern von PentaTone classics vorbildlich abgenommen. Jede Stimme ist hier eingebettet in einen schillernden Ensembleklang und dennoch bleibt jedes Detail gut hörbar. Ein Meisterstück, gerade auch, wenn man das notwendige Equipment besitzt, um diese SACD in Surround-Qualität zu hören. Die Tiefe des Orchesters kommt hier natürlich um Welten besser durch. Alles in allem eine Aufnahme, die man unbedingt besitzen muss – sofern man nicht zu den eher traurigen Geistern dieses Erdballs gehört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Suite for orchestra: Der Bürger als Edelmann op.60

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
13.09.2004
Medium:
EAN:

SACD
0827949006067


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Strauss, Richard


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Dirigent(en):Järvi, Paavo
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Interpret(en):Sepec, Daniel
Kern, Nicole
Arrué, Higinio


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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